Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1884)
- Date
- 1884-02-11
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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98 Tempels. Innerhalb dieser Geschichtserzählung werden bei den dazu gebotenen Veranlassungen und Gelegenheiten die Offenbarungen an Lehre und Gesetz ertheilt und berichtet, zuerst durch den Mund der Patriarchen, dann Moses', dann der Propheten. Selbst die Reden der Propheten lasten meist den Historisten Hintergrund erkennen, und viele Psalmen knüpfen an zeitweilige Ereignisse an. Hiermit ist von selbst die Entwickelung constatirt. Eine classische Stelle hierüber giebt uns 2 Mos. 6, 3: „Ich bin erschienen dem Abraham, dem Jsaac und Jakob als Gott der Allmächtige •'-ar bx, doch in meinem Namen 'n Ewig seiender bin ich ihnen nicht bekannt geworden." Es wird also hier in feierlichster Weise constatirt, daß der Gottesbegriff in zwei Stufen geoffenbart fei: auf der einen als Summe aller materiellen und geistigen Kräfte und Erscheinungen, auf der anderen als das absolute, unveränderliche, ewige Sein. Wir sagen „aller materiellen und geistigen", denn schon im 1. Buche Moses wird Gott als Vorsehung und Vergeltung an unzähligen Stellen gelehrt, wie er die geistige und die körperliche Welt beherrscht, sowie als Offenbarer des Gesetzes (1 Mos. 9, 1 ff.). Auf diesem Grunde erhob der Mosaismus den Kampf des Monotheismus gegen die Vielgötterei und die Götzenverehrung, hatte aber diesen durch viele Jahrhunderte im Schooße der eigenen Nation zu bestehen, in welche das Heidenthum immer wieder eindrang. Deshalb erstand das Prophenthum, und innerhalb dieses Kampfes entwickelte sich und vertiefte sich der Gottesbegriff immer mehr. Schon im Jahre 1835, im zweiten Jahrgang unseres „Israelitischen Predigt- und Schul-Magazins" gaben wir S. 392 ff. eine umfängliche Abhandlung: „Bon der fortschreitenden Entwickelung des Begriffs der Gottheit in der heil. Schrift." (Nur in der ersten Ausgabe enthalten.) Mit der Rückkehr der Exulanten nach Palästina trat die Periode der Stabilität ein: der Mosaismus in seinen Texten, in seinem Lehrbegriff und Kultus war festgestellt. Einige Jahrhunderte später, unter der Berührung mit Syrern, Aegyptern, Griechen und Römern erwachte der Entwickelungstrieb von Neuem und bethätigte sich in verschiedenen religiösen Parteien oder Sekten, von denen die eine (Sadduzäer) ' an dem Buchstaben der mosaischen Urkunde festhielt, die andere (Pharisäer) die Fortbildung des Gesetzes nach den veränderten Verhältnissen und Lebensbedingungen anstrebte. Hierzu gesellten sich nun die unsäglichen Mißgeschicke des Volkes, die römische Unterdrückung, die vernichtenden Freiheitskriege, die Zerstreuung durch alle Länder; um jene Anhänger der Stabilität zu beseitigen und die Fortbildung des Gesetzes zur Nothwendigkeit zu machen, theils um dem Volke in seinen neuen Verhältnissen feste Lebensnormen zu geben, theils um dieser veränderten Lage gerecht zu werden. Dies ist die talmudische Periode, die traditionelle Entwickelung genannt, weil sie in treuer Anhänglichkeit sich immer wieder an die mosaische Urkunde und die übrigen Bücher der heil. Schrift anlehnte, und in gewissenhafter Ueberlieferung die Aussprüche der vorangegangenen Lehrer zur Grundlage neuer Discussionen machte. Um die Zeit des Abschlusses des Talmuds hatte auch der Gebetkultus bis auf Nebensächliches feine bestimmte Form erlangt. So trat nun die Periode der Stabilität wieder ein, die bis vor fast einem Jahrhundert unangetastet bestand. Allerdings hatten die Rabbinen den vielfachen Complicationen der Lebensverhältnisse, wie sie in den verschiedensten Ländern der Erde und im Laufe der Zeiten sich herausstellten, zu genügen, und die umfänglichen Schätze an Gutachten und Responsen zeugen von dieser Thätigkeit; doch entfernten sie sich hierbei keinenfalls von dem halachischen Boden des Talmuds. Andererseits schuf sich das geistige Verlangen in der Religionsphilosophie und in der Kabbala neue Bahnen, sich jedoch theils eng, theils scheinbar an die Tradition anschließend,- immer aber den auf dem talmudischen Gebiete wenig angebauten Lehr- und Gedankeninhalt durch- und überarbeitend. Diese Religionsphilosophie war es, welche mitten durch die Zeiten der Stabilität das moderne Judenthum vorbereitete, wie sie z. B. auf Albertus Magnus und Spinoza den unmittelbarsten Einfluß übte. Wir brauchen hier in die von uns so oft schon besprochenen geschichtlichen Ursachen nicht näher einzugehen, welche die Reform im Judenthume herbeiführten, sie unabweislich machten. Einerseits wurden mit dem Eintritt in die allgemeine Kultur, analog wie bei der beginnenden Zerstteuung, für die Juden die Forderung und Bedingung des Lebens völlig andere, und wie die Schranken fielen, die sie bis jetzt von allen Lebensbahnen geschieden hatten, so mußten nothwendig auch die Wälle des Stabilismus durchbrochen werden und fallen. Andererseits führte die Beschäftigung und das Studium aller Zweige der Wissenschaft und der geistigen Bildung aus dem bisherigen enggefchlossenen Kreise der Geistesthätigkeit heraus und auf die weiten Pfade der allgemeinen Geistescultur, womit zugleich auch für das religiöse Bedürfen und Erkennen ein veränderter Maßstab erstand. Genug, schon aus diesem Ueberblick erkennen wir, daß im Judenthume die fortschreitende Entwickelung fast niemals aufgehört hat und nur hie und da durch einen kürzeren oder längeren Stillstand unterbrochen worden. Ja, das Judenthum war hierzu ganz besonders durch die Einfachheit seiner Dogmen und durch die in ihm wenig vorherrschende Neigung, diese Dogmen wörtlich zu fixiren, geeignet. Ganz ähnliche Erscheinungen treten uns im Christenthum und im Islam entgegen. Es ist nicht unsere Absicht, den Nachweis hinsichtlich dieser beiden großen Religionen eingehend zu führen. Man ist gegenwärtig von christlicher Seite gegen jede Aeußerung und Beurtheilung, die sich ein Jude auch in unbefangenster Absicht gestattet, so empfindlich, daß es