Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 6 (4.2.1884)
- Date
- 1884-02-04
- Page
- Seite 89 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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89 waltungsangelegenheiten ein schwerer Verlust. Seine ersprießliche Thätigkeit in seinem Berufe als Lehrer, seine mustergiltigen Arbeiten als Sekretär des Kirchcnvorsteheramtes sind allgemein anerkannt. Im politischen Leben zeichnete er sich durch Beherrschung sowohl des mündlichen als auch des schriftlichen Gedankenausdrucks, sowie durch Schlagfertigkeit und Ueberzeugungstreue aus, und es darf wohl an dieser Stelle betont werden, daß er, im Gegensatz zu dem Verhalten mancher seiner Parteigenossen, auch den Ansichten des Gegners Gerechtigkeit widerfahren ließ und den Parteihaß nicht in's Privatleben übertrug. Oft, wenn der Kampf am heftigsten tobte und die Gemüther zu verwirren drohte, war er es, der von Ausschreitungen und die Lage noch mehr verschärfenden Schritten abmahnte. Dieses Verdienst, sein beruhigendes, versöhnliches Wirken wurde nur von Wenigen erkannt, man beschuldigte ihn oft des Gegentheils, wohl nur deßhalb, weil man in ihm, als dem eigentlichen geistigen Leiter seiner Partei, auch dem Veranlasser vieler Aeußerungen einzelner derselben erblickte. An seinem Grabe trauern fünf Söhne und zwei Töchter; erstere in den geachtetsten Stellungen. Die Gattin ging ihm schon vor zwei Jahren im Tode voraus. Mannheim, Januar. (Privatmitth.) Die Neuzeit erzeugte so vielerlei unliebsame sociale Erscheinungen, daß es wohl geeignet erscheinen dürfte, von einer erfreulichen Thatfache zu berichten. Nach dem Badischen Schulgesetze besteht in jeder Gemeinde ein Ortsschulrath, wozu in Städten die Lehrer ein Mitglied aus ihrer Mitte zu stellen haben. Bei der jüngst vorgekommenen Wahl wurde Herr Haupt lehrer Kern (Israelit) von seinen Kollegen zum Mitglied des Ortsschulraths gewählt. In der hiesigen Einwohnerschaft, welche als human und freisinnig bekannt ist, macht diese Kundgabe echter Toleranz von Seiten der Jugendbildner den freudigsten Eindruck. Es sei noch bemerkt, daß die hiesige erweiterte Volksschule über 6000 Schüler mit circa 85 Lehrern (darunter 3 israel.) zählt. Oesterreich-Ungarn. Wien, 24. Januar. (Privatmitth.) Wie die Journale melden, hat sich das hiesige Kultusministerium mit dem ungarischen ins Einvernehmen gesetzt, um die äußeren Rechtsverhältniffe der Juden (die der Gemeinden) zu regeln. Wie ich vernehme, hat man sich auch an das preußische Kultusministerium gewendet, um Aufschlüsse über die dortigen Berhältnisie und wie sie sich in Folge des Gesetzes Laster (über den Austritt) gestaltet haben, zu erhalten. Pest, 17. Januar. (Privatmitth.) Im ungarischen Reichstage stehen die Juden immer auf der Tagesordnung. Das muß man den Herren Antisemiten lasten, sie finden immer Gelegenheit, die Judenfrage aufs Tapet zu bringen und das ermüdete Haus in Heiterkeit zu versetzen. Gestern trug gelegentlich der Berathung über das Budget Herr Simonyi die Kosten des Tages. Er gab sich in seiner Rede der Hoffnung hin, daß es bei den im Juli d. I. stattfindenden Reichstagswahlen nur eine Antisemiten- und eine Judenpariei geben würde und erkühnte sich, den Mitgliedern der Nnabhängigkeitspartei zu bestreiten, daß sie die Träger der 48er Ideen seien. Er bezweifelt dies, denn dieselben haben nichts dagegen eingewendet, als man Leute wegen der Juden ihrer Freiheit beraubte und als der Minister mit der Beschränkung i der Preßfreiheit drohte. Die Antisemiten sind es, welche die 48 er Ideen von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit weiterentwickeln wollen. Daniel Jranyi, einer der edelsten Männer im Hause, fertigte den Antisemiten in gebührender Weise ab, Jranyi legt zunächst feierliche Verwahrung dagegen ein, daß der Antagonismus gegen einen Volksstamm oder eine Religionsgenoffenschaft, die Verunglimpfung und Verfolgung derselben in der 1848er Gesetzgebung begründet sei, oder mit dem Geiste derselben irgend etwas gemein hätte, wie man dies heutzutage vielfach glauben machen möchte. Redner betont, daß im Gegentheil Racenhaß und Unduldsamkeit den 46 er Gesetzen, zu deren Schaffung auch er sein bescheidenes Theil beigetragen (Eljen!), schnurstraks Zuwiderlaufen. Der 1848 er Reichstag konnte allerdings nicht sofort alle Uebelstände saniren, welche er in dieser Hinsicht vorfand; aber er beeilte sich, dieses Versäumniß, sobald es ihm möglich war, gründlich wett zu machen dadurch, daß er die volle politische Gleichberechtigung der israelitischen Mitbürger aussprach. Der Alterspräsident des Landtags Ladislaus Paläezy begrüßte damals diesen Beschluß mit den Worten: „Dies ist Ungarns schönster, ruhmvollster Tag!" (Zwischenruf! Wir sehen viel von dem Segen der Gleichberechtigung! Energischer Widerspruch rechts.) G^za Polonyi, der nach Jrainsi das Wort ergreift, erzählt — zur Charakterifirung des Herrn Simonyi — Folgendes: Es war in den sechziger Jahren. Ich war damals ein junger Mann, interessirte mich aber gleichwohl für die öffentlichen Angelegenheiten. In Preßburg begegnete ich einem stattlichen jungen Manne, voll Festigkeit in der Entschließung, voll Muth und edler Begeisterung, der mit wirklich bewundernswerther Selbstaufopferung für jene Ideen kämpfte, für welche auch ich mich begeisterte: für Gleichheit und Brüderlichkeit. Wir hatten auch einen Abgeordneten-Kandidaten. Er war Wahlbürger, ich nicht. Dieser Kandidat war : — ein Jude, nämlich Eduard Horn. Wenn die Mitglieder , des Hauses zugegen gewesen wären, als Ivan Simonyi mit!dem heiligen und edlen Eifer männlicher Ueberzeugung er- 6