Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1884)
- Date
- 1884-01-29
- Page
- Seite 74 (sequence 10)
- Language
- German
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_ 74_ der Reaction gar nicht bedeutend. Dem fast einstimmigen j Pest, 20. Januar. Die „Pol. Corresp." meldet: „Der Votum des Abgeordnetenhauses steht im Oberhause nur eine Gesetzentwurf, betreffend die Ehen zwischen Christen und Ju- Mehrheit, das erste Mal von 6, das zweite Mal von 9 Stimmen gegenüber. Aber in den Reihen der Gegner steht wie ein Mann die gesammte Geistlichkeit und die noch immer einstußreiche Gentry, wozu nun die antisemitische Gesinnung in dem größten Theile des Volkes sich gesellt. lieber 700 Dankadressen — darunter auch von orthodoxen Judengemeinden, find beim Oberhause auf dessen erstes Votum eingelaufen. Dies hätte nun die Regierung weniger zu fürchten, wenn nicht in diesem Jahre Neuwahlen zum Abgeordnetenhause bevorständen. Die Reactionspartei wird alle Hebel in Bewegung setzen und die Geistlichkeit besonders das Landvolk bearbeiten. Dadurch ist das Abgeordnetenhaus in seiner gegenwärtigen liberalen Mehrheit hoch bedroht und die Zukunft Ungarns steht sehr düster aus. den, wird mit einer Motivirung, welche die Aufrechthaltung des dem Gesetze zu Grunde liegenden Prinzipes zum Ausdrucke bringt, von der Tagesordnung des Abgeordnetenhauses abgesetzt werden. Es wird uns gleichzeitig als sehr wahrscheinlich bezeichnet, daß der Gesetzentwurf, betreffend die Reform des Oberhauses, in dieser Session nicht mehr der legislativen Behandlung zugeführt werden wird." Wir unsrerseits können hiermit nur zufrieden sein, damit die Aufregung im Lande, deren Prügelknabe zuletzt doch nur die Juden gewesen wären, sich zu beruhigen Zeit habe. Belgien. Brussel, 16. Januar. (Privatmitth.) Die Friedhofsfrage steht in Belgien noch immer auf der Tagesordnung. Pest, 14. Januar. Das Abgeordnetenhaus trat heute! Wenn in irgend einer Angelegenheit die Intoleranz des Rain die General-Debatte über das Budget ein. Nachdem der dicalismus, der in Belgien seine Herrschaft nur vermöge des Referent seine Rede beendigt hatte, meldet der Präsident, daß Census durch eine knappe Majorität in den parlamentarischen der Schriftführer des Oberhauses mit dem Nuntium desselben erschienen sei. Behufs Entgegennahme der Botschaft wird die Budget-Debatte unterbrochen. Graf Bela Cziraky nimmt nach herkömmlichem Brauche vor der Präfidenten- Estrade Ausstellung. In diesem Augenblicke ertönen auf der äußersten Linken stürmische Eljen-Rufe, die minutenlang währen; die Antisemiten und Radicalen applaudiren lange, und Emerich Szalay ruft: „Das ist einmal kein Jude!" Nachdem der Sturm sich gelegt hat, meldet Graf Bela Cziraky mit lauter Stimme, daß das Oberhaus die Vorlage über die Mischehen neuerdings in Berathung gezogen und auch diesmal nicht als Grundlage der Special-Debatte angenommen habe. Bon der äußersten Linken ertönt abermals Applaus und Eljen-Geschrei. Der Präsident bemerkt, das Nuntium Körperschaften aufrecht erhält, so recht zu Tage tritt, so ist es die Friedhofsfrage. Damit man nicht diese Anklage als einen Ausfluß der Parteilichkeit bezeichnen könnte, will ich nur daran erinnern, daß man in Nordamerika die Freiheit ganz anders versteht. Dort kann Jedermann einen Friedhof anlegen, wo und wie er will, sobald er nachweist, daß den gesundheitspolizeilichen Vorschriften, die dort ebenso gut wie in allen civilifirten Staaten bestehen, Genüge geschehen ist. Warum kann sich nun der belgische Radicalismus zu solcher Freiheit nicht aufschwingen? weil ihm eben sehr wenig an der Freiheit, Alles aber an seiner Herrschaft gelegen ist. Es ist möglich, daß er auf diesem Wege an seinem eigenen Sturze arbeitet. Jetzt ist noch seine Herrschaft dadurch gesichert, daß er die strengste Parteidisziplin übt und so selbst gewerde in Druck gelegt und seinerzeit auf die Tagesordnung mäßigte Elemente in Zaum hält, weil sonst, sobald die libegestellt werden. Damit ist die Episode, die mit großer j rale Partei nur im Geringsten zerbröckelt, die Klerikale zur Spannung erwartet wurde, vorüber, und die General-Debatte! Herrschaft gelangt. Kommen aber die Gemäßigten erst zu über das Budget wird fortgesetzt. I der Ueberzeugung, daß sie unter einer klerikalen Regierung, In der Discussion über die Stellung der österreichischen j die ja doch an die Constitution gebunden ist, weniger zu Jndigenen in Ungarn beginnt man in Pest nun auch die leiden haben würden als unter der radicalen, so wird es Consequenzen zu ziehen, welche sich aus der vorgestrigen Abstimmung ergeben können. Bereits wird, wie „Egyetertes" schreibt, in einflußreichen politischen Kreisen die Frage aufgeworfen, was geschehen würde, wenn in einer zwischen Oesterreich und Ungarn streitigen wirthschaftlichen Frage die Schwarzenberg, Liechtenstein, Starhemberg und Auersperg zuerst als Mitglieder des Herren- oder Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrathes in Wien zu Gunsten Oesterreichs votiren und dann nach Pest gehen würden, um dort abermals mit der letzteren zu Ende sein. — Bekanntlich wurde den Israeliten Brüssels durch Bürgermeistereibeschluß die weitere Benutzung ihres Friedhofes untersagt. Nachdem nämlich der Cassationshof erklärt hatte, daß das französische Gesetz vom Praireal, Art. 15 als durch die Constitution aufgehoben anzusehen sei und eine andere gesetzliche Bestimmung über die Friedhöfe nicht besteht, liegt es im Belieben der Bürgermeister, hinsichtlich der Friedhöfe zu verfügen. Der radicalen Herrschaft aber konnte sich die Brüsseler Bürgermeisterei nicht ihr Votum zu Gunsten Oesterreichs abzugeben. Eine Antwort! entziehen. Die Jsrealiten Brüssels fanden den Ausweg, mit vermag.„Egyetertes" auf diese Frage nicht zu ertheilen. j dem Bürgermeister von Uccle, einer selbständigen Vorstadt L