Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1884)
- Date
- 1884-01-29
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227507--41452-3309924- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
67 jenes, welches das Allerthum, diese, welche das Mittelalter als unentbehrlich für den ökonomischen^ Bestand der Gesellschaft ansah. Nicht die Lehre, sondern die humane Entwickelung hat dieses große Werk vollbracht. Der Mosaismus bekämpfte das Sklaventhum innerhalb der jüdischen Nation; die christliche Kirche im ersten Jahrtausend ließ cs bestehen, so daß die Kirchen selbst Sklaven besaßen; der Islam erhielt dasselbe aufrecht. Bald nach der Entdeckung Amerikas bevölkerten Spanier, Portugiesen und Franzosen den neuen Erdtheil mit Negersklaven, um ihn für sie zu bearbeiten und auszunutzen; vier Jahre kämpften in den sechziger Jahren in blutigem Bürgerkriege die Nord- und Südstaaten der amerikanischen Union mit einander um die Abschaffung der Sklaverei. So wurde diese durch die gesellschaftliche Entwickelung auf einige afrikanische Landschaften beschränkt. An die Stelle der Sklaverei trat im mittelalterlichen Europa die Leibeigenschaft, die nicht minder auf die bäuerliche Bevölkernng drückte, nachdem diese aus der Allodial-Freiheit in die Unterdrückung durch die Leibeigenschaft versetzt worden war. Erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wurde sie gebrochen und wir sahen vor unseren Augen noch 22 Millionen Leibeigene in Rußland befreit werden. Dies sind zwei nicht hoch genug anzuschlagende Siege der gesellschaftlichen Vcrsittlichung: die Freiheit der Person ist aller Orten als gesetzlich unantastbar versichert. Allein hiermit sind die Schwierigkeiten, welche die Gesellschaft in ihrer Entwickelung zu überwinden hat, noch nicht zu Ende. Die Befreiung aus der Leibeigenschaft mußte die Zahl der Besitzlosen auf dem Lande vermehren; der außerordentliche Aufschwung der Industrie, namentlich durch die Ausbildung der Maschine schuf und sammelte einen großen abhängigen "Arbeiterstand, der sich dadurch mehrte, daß viele Zweige des Handwerks durch Befriedigung derselben in völlig gleicher Weise auf und für alle vertheilt werden (Socialismus). Es ist einsichtlich, daß mit diesen Theorien jedwede Entwickelung, jede persönliche Freiheit, jede persönliche Eigenthümlichkeit aufhören und an die Stelle der freien Gesellschaft ein Despotismus, ein Sklaventhum eingeführt würde, das sich von der früheren Sklaverei nur dadurch unterschiede, daß es nur Sklaven, keine Herren geben würde. Demungeachtet schmeichelte dies der rohen Waffe und gab zur Agitation so gute Handhaben, daß hierdurch in den unteren Schichten der Gesellschaft eine allgemeine Unzufriedenheiten, Arbeitsunlust und Widersetzlichkeit sich verbreitete, daß die ganze Gesellschaft, wie sie sich auf bestimmten Grundvesten des persönlichen Eigenthums und der persönlichen Freiheit entwickelt hat, bedroht erscheint. Unterdeß ging aber die Gesellschaft selbst daran, die obwaltenden Uebelstände möglichst zu vermindern und zu beseitigen und auf diesem Wege die Versittlichung der Gesellschaft zu fördern. Die Gesetzgebung beseitigte das Trucksystem, welches durch den Verkauf der Lebensmittel u. s. rv. seitens der Arbeitgeber die Arbeiter in eine unerträgliche Abhängigkeit bannte; sie beschränkte die Verwendung von Kindern und , Frauen bei der Arbeit und die allzugroße Ausdehnung der Arbeitszeit; durch die Freizügigkeit gewährte sie dem Arbeiter j eine freiere Bewegung; sie gestattete den Arbeitern durch Berj einigung zu gemeinsamer Berathung, die sie drückenden Uebel- I stände möglichst zu bekämpfen; durch das allgemeine Stimm-! recht wurde allen Klaffen ein gleicher Antheil an den politischen Rechten gesichert; endlich ging man daran, durch j Krankenkassen und Unfallversicherung die Nothstände der ar-! beitenden Klaffen zu verringern und nimmt selbst die Bersorgung der Arbeiter-Invaliden in Aussicht; schließlich sucht , man die Volksbildung, durch Berbeffcrung des Schulwesens, die Fabrikation vermittelst der Arbeitstheilung und der Madurch Handwerker- und Gewerbeschulen die geistige Befähigschine ihren selbständigen Boden verloren. Die persönliche ung des Volkes zu erweitern und dadurch um so fähiger zu Freiheit, die soeben durch die Beseitigung der Leibeigenschaft j machen, der Concurrenz der Maschine die Stirn zu bieten, und durch die Staatsverfaffungen gesichert worden, schien! Daß auf diesem Wege noch Vieles geschehen kann und wird, durch die Abhängigkeit der Arbeiter von den Arbeitgebern I, ist einsichtlich. Wir stehen aber bereits aus dem entschiedenen und durch die Zwangslage, in welcher sie, vermöge ihrer Wege, die Zustände der besitzlosen Klaffen wesentlich zu ver- Bcsitzlosigkcit, sich befanden, von Neuem wesentlich beschränkt! bessern, und hierin dem Ziele der Bersittlichung des Staates und gefährdet. Es war daher natürlich, daß die Theorie, näher zu kommen. (Fortsetzung folgt.) sich alsbald dieser Berhältniffe bemächtigte und verschieden-! _ _ artige Systeme erdachte, um sie umzugestalten. Man ersann' Einrichtungen, um alle Arbeiter gleichmäßig an dem Gewinn, der Production Theil nehmen zu lassen, Organisationen der! Arbeit, welche eine völlige Gleichstellung aller Arbeiter hin-; sichtlich des Erwerbes durch die Production bewirken sollte, j Bald ging man weiter, und forderte die Aufhebung alles Eigenthums, die gleiche Bertheilung alles Besitzes (Commu-; nismus); bald wieder eine Organisation der ganzen Gesell-l schaft, durch welche alle Arbeit, alle Bedürfniffe und alle, Das Ungarische Oberhaus und das Gesetz über die Ehen zwischen Juden und Christen. 11.') Wir haben uns über die schwierige Lage der Dinge in Ungarn bereits wiederholt ausgesprochen, und können uns daher heute auf die zweite Verhandlung über jenes Gesetz 1) Nr. I s. Nr. 52 des vor. Jahrgangs. 5*