Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1884)
- Date
- 1884-01-29
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
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68 im Ungarischen Oberhause beschränken, die daselbst am 12. d. stattfand. Das Resultat ist bekannt. Das Haus war von 212 Anwesenden zu 391 angewachsen, ein Zeugniß für die hochgradige Erregung. Noch mehr, man hatte ein Dutzend österreichischer Magnaten, die das ungarische Jndigenat besitzen, herbeigeholt, und gerade diese gaben den Ausschlag, da das Gesetz mit 200 Stimmen gegen 191, also mit einer Majorität von nur 9 Stimmen zum zweiten Male verworfen wurde. Das Haus zeigte einen für unsere Zeit grotesken Anblick; denn außer allen Prälaten des Landes in glänzendem Ornate und einigen gewichtigen Staatsmännern, die mit geringer Ausnahme für das Gesetz stimmten, bildeten die Hauptgruppe Husarenlieutenants in brauner und blauer Uniform. Wie diese parlamentarische Versammlung zusammengesetzt ist, dafür giebt ein Beispiel die Anwesenheit von 15 Zichy's, die sämmtlich für Nein stimmten. Unter anderen Umständen würde ein Votum dieses Oberhauses von so geringer Majorität kaum ins Gewicht fallen dem wiederholt fast einstimmigen Votum des Abgeordnetenhauses gegenüber. Aber bei der bedrohlichen Stimmung des Landes, bei der plötzlich aufgetauchten Frage, ob das Ministerium Tißa und mit ihm die liberale Partei sich werde erhalten können, bei diesem Conflikte zwischen Oberhaus und Unterhaus, durch welchen die Reform des Oberhauses, die man aus politischen Gründen so lange zurückgehalten hat, in den Vordergrund tritt, laffen sich die Folgen dieser Vorgänge gar nicht bemessen. Es ist eben für Ungarn ein neuer Gährungsprozeß eingetreten, in welchem noch ein Mal alle alten Elemente gegen den modernen Geist und die zeitgemäße Gestaltung des Staates aufbrodeln, die jedoch bei dem Bildungsgrade der Volksmassen noch lange nicht an eine Niederlage zu denken brauchen. — Für uns hat hierbei nur die Frage Wichtigkeit: in wiefern bekundete sich in der Verhandlung des Oberhauses ein antisemitischer Geist oder nicht? Könnte man nun aus den daselbst gehaltenen Reden einen vollberechtigten Schluß ziehen, so würden wir mit Befriedigung heroorheben, daß sammtliche Redner den Antisemitismus verurtheilten. Allein die Ungarn haben uns bereits zu oft gezeigt, daß sie in den öffentlichen Reden den Antisemitismus verdammen, daß hinterher aber thatsächlich die weite Verbreitung desselben zu Tage kam. Außer einer kurzen Ansprache des Cardinal- Fürstprimas Simor, der nur bekundet, daß der Episcopat bei seiner Verwerfung des Gesetzes beharre, war es allein Graf Anton Szechen, der gegen das Gesetz sprach. Alle anderen Redner äußerten sich nachdrücklich für dasselbe — ohne daß dies auf die Abstimmung einen Erfolg übte. Szechen stellt sich auf den Boden der positiven Religionen, will diese aufrecht erhalten und darum das Gesetz verwerfen. Er bedenkt freilich nicht, daß hierdurch den positiven Religionen mehr geschadet wird als genützt. Denn nach dem jetzigen Gesetze in Ungarn muß, wenn Christen und Juden, sei es aus Liebe, sei es aus anderen Motiven, sich heirathen wollen, der eine Theil zur Religion des anderen Theiles übergehen, und es mehren sich dadurch die Beispiele des Religionswechsels, welche der frivolen Religiosität den größten Vorschub leisten. Gerade weil Szechen gegen das Gesetz sprach, ist es wohl angezeigt, folgende Stelle aus seiner Rede hervorzuheben. „Es knüpfen sich an den Gesetzentwurf überdies noch mancherlei andere Bedenken. In erster Linie kommt hier jene geistige Krankheitserscheinung in Betracht, die allenthalben (?) in Europa und so auch bei uns, und bei uns unserer primitiven Culturzustände und mancher zum Vorwände genommenen ökonomischen Uedelstände wegen in besonders grellen Formen auftritt: der Antisemitismus. Biele fürchten, daß die Ablehnung, Andere wieder aus gleichfalls gewichtigen Gründen, daß die Annahme der Vorlage dem Antisemitismus neue Waffen zuführen würde. Meine Ueberzeugung ist die, daß gewiffenlose Agitatoren in jedem Falle, ob nun das Gesetz angenommen wird oder nicht, daraus Capital zu schlagen wissen werden. Eben deshalb halte ich es für einen argen politischen Mißgriff, daß dieses Gesetz gerade in unserer Zeit auf die Tagesordnung gesetzt wurde." „Biele betonen, es fei nothwendig, den antisemitischen Ausschreitungen gegenüber Jenen, welche unter demselben leiden, eine gewisse geistige Genugthuung zu gewähren. Saint Simon sagte von Ludwig XIV., er liebe es, auf Anderer Rücken Buße zu thun; hier könnte man umgekehrt sagen, es solle auf dem Rücken Anderer eine Belohnung geboten werden. Ein armer Jude, der durch die verdammenswerthen Ausschreitungen geschädigt worden ist, wird wenig Trost und Entschädigung darin finden, wenn es seinen Glaubensgenossen, die vielleicht gar nicht geschädigt worden find, in Hinkunft gestattet ist, Ehen mit Christen einzugehen. Ich bin weit entfernt, die Bedeutung des Antisemitismus zu unterschätzen; ich wünsche, daß er mit allen Mitteln bekämpft und der gute Leumund des Landes vor dem Auslande wieder hergestellt werde; allein die Antipathie des Auslandes gegen uns scheint mir doch nicht ausschließlich im Antisemitismus ihren Grund zu haben; denn dem objektiven Beobachter kann es unmöglich entgangen sein, welch nüchternen Ernst die Bevölkerung einer kernmagyarischen Gegend zu einer; Zeit bewahrte, als mitten unter ihr ein berüchtigter Prozeß voll Mißbräuchen und Irrungen verhandelt wurde." —‘ Der erste Redner für die Vorlage war der Oberspan Perczel. Derselbe sagte unter Anderem: „Der Antisemitismus ist eine bösartige Narrethei, aber es hat in der Welt schon schlimmere gegeben und sie sind in Rauch aufgegangen. Dennoch kann sich Redner den klaren Tharsachen nicht verschließen. Die Juden haben überall die bürgerliche Gleichberechtigung erlangt und es ist auffallend,