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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-02-04 · Heft 6 (4.2.1884) · p. Seite 87

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 6 (4.2.1884)
Date
1884-02-04
Page
Seite 87 (sequence 7)
Language
German
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87 cvtVti/icj Deutschland.! Berlin, 22. Januar (Privatmitth.) Die hiesigen liberalen Blätter ziehen cs jetzt vor, antisemitische Versammlungen und Reden mit Stillschweigen zu übergehen. So haben sieB. von dem „Kaisercommers der deutschen Studenten", in welchem Stöcker und Prof. Wagner die Hauptredner waren, gar keine Notiz genommen, und hielten ihn selbst nicht dadurch fürwichtig genug, daß die conservativen Abgeordneten, an ihrer Spitze Graf Moltke, zugegen waren. Wir können diese Methode nur billigen. Denn einerseits giebt sie Zeugniß, daß das große Publikum für diese antisemitischen Kundgebungen kein Interesse mehr hat — sonst würden die Zeitungen darüber nicht schweigen können — andererseits frißt ein Oel- oder Gifttropfen immer weiter um sich, wenn er auf's Papier gebracht wird. — — Bei dem großen und berechtigten Aufsehen, welches das Verschwinden einer Kinderleiche auf dem Friedhofe der jüdischen Gemeinde in Weißensee macht, darf nicht unbeachtet bleiben, daß die Zustände auf diesem Friedhose schon häufig zu Privatklagen Anlaß waren. So wurden in voriger Woche an einem Tage drei Sachen vor dem Schöffengericht in Moabit verhandelt, die alle direkt oder indirekt den Kirchhofsinspector Lichtenstein, gegen den fich die vielleicht unberechtigte Anzeige wegen des Leichenraubes richtete, betrafen. Zuerst wurde der Berichterstatter Kaiser, der in dem „Deutschen Tagcbl." erzählt hatte, daß aus dem Friedhofe Hasenjagden veranstalte, wegen dieser Behauptung freigesprochen, nachdem er Zeugen für dieselbe erbracht. Kaiser wurde sodann zu 10 Mark Geldbuße verurtheilt, weil in dem Artikel ein nur zur Aufklärung der Redaction bestimmter Paffus stehen geblieben war. Sodann wurde der Gemeindevorsteher M. zu 40 Mark Geldbuße verurtheilt, weil er einen hiesigen Kaufmann, der über Lichtenstein gleiche Behauptungen wie Kaiser gemacht hatte, einen Lügner nannte. Zuletzt wurde in Sachen Lichtenstein gegen Kalitzki verhandelt. Kalitzki war früher als Leichenträger in Weißensee angcstcllt, hat abeL vor längerer Zeit seine Entlastung erbeten und sodann zwei Brochüren veröffentlicht, in welchen er die Zustände auf dem Kirchhofe und das Verhalten des Inspektors etwas drastisch schilderte. Letzterer hatte gegen den Verfasser wegen ungefähr 30 Beleidigungen und Verläumdungen geklagt. Das Resultat der fast einen ganzen Tag dauernden Verhandlung war, daß L. cs nach den Zeugenvernehmungen für gerathen hielt, den größcsten Thcil der Klagepunkte fallen zu lasten und Kalitzki sodann wegen Beleidigung zu .'»5 Mk. Geldbuße und in die Kosten verurtheilt wurde. Wie wir hören, hat der Gemeindevorstand nunmehr die Sache in die Hand genommen. — Bei der Beerdigungsfeier Eduard Lasker's in der Synagoge wird außer dem Geistlichen nur Fr. Kapp eine Ansprache halten. Am Abend des 28. d. bei der Gedächtniß feier in der Singakademie wird außer dem Abg. Dr. Bamberger wahrscheinlich auch Abgeordneter Dr. Häuel die Verdienste Lasker's würdigen. — Zwischen Stöcker und den Sozialdemokraten ist der Krieg erklärt. Stöcker hat diesen den Fehdehandschuh hingeworfen, weil sie ihm bei den Wahlen nicht zu Willen waren. Für Stöcker ist dies sehr willkommen, da er hierdurch nach oben sich rechtfertigt und seinem Anhang wieder Leben giebt. — — Als Termin für die im Berliner Handwerkerverein abzuhaltende größere Gedächtnißfeier zu Ehren Lasker's, bei welcher der Abg. Rickert die Festrede halten wird, ist der!>. Februar festgesetzt worden. — Im Wahlkreise Lasker's werden in allen Städten Trauerfeierlichkeiten abgehalten werden. Berlin, 24. Januar. (Privatmitth.) Der jüngste Dienstag bot uns Gelegenheit einer ebenso lehrreichen, wie resultatvollen Versammlung beizuwohnen. Ter Deutsch-Israelitische Gemeindcbund, desten Vorort seit zwei Jahren Berlin ist, hatte seine außerordentlichen Mitglieder und mehrere Gönner zu einer Versammlung eingeladen, welche im Saale des Brüdervereins stattfand und in ihren Verhandlungen ein erfreuliches Bild von der Thätigkeit dieser Institution erkennen ließ. Wir bemerkten unter den etwa 80 Erschienenen hervorragende Glaubensgenoffen aus den verschiedensten Berufskreisen, wie Gelehrte, Schriftsteller, Lehrer, Kaufleute, Handwerker. Nachdem der geschäftsführende Vorsitzende, Herr Geheimrath Dr. Kristeller die Erschienenen mit kurzen Worten begrüßt hatte, übernahm Herr Professor Lazarus die Leitung der Versammlung und ertheilte Herrn Kristeller das Wort zum Geschäftsbericht. Der Redner erstattete denselben in kurzen, klaren Zügen unter gespannter Aufmerksamkeit des Publikums, welches mit sichtlichem Jntereffe von der Fülle dessen, was gethan worden ist, Kenntniß nahm. Wir wollen hier nur den einen Punkt als Beweis für den Geschäftsumfang mittheilen, daß im letzten Jahre in dem Bureau in der Sigismundstraße gegen 2000 Briefe eingegangen und ebensoviel ausgeschickt worden sind. Bei dem Bericht über die Thätigkeit des Bundes für Religionsunterricht, stellte Redner die Ausbildung von Lehrern und die Gewinnung eines Rormalplans als Hauptziel hin, da namentlich ohne den letzten einer obligatorischen Einführung des jüdischen Religions»

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