Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1884)
- Date
- 1884-01-29
- Page
- Seite 72 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Der Aufruf hatte zahlreiche, aber keine besonders namhaften l Spenden zur Folge. Ihre Gesammtsumme belief sich auf Mk. 7832.20. Desto bessern Erfolg hatte er nach anderer Seite. Er gelangte mit einem besonderen Schreiben um Beihilfe an „das deutsche Centralcomite für russ.-jüd. Flüchtlinge" in Berlin. Nach einem, längere Zeit hindurch gepflogenen Briefwechsel machte uns der verdienstvolle Leiter desselben, Herr Justizrath Makower, die Mittheilung, daß er Pfingsten zur Prüfung der Sachlage und zu Verhandlungen mit unserm Comite nach Memel kommen wolle. Am 13. Mai Abends traf derselbe hier ein und verließ am 16ten unsern Ort wieder. Nach eingehenden Prüfungen, welche sich auf Schule, Krankenhaus, Auswanderungsangelegenheit, Geschäftsführung, Unterstützungsempfänger rc. bezog, wurden in einer gemeinsamen, am 15. Mai, Vormittags von 9 bis 12 Uhr dauernden Sitzung in einem Schlußprotokoll die Grundzüge festgestellt, welche der künftigen Organisation und Geschäftsführung des Comites zur Basis dienen sollten. — Der Herr Justizrath Makower glaubte, uns nicht unerhebliche Capitalzuschüfie von Seiten des deutschen Centralcomite» zur Erhaltung unserer Institute in Aussicht stellen zu können; erlheilte auch gleichzeitig den Rath, uns auch noch an die andern bestehenden Comites, sowie an die reicheren Gemeinden und Privatpersonen zur Erlangung von Capitalzuschüssen zu wenden, damit nnsere Anstalten, besser fundirt, nicht nothwendig hätten, von unzulänglichen, mühsam zusammengebrachten Geldern, ihren Bestand zu fristen und wir nicht so häufig, wie bisher, mit unsern Hilferufen vor die Oeffentlichkeit hinzutreten brauchten. Bald darauf war ein ausführliches Schreiben des deutschen Centralcomitös, resp. des Herrn Justizraths Makower, d<3. Berlin, 25. Mai, bei uns angelangt, welches anzeigte, daß das Berliner Centralcomite in Folge unserer Gesuche, zunächst die halbjährliche Besoldung der Lehrerin Scharfetter auf 240 Mk. sich belaufend, ferner 600 Mk. um damit die Familie Bobbe nach Amerika zu befördern, angewiesen hat. Ferner wurde mitgetheilt, daß unserm Comite für solche auswandernde russische Juden, welche von ihren Verwandten ins Ausland gerufen werden, 5000 Mk. dergestalt zur Verfügung gestellt worden seien, daß die Summe nach Bedarf in Raten bezogen werden könne; dazu war bemerkt worden, falls sich dieser Fonds als nützlich erweisen sollte, seine Vergrößerung bei Bedarf zu erzielen sein werde. Endlich und hauptsächlich wurde uns mitgetheilt, daß für das Krankenhaus ein Kapital von 5000 Mk. und für die Schule ein Kapital von 40,000 Mk. festgelegt worden, die Verwaltung jedoch vorläufig noch vom Centralcomite erfolgen und unserm hiesigen Comits halbjährlich die Zinsen durch das Bankhaus Julius Bleichröder & Co., Berlin, zugesandt werden sollten, lim die Kosten der Schule bis zum laufenden 31. Decbr. decken zu können, hat das deutsche Centralcomite später angekündigt, mittelst Zuschrift vom 26. Juni, nochmalige Mk. 1000 als außerordentlichen Zuschuß zu verwilligen. — Ein gleichartiges und gleichzeitiges Gesuch war auch an das „Comite zur Unterstützung der bedrängten russischen Israeliten" in Frankfurt a. M. abgegangen und hatte den erfteulichen, mittelst Zuschrift vom 2. Juli 1883 uns angezeigten Erfolg, daß das verehrliche Comite unter Vorsitz des Herrn Adolph B. H. Goldschmidt eine Kapitalssumme als einmaligen Zuschuß zum Krankenhausfonds von 4000 Mk. verwilligt habe. Dasselbe Comite hat uns erst vor wenigen Tagen mittelst Schreiben vom 30. Dec. 400 Mk. gesandt, welche Summe wir der Thalmud - Thora - Schule für den hebr. Unterricht unserer Schulknaben verschuldeten. Unsere Schule ist somit einschließlich der 12,000 Mk., welche dieselbe aus früheren Sammlungen bereits besaß, gegenwärtig mit 52,000 Mk. fundirt; auch der Fonds unseres Krankenhauses ist von 7000 Mk. auf 16,000 Mk. angewachsen, deren Zinsen neben den anderweitigen Einkünften unsern Anstalten zu Gute kommen. Sollten uns die Subventionen, welche die Alliance isr. univ. in Paris für unsere Schule zahlen läßt, auch ferner verbleiben, sollte es uns gelingen ein eigenes Schulhaus mit Lehrerwohnungen zu erwerben, so wäre namentlich der Schule ein reguläres und ausreichendes Auskommen gesichert. Soviel hinsichtlich der Erfolge im Allgemeinen. Fm Speciellen wollen wir noch kurz das Folgende hervorheben. Es ist einer sehr großen Anzahl von Personen durch kleinere oder größere Summen momentan oder auch dauernd geholfen worden. Es genügt der dem Protokoll der Vierteljahressitzung am 7. Octbr. entnommene Vermerk, wonach laut Rechnungslegung des Cassirers an die Auswanderungs- und Unterstützungscasse allein im zweiten Quartal 216 Anweisungen auf Unterstützungen gelangt find und honorirt wurden. Auch einigen russischen Städten, wie der niedergebrannten Stadt Ragola, sowie den Nachbarstädten Plungian und Salanten, welche von ihren Grundherren schwere Bedrückungen erfahren haben, konnte einige Hilfe gewährt werden. Das Comite hatte cs für zweckmäßig erachtet, mittelst einer nach Plungian geschickten Commission, an Ort und Stelle selbst sich über den Zustand der Angelegenheit Aufklärung zu verschaffen und mit dem Grundherrn der beiden Städte, Fürsten O., über einen Ausgleich des obwaltenden Streites zu verhandeln. Beförderung und Unterstützung von Auswanderen gehörten auch im abgelaufenen Jahre zu den Obliegenheiten des Comitäs. Der aus dem Vorjahre überkommene Cassenbestand, die diesjährige oben erwähnte Geldsammlung, sowie die vom deutschen Centralcomite verwilligten 5000 Mk. wurden vorzugsweise zu diesem Zwecke verwandt. Und als alle diese Summen beinahe verbraucht waren, da wandten L