Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1884)
- Date
- 1884-02-11
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227509--41488-3309962- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
101 minister die angemessene Antwort ertheilt. — Nach Panter ergriff der Abg. Badnay das Wort und bekannte sich offen zum Antisemitismus. Diese Gelegenheit benützt Redner dazu, um zu erwähnen, daß der Abgeordnete Karl Eötvös im vorigen Jahre in seiner Eigenschaft als Bertheidiger im Tißa- Eßlarer Prozesse eine Eingabe an den Minister des Innern gerichtet habe, in welcher er behauptete, daß in Ungarn bei Untersuchungen in Strafsachen die Untersuchungs-Häftlinge torturirt werden und daß speziell der Untersuchungsrichter in der Tißa-Eßlarer Affaire zwei Untersuchungs-Häftlinge der Wassertortur unterworfen habe. Diese Eingabe ist damals! auch in allen ausländischen Blättern in wörtlicher Ueber-, sctzung mitgetheilt worden und auch seither sind in Vater-? ländischen Zeitungen hie und da haarsträubende (sicherlich erj logcnc) Geschichten über das Gebaren der Untersuchungsrichter mitgetheilt. Darf man stillschweigend mit aniehen, j wie der gute Ruf des ungarischen Richterstandcs in den Staub! getreten wird, bloß weil der Herr Abg. Eötvös für Geld sich auch dazu hergegeben hat . . . (Bewegung rechts.) Präsident: Ich muß dem Herrn Abgeordneten bemerken, daß es in diesem Hause nicht üblich ist, einzelnen Abgeordneten solche Intentionen, zuzumuthen. Emerich Szalay: Er hat es ja nicht als Abgeordneter, sondern als Advokat gcthan! Andor Badnay (fortfahrend) . . . sich auch dazu hergegeben hat, das zu beschmutzen, was der würdigste Gegen-, stand unseres nationalen Stolzes war? Ich frage den Herrn | Justizminister, ob die erwähnten Behauptungen des Herrn! Abg. Karl Eötvös irgendwelche Begründung haben oder ob sie völlig unbegründet seien? Den Herrn Abg. Karl Eötvös aber, deffen Abwesenheit ich aufrichtig bedaure, fordere ich hier mit so viel Achtung als er verdient aus, mit jenen Taten hcrvorzutreten, auf welche er seine den guten Ruf unserer Gerichte beschmutzenden Behauptungen basirt. (Bewegung rechts.) — In der Sitzung vom 26. nahm nun Abg. Karl Eötvös, der am Tage zuvor abwesend gewesen, das Wort. Tie einleitenden Worte, welche sich aus die zweifache Stellung des; Redners als Advokat und als Abgeordneter bezogen, übergehen wir und geben dann den Wortlaut der in jeder Beziehung wichtigen und ergreifenden Rede. „Als kompetente Männer, Abgeordneten-Kollegen und Berufs-Kollegen mosaischer Konfession mich auffordertcn, in diesem berüchtigten rituellen Strafprozeß die Bertheidigung der unglücklichen Angeklagten zu übernehmen, da hat mein Gewissen lange schwer gekämpft zwischen der doppelten Pflicht, ob ich, wenn ich diese Sache unternehme, nicht meine publizistische und politische Stellung schädige und wenn ich sie nicht unternehme, ob ich nicht gegen jene höhere Menschenliebe und das Pflichtgefühl verstoße, die mich stets geleitet haben und mich auch künftig leiten werden. Als ich aber sah, wie die Agitation durch sechs Wochen im ganzen Lande betrieben wurde und wie es von Tag zu Tag zunahm: dieses Aushetzen, welches nicht mehr einige Schächter anklagte, sondern eine ganze Konfession; als ich sah, wie die antisemitischen Herren und Zeitungen sich nicht mehr begnügten, zu sagen: die Schuldigen — Peter und Paul, oder Abraham und Salomon — haben ihre Strafe zu erhalten, sondern wie sie durch alle Register der Leidenschaft und des ruchlosen Haffes ausposaunten, jener Handlung sei eine ganze Konfession schuldig, und als man dieser großen historischen Glaubensgenoffenschaft die entsetzliche Anklage von der rituellen Blutschuld auf die Stirne drücken wollte, damit es gleich dem Brandmale des Henkers Jahrhunderte hindurch aufrecht bleibe und für alle Zukunft der Aufregung Nahrung biete, deren traurige Erscheinungen wir bereits in einigen Gegenden unseres Vaterlandes erfahren haben; als ich das sah und als ich erfuhr, daß nachgerade bereits 72 Menschen ihrer Freiheit beraubt wurden und zwar unter der Wirksamkeit eines ungelehrten, unerfahrenen, im grünen Alter stehenden Vizenotärs, der als Untersuchungsrichter fun- ’ girte; als ich sah, daß der Herr Justizminister mit unvergleichlicher Unparteilichkeit eine derartige Jnhaftirung von 72 Menschen mit ansieht und in dieser seiner erhabenen Unparteilichkeit vielleicht selbst dann sich nicht in die Angelegenheit einmischen würde, wenn nicht 72, sondern 72 000 Menschen in Anklagezustand versetzt würden, wie denn auch in der That eine ganze große Religionsgenoffenschaft angeklagt wurde, welche unter der Wucht dieser entsetzlichen Anklage stumm, erschreckt und eingeschüchtert dastand, — da sagte ich mir: ich bin entschlossen, die Bertheidigung zu übernehmen: denn es mag geschehen können, daß die Leidenschaft des Antisemitismus mich zermalmt, nicht geschehen aber kann es, daß dieselbe mich mit sich hinwegreißt, und nicht geschehen kann, daß ich einer meiner vollsten Ueberzeugung nach ungerechten und herzlosen Anklage, sei es auch nur scheinbar, sei es auch nur stillschweigend, zustimme und Recht gebe. Gestern hat ein Abgeordneter — der erklärte, er sei Antisemit; ich denke, die Erklärung war nicht nothwendig, denn seine Worte hätten ohnehin keinen Zweifel darüber gelassen — gesagt, ich hätte mich dieser Angelegenheit für Geld angenommen, ja was mehr, ich hätte es noch überdies unternommen, das Ansehen des Gerichtes anzuschwärzcn. In politischen, in Abgeordnetenkreisen, ja sogar in der vaterländischen Presse ist die odiose finanzielle Seite dieser Angelegenheit häufig ventilirt worden. Wolle das geehrte Haus mir gestatten, mit einigen Worten auch hierauf zu reflektiren. (Hört! Hört!) Und das umsomehr, weil gestern der Herr Abg. Badnay dies mit eigenthümlicher Tendenzio-; sität vorgebracht hat. Als meine Freunde mich aufforderten,