Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1884)
- Date
- 1884-01-29
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
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71 eben wegen der aus ihr hervorgehenden Verrohung von Anfang an unsympathisch war. Aber, m. H., das darf nicht unausgesprochen bleiben, daß die sogenannte jüdische Presse in einer Weise provocirt, das Gefühl der Christen und Katholiken so empörend verletzt hat, daß sie sich nicht wundern und beklagen darf, wenn solche Excesse Vorkommen, die ich im höchsten Grade mißbillige, und ich möchte wünschen, daß diejenigen, die Einfluß haben, dem ein Ziel setzen." Abg. Eugen Richter bemerkt hierzu: „Ich will vor allem nur daran erinnern, wenn in katholischen Gegenden die antisemitische Bewegung nicht solche Ausdehnung erreicht hat, wie in evangelischen, so ist es wesentlich ein Verdienst der maaßvollen Haltung der katholischen Geistlichkeit. (Sehr richtig! links und im Centrum.)" Wir können diese Aeußerungen nicht ohne einige Bemerkungen lassen. Wenn Herr v.Schorlemer-Alst^von der provvcirenden, verletzenden „sg. jüdischen Presse" spricht, so hätte er doch präcisiren müssen, was er hierunter versteht, ob, wie dies oft von ultramontaner und pietistischer Seite geschieht, die ganze liberale Presse oder etwa blos den „Berliner Börsencourier", den ja auch Stöcker zum Ausgang seiner judenhetzerischen Reden gebrauchte. Wie aber ein einzelnes Blatt, oder noch etwa ein und das andere, den Vorwand oder gar die Rechtfertigung für die schmählichste Verfolgung einer ganzen Glaubensgenossenschaft geben könne, ist schwerlich einzusehen! Man wollte versolgen, und nahm die erste beste mißliebige Erscheinung zum Borwand. — Was den Ausspruch des Herrn Eugen Richter betrifft, so ist es allerdings wahr, daß in den Reihen der evangelischen Geistlichen sich gar zu viele fanden, welche die Judenhetze betrieben oder ihr zustimmten. Jndeß muß man von der dcsfallsigen Belobung der katholischen Geistlichen die vielen Hetzkapläne ausnehmen, welche in ihren Blättern jahrelang und bis in die neueste Zeit hinein die Verfolgung der Juden provocirten. Den Anfang machte allerdings die evangelisch-pietistifche Presse, an ihrer Spitze die „Kreuzzeitung", dann trat in den 70er Jahren die ultramontanc Presse in diese lobenswerthe Thätigkeit ein, und betrieb sie mit unermüdlicher Heftigkeit auf der ganzen Linie bis im Pariser Univers und einigen nordamerikanischen Blättchen. Die letzteren gaben es aber bald auf, wahrscheinlich weil sie bei dem Pariser und nordamerikanischen Publikum keinen Anklang dafür fanden. Wir erinnern nur an ganze Jahrgänge der „Germania", des „Westfäl. Merkur", des „Fränk. Courier", der „Deutschen Reichszeitung" u. s. w., an Rohling, die Schriften des „Bonifazius-Bereins", die katholischen Kalender u. s. w. Jndeß können wir dem Herrn v. Schorlemcr-Alst für seine offenmüthige Verurtheilung der antisemitischen Bewegung nur Dank sagen. — Wie aus London telegraphirt wird, hat der Verwaltungsrath des internationalen Schiedsgerichts- und Friedensvcreins eine Resolution angenommen, in welcher dem tiefen Schmerze des Vereins über den Tod Lasker's Ausdruck gegeben und dessen edlen und und uneigennützigen Bestrebungen für die Ziele des Vereins Anerkennung gezollt wird. — In letzter Zeit hat man sich nicht gescheut, gegen den verstorbenen Lasker die Anschuldigung zu erheben, daß er nach seiner großen Rede gegen den Gründerschwindel nicht weiter vorgegangen sei, weil er erkannt habe, daß „zu viele seiner Partei- und Glaubensgenossen" davon betrossen würden. Dies ist aber eine durch und durch falsche Behauptung. Auf die Rede Lasker's hin wurde eine Enquete-Commission gewählt, zu deren vielen Mitgliedern auch Lasker gehörte. Hiermit war die Sache aus der Hand Lasker's genommen, und wie weit nun die Commission ging, war nicht mehr von Lasker abhängig. Dies muß ein für alle Mal constatirt werden. — Der Unterschied zwischen England und Deutschland. Am Freitag Abend fand im Wintergarten der „Kaisercommers der deutschen Studenten" statt, bei welchem mehr als 2000 Theilnehmer anwesend waren, z. B. fast sämmtliche Mitglieder der conservativen Partei, Moltke und viele höhere Offiziere; Prof. Wagner und Stöcker hielten Reden, welche „stürmischen Beifall" fanden. Elsaß-Lothringen, 12. Jan. Die Ergebnisse der Volkszählung vom 1. De;. 1880 erweisen eine Bevölkerung des Reichslandes von 1,566,670 Personen. Von diesen entfallen 77,77 ü;() auf die Katholiken, 19,48 auf die Protestanten, 0,22 auf sonstige Christen, 2,51 auf Israeliten. Memel, 13. Dez. (Privatmitth.) Bekanntlich hat sich hier, nach den Bedürfnissen, welche die Nähe der russischen Grenze auferlegt, ein Verein gebildet, der zwar den Namen Alliance isr. univ. trägt, aber sich ganz selbständig verwaltet. Derselbe hat am 30. Dez. a. p. seine Jahresversammlung gehalten, und führen wir aus dem Bericht folgendes Nähere hier an: Als das neugewählte Comite mit dem 1. Januar 1883 seine Thätigkeit begann, war der verfügbare Baarbestand der Vereinscasse ein geringer. Von den in runder Summe ausgedrückten Mk. 82,000, welche dem früheren Comitc, während ihrer zweijährigen Thätigkeit zur Verfügung gestanden, waren kaum noch etwa Mk. 14,000 übrig. Damit wurden einstweilen die Vereinsthätigkeit, bestehend in Auswanderungs¬ und sonstigen Unterstützungen, in Unterhaltung der Schule und des Krankenhauses, weiter zu führen unternommen. — Anfangs März war der Cassenbestand bereits bis auf Mk. 837.12 gesunken, und um nicht bald ganz von allen Mitteln entblößt zu sein, wurde beschlossen, einen Aufruf an die israelitischen Glaubensgenossen Deutschlands zu erlassen und dieselben um Beisteuern zu den Bereinszwecken anzugehen.