Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1884)
- Date
- 1884-02-11
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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99 sich zum Schutze der Minorität geziemt, mit der Kritik zu-! rückzuhalten. Die Forschungen über die Geschichte des Chri-! stenthums der ersten Jahrhunderte sind in der jüngsten Zeit! mit so großem Eifer und Erfolg betrieben worden, daß der Verlauf Jedem, der davon Kenntniß nehmen will, klar ist. Sie zeigte, wie das Christenthum, zu Gunsten der sich zu ihm bekehrenden Heiden, sich vom Judenthume loslöste; wie es im Kampfe um seine Existenz gegen das Heidenthum und , um innerhalb desselben immer mehr Bresche zu legen, sich; eine Reihe eigenthümlicher Dogmen, ein nach und nach am wachsendes Dogmengebäude, fernab von dem Gottesbegriffe des Judenthums, aufrichtete, wie über diese Dogmen, je entschiedener der Sieg über das Heidenthum wurde, die schwersten Kämpfe entbrannten und der Streit der großen Sekten sich nicht selten erst auf blutigen Schlachtfeldern entschied; wie diese Entwickelung viele Jahrhunderte in Anspruch nahm, zahllose Concilien zur Feststellung jener Dogmen erforderlich waren nebst einer umfangreichen patristischen Literatur, so daß für die katholische Kirche diese Dogmen erst mit dem Tridentiner Concil (1545—1565) zum Abschluß kamen, dann aber wieder durch den Syllabus Pius' IX. und das vatikanische Concil noch in unseren Tagen wesentliche Zusätze er-: hielten. Neben diesen nahm die Entwickelung der hierarchischen Berfaffung einen beträchtlichen Raum ein, und zeigt uns seit den ersten Anschüßen in der Gemeindeverfaffung der ersten Christen bis zu unseren Tagen ein äußerlich und innerlich aussteigendes Wachsthum. Nicht weniger zieht die Trennung in die beiden großen Kirchen, die morgen- und abendländische, oder griechisch- und römisch-katholische unsere Aufmerksamkeit auf sich, und wenn die erstere schneller als die andere zur Periode der Stabilität gelangte, so hatte sie gegentheilig das Geschick einer besonders zahlreichen Sektirerei. Hingegen erwachte in der abendländischen Kirche das Bedürsniß nach einer gründlichen Reform. Die Erneuerung des Studiums der altklassischen Literatur, das Wiedererwachen der Wissenschaften und Künste, der Anbruch eines Jahrhunderts umwälzender Erfindungen und Entdeckungen erweckten den kritischen Geist, gefördert durch hierarchischen Druck und Mißbräuche. Die Reformation verwirklichte sich in großem Maßstabe. Doch auch hier dieselben Erfahrungen: sie mußte ihre Existenz und Duldung durch die blutigsten Kämpfe erfechten; gerade diese machte den Reformatoren die Formulirung ihrer Bekenntnisse, wie sie theils der alten Kirche entlehnt, theils neu geschaffen waren, nothwendig, und hierbei traten Verschiedenheiten hervor, die in dem Boden der neuen Kirche, der Kritik, wurzelten und mannichfache Spaltungen in Hauptkirchen und Nebensekten hervorriefen; mit der Fixirung der Bekenntnisse trat dann alsbald eine lange Periode der Stabilität ein, welche jedoch schließlich innerhalb der modernen Entwickelung, der Orthodoxie gegenüber, in die mannichfaltigsten Gcistesrichtungen bis zur Zersetzung und Negirung im Protestantismus aufginz. — — Das Leben des Islam zeigt uns eine viel einfachere Entwickelung. Mit dem Schwerte in der Hand bedurfte das Heer der Anhänger Mohameds nur einer verhältnißmäßig kurzen Zeit, um Vorder- und einen großen Theil Mittelasiens und Nordafrika zu überwältigen und den Islam daselbst herrschend zu machen. Auch der Islam stieß auf ein zersetztes, zerbröckelndes Heidenthum, und mußte, um es zu überwinden, wesentliche Elemente desselben in sich aufnehmen. Deshalb, obschon aus dem Judenthume seine Grundzüge entlehnend, zog er aus dem Sabbäismus jenen strengen und consequenten Fata- : lismus, mit welchem er seinen Gottesbegriff durchsetzte, und umgürtete sich mit der Ausschließlichkeit des Glaubens, sowohl an den einzigen Gott als an Mohamed seinen! Propheten, so daß alle Ungläubigen mit dem Schwerte zu vernichten, und zur ewigen Höllenqual verurtheilt seien. Aber auch in ihm gestaltete sich die Fixirung des Bekenntnisses zu einer großen Spaltung in Sunniten und Schiiten, mit und ohne Tradition, und die Entwickelung in rationalistischer und religionsphilosophischer Richtung blühte in zahlreichen Schulen und Sekten auf. Jndeß erdrückte der sich wiederholende Einfall barbarischer Horden, zuletzt der Seldschucken und Türken, den arabischen Geist und führte eine unbedingte Herrschaft der stabilen Orthodoxie herbei, unter welcher der Islam unbewegt noch heute steht. (Fortsetzung folgt.) Abermals aus dem Ungarische» ÄbgeorLnetenhause. Der alte talmudische Satz: „Eine Sünde zieht die andere nach sich", bewährt sich an dem ungarischen Reichstage. Jahre hindurch hat dieser die wahnsinnigen Reden Jstoczy's ruhig angehört, sie als Narrheit verlacht, insgeheim aber gedacht: cs schadet nichts, daß die Juden tüchtig etwas abbekommen. Da ist es denn gekommen, daß jetzt in diesem Abgeordnetenhause kaum eine Debatte vor sich gehen kann, ohne daß die Antisemiten irgend eine ihrer Explosionen hineinwerfen. Diese Menschen wissen sehr wohl, was sie thun. Sie wollen das Schwefelfeuer des Antisemitismus im Volke wach erhalten, immer von Neuem aufflammen lassen, besonders bis zu den nächsten Wahlen, wo sie auf einen großen Sieg rechnen. Unter diesen Umständen ist es sogar anerkennenswerth, daß von den gegenwärtigen Abgeordneten, obschon sie ihre Wiederwahl als gefährdet ansehen müssen, nur einer zu den gewerbsmäßigen Antisemiten übergetreten ist, so daß deren Zahl von fünf auf sechs gestiegen; es ist dies um so anerkennenswerther, als, wie sich bei der Rede des Justizministers Pauler in der Debatte zeigte, von welcher wir heute zu sprechen haben, eine nicht geringe Zahl derselben innerlich durch- 7*