Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1884)
- Date
- 1884-01-29
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227507--41455-3309927- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
70 lichen, insbesondere der magyarischen Bevölkerung andererseits, machen es jedem ernstdenkenden Patrioten zur Pflicht, darnach zu forschen, wie am besten vorgebeugt werden könne, damit dieser so namhafte Theil der Bevölkerung sich zu keinem ungarfeindlichen Elemente gestalte, gezwungen seine Hoffnungen an Eventualitäten zu knüpfen, die mit unserem politischen Dasein im Widerspruche stehen, — sondern daß im Gegentheil das Judenthum zur Verstärkung unserer nationalen Kräfte diene und das ersetze, was unserer Race auf dem Gebiete des Handels und der industriellen Thätigkeit noch abgeht. Diese und keine anderen Beweggründe mochten wohl die Regierung zur Einbringung des Gesetzentwurfes über die Ehe zwischen Christen und Juden bewogen haben, welcher Gesetzentwurf mit solch ausdauernder Hartnäckigkeit vom Oberhause bekämpft wurde. Es giebt meiner Ansicht nach nur zwei Mittel, um diese für Ungarn so hochwichtige Frage, ich meine die sogenannte „Judenfrage", überhaupt zu lösen: Das Eine wäre die Verfolgung der Juden und Berleidung ihrer Existenz in einem Maße, welches sie zur freiwilligen Auswanderung nöthigen würde. Kein vernünftiger Mensch in Ungarn kann sich mit einem so wahnwitzigen Gedanken tragen, deffen Ausführung überdies zu großem Theile unsere eigene materielle Vernichtung zur Folge haben würde. Da dieses Mittel sonach ebenso unmoralisch, als unmöglich ist, so bleibt uns nur das edlere bessere Streben: die Gegensätze, die zwischen uns und den Juden noch obwalten, so rasch als möglich auszugleichen. Christen und Juden werden bei diesem natürlichen Streben nach ihrer Bereinigung jedoch stets zwei Erbfeinde auf ihrem Wege sinden: das ultramontane Priesterthum und das orthodoxe Rabbinenthum, dieselben zwei Factoren, welche einander auch bei der gegenwärtigen Gelegenheit zum kräftigen Zusammenwirken so herzlich die Hände geboten haben. Es ist dies selbstverständlich, da ja beide gleichmäßig bedroht sind, in solcher Weise die Herrschaft über die Gemüther ihrer Gläubigen und den damit verbundenen maßgebenden Einfluß auch in weltlichen Dingen aus den Händen zu verlieren.- — Die Zahlangaben des Generals Klapka in obigem Schreiben erwecken, ohne genaue Quellenangabe, kein großes Vertrauen, da er nur in runden Zahlen nach Hunderttausenden zählt. In Nr. 2 des vor. Jahrgs. hat einer unserer Mitarbeiter über die jüdische Bevölkerung in Ungarn genaue statistische Angaben zusammengestellt. Die letzte Volkszählung vom .31. Dec. 1880 ergab in sämmtlichen Ländern der ungarischen Krone 15,642,002 Einwohner, darunter 638,257 Juden, also 4,07 °/Ob sich vor diesen 4 Juden die 96 christlichen Einwohner, in deren Händen die gesammte Regierungsgewalt, administrative und richterliche, finanzielle und legislatorische, und der ungeheure Grundbesitz sich befinden, zu fürchten haben, ist doch eine zu lächerliche Präsumption. Die Zahlen des Generals Klapka beweisen übrigens, daß die Vermehrung der Juden in Ungarn nur durch Einwanderung so gestiegen ist, und bekanntlich giebt die Einwanderung für die Zukunft keinen progressiven Maßstab ab, da dieselbe erfahrungsmäßig einen gewissen Höhepunkt erreicht, von dem aus sie schnell ihre Interessen an diejenigen Ungarns zu knüpfen und den-! wieder abwärts steigt. Wenn der General die Verfolgung jenigen Theil, der seit Jahren bereits mit uns sich verbun- und Vertreibung der Juden als „unmoralisch" bezeichnet, so den fühlt, ohne Verletzung seiner religiösen Gefühle vollends ist dies doch wohl sehr schwächlich qualisicirt, da sie barauch in gesellschaftlicher Hinsicht mit uns zu verschmelzen, j barisch und fluchwürdig genannt werden müßte. vi te w. Deutschland. Berlin, 16. Januar. Eine Versammlung von Parlamentariern und persönlichen Freunden Eduard Lasters, die gestern unter Vorsitz des Ober-Bürgermeisters v. Forckenbcck im kleinen Sitzungssaal des Rathhauses tagte, hat als Termin für die Trauerfeier für den Verstorbenen Montag, den 28. d. Mts. festgesetzt, vorausgesetzt, daß die Ueberführung der Leiche nicht eine Verzögerung erleidet. In der Synagoge soll außer dem Rabbiner ein hervorragender Parlamentarier dem Vollendeten eine Gedächtnisrede halten. In das Comite, das die nöthigen Vorkehrungen treffen und auch für eine würdige Ueberführung der sterblichen Reste vom Bahnhof nach der Synagoge Sorge tragen soll, wurden gewählt: Ober-Bürgermeister v. Forckenbeck, Justizrath Meyer, Justizrath Makower, Kammergerichtsrath Schröder, Direktor Schräder, vr. Straßmann, I)r. Bamberger, Dr. Kahcn und als Ehrenmitglied Reichstagspräsidcnt v. Lewetzow. Berlin, 20. Januar. In der Freitagssitzung des Abgeordnetenhauses bemerkte v. Schorlemer-Alst in seiner Rede: „Dagegen sind unsere Prophczeihungen von der Verwilderung und Verrohung eingetroffen. Zudem hat im Culturkampf ein Rückgang der bürgerlichen Freiheit und eine Verfolgungswuth gegen Minoritäten Platz gegriffen; ich mache zum Beispiel aufmerksam auf die sogenannte antisemitische Bewegung, welche übrigens niemals in der katholischen Bevölkerung Boden gefunden hat. Ich nehme keinen Anstand, zu erklären, daß mir diese antisemitische Bewegung