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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-02-04 · Heft 6 (4.2.1884) · p. Seite 90

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 6 (4.2.1884)
Date
1884-02-04
Page
Seite 90 (sequence 10)
Language
German
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90 wähnte: „Siehe, Sie haben den jüdischen Mitbürger über sich erhoben und wollen ihn zu Ihrem Abgeordneten wählen;" welche Freude es war, von ihm zu hören, wie fortgeschritten die Stadt Preßburg sei, daß ihr Vertrauen sich in einem Juden konzentrirte (Heiterkeit): dann würden Sie mir wirklich nicht glauben, daß es der nämliche Ivan Simonyi sei, der seine heutige Rede im Hause gehalten hat. Moriz J<'»kai: So ist's! (Wahr! auf der äußersten Linken.) Geza Polonyi: Der Herr Abg. Simonyi wurde in die gemäßigte Opposition gewählt, hat es aber nach dem Spruch: .,8ai>ien1is est, eonsilium muture in melius“ für besser gefunden , zur äußersten Linken überzugehen. Bei jener Gelegenheit ist von ihm ein Werk erschienen, aus welchem er heute einen Auszug geboten hat und in welchem er feierlich gegen den Parlamentarismus protestirte und für die Aristokratie und den Cäfarismus eine Lanze einlegte. Ivan Simonyi: Um Vergebung! Das ist nicht richtig! G^-za Polonyi: Später ist der obige Spruch wieder zur Geltung bei ihm gekommen und er ist von der Unabhängigkeitspartei zu den Antisemiten gegangen, unter denen er jetzt die neueste Fraktion der Antisemiten begründet hat, die in Ivan Simonyi verkörpert ist. Auch Minister-Präsident Kolomar Tißa blieb dem Antisemiten die Antwort nicht schuldig, hütet sich aber gleichwohl, sich mit Herrn Simonyi in eine semitische oder antisemitische Debatte einzulassen. Es wurde, sagt Tißa, von neuen Parteibildungen und davon gesprochen, daß es eine antisemitische und eine judenfreundliche Partei geben werde. Ich, geehrtes Haus, habe gegenwärtig noch keine Kenntniß von einer solchen neuen Parteibildung; will ich aber die Auffassung des Herrn Abgeordneten als Grundlage der neuen Parieibildung annehmen, dann würden diese zwei Parteien, wenn sie wirklich zu Stande kommen sollten, andere Namen verdienen, die eine würde nämlich „die Partei der Menschenrechte, des Rechtes und der Freiheit für Jedermann", die andere „die der Beraubung eines Theiles der Landesbewohner ihrer Rechte und ihrer Sicherheit der Person und des Vermögens" heißen. (So ist's! rechts.) Das Haus hatte übrigens das Gewäsch des antisemitischen Herrn Redacteurs mit so offenbaren Zeichen der Misachtung ausgenommen, daß dieser auch ohne die Antwort Jranyi's und des Minister-Präsidenten gerichtet gewesen wäre. Pest, 22. Januar. (Privatmitth.) Als wenn die starke antisemitische Strömung in Ungarn gegen die Juden noch nicht Unglück genug für diese wäre, gesellen sich hierzu die heftigsten Streitigkeiten zwischen den, in keinem anderen Lande so gespaltenen und gegen einander verbitterten orthodoxen und reformistischen Juden, welche letzlern Kvngreßgemeinden benannt werden und sicherlich zu dem gemäßigtesten Theile der Reformers gehören. Wir haben schon berichtet, daß von Seiten der israelitischen Gemeinde-Distriktspräsidenten eine Denkschrift an den Kultusminister gerichtet worden, in welcher sie um eine neue einheitliche Organisation der jüdischen Gemeinden bitten, innerhalb derer jede Kultusrichtung gottesdienstlich sich versorgen könnte. Hiergegen hat nun die „orthodoxe Vermittelungs-Kommission" ihrerseits eine Eingabe an den Kultusminister gerichtet, die wir im Folgenden skizziren wollen: In der Einleitung wird von der Eingabe der Kongreß- Partei gesagt, diese ignorire historische Thatsachen und berühre die allerhöchst sanktionirte Organisation der orthodoxen Konfession nur nebenbei und nicht den Fakten entsprechend, um die öffentliche Meinung irrezuführen und namentlich seien die Behauptungen hinsichtlich der Matrikenführung und der Winkclschulen verleumderisch. Die orthodoxe Judenschaft stehe hinter Niemandem an Patriotismus zurück, und wenn der Gebrauch der Staatssprache dafür ein Kriterium sei, so könne man darauf Hinweisen, daß jüdisch-orthodoxe Gemeinden, die sich in deutschen und slavischen Ortschaften befinden, die ungarische Sprache benützen und verbreiten. Die orthodoxe Judenschaft sei nicht exklusiv, für ihe Volksschulen bestehen keine Ausnahme-Bestimmungen, sie sei im Allgemeinen für die Institution der Simultanschulen. Die Kongressisten verletzen fortwährend die Gewiffensfreiheit, indem sie vereinigen wollen, was durch unüberbrückbare Gegensätze getrennt ist, und es ist nicht Liberalismus, sondern reaktionärer Geist, der in dieser Beziehung das Memorandum der Kongressisten durchweht. Die Orthodoxen sollen gezwungen werden, sich den Kongressisten anzuschließen, damit die Neologen ihre konfessionellen Institutionen mit Hilfe der Orthodoxen bester sollen kultiviren können, welche zu benützen den letzteren durch die Religion untersagt ist. Unter solchen Umständen kann man also nicht von einer Einheit der Gemeinde oder Konfession sprechen. Sie haben ein Rabbinerseminar errichtet, das in ^Anspruch zu nehmen, den Orthodoxen die Religion verbietet. Auf den Borwurf der Zurückgebliebenheit wird erwidert, j daß die Orthodoxen, was die Religion betreffe, in der That keine Neuerung kennen, daß sie aber auf sozialem Gebiete mit den Forderungen der Zeit rechnen, dafür zeugen die Opfer für die Volksschulen. Wenn hie und da, wie auch bei anderen Konfessionen, Versäumniste Vorkommen, so sei der Gesetzartikel XXXVIII; 1868 da, und es seien behördliche Organe vorhanden, dieses Gesetz auszuführen. Die i Kongressisten weisen auf die Zurückgebliebenheit der orthodoxen Juden in den nördlichen Komitaten hin. Dieser Borwurf I wäre berechtigt, wenn die dortigen Bürger anderer Kon- I fessionen kultivirter wären als sie. So wie man die Kultur j Ungarns nicht nach jener in den nördlichen Komitaten be-! urtheilen darf, ebensowenig darf man die Gesammtheit der

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