Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1884)
- Date
- 1884-01-29
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227507--41451-3309923- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
fiß rismus für die modernen Staaten noch ganz unentbehrlich ist, so giebt dies um so mehr Zeugniß gegen die versittlichende Entwickelung ab, zu welcher doch die Civilisation führen soll. Es wird daher um so nothwendiger, einen Blick auf die ursächlichen Momente zu werfen, aus welchen die noch obwaltende Unentbehrlichkeit des Militarismus entspringt. Hierbei steht im Vordergründe: der Haß der Nationalitäten gegen einander. Dieser hat in neuerer Zeit eher zuals abgenommen. Das Nationalbewußtsein, das in den Zeiten des Despotismus und des Absolutismus schwächer vorhanden gewesen, ist in der Masse erwacht und genährt worden, seitdem innerhalb der civilisirten Staaten die persönliche Freiheit und die Volksbildung größeren Spielraum gewonnen haben. Ist dieses Nationalbewußtsein an sich also ein Fortschritt und aus der fortschrittlichen Bewegung entsprossen, so wendet es sich doch mit großer Kraft gegen dieselbe, sobald es sich in leidenschaftlicher Aufregung zur Eifersucht und zum Hasse verschärft. Hierdurch wird es zu einer zweifachen Gefahr für die Sicherheit des Staates und macht die Militärgewalt zu einem unbedingten Erforderniß. Denn einerseits bringt diese Nationaleifersucht, dieser Nationalhaß eine feindselige Spannung zwischen den Staaten hervor, die stets die Besorgniß wach erhält, daß bei erster Gelegenheit der Kampf zwischen den Völkern und Staaten losbrechen werde. Andererseits sind die meisten Staaten auf geschichtlichem Wege aus verschiedenartigen Nationalitäten zusammengesetzt, unter welchen die eine oder die andere die Suprematie besitzt, von welcher die übrigen in wesentlichen Lebensbedingungen sich beschränkt und bedrückt fühlen. Es ist eben auf dem europäischen Festlande bis jetzt nur das eine Beispiel vorhanden, welches die Schweiz giebt, wo drei Nationalitäten sich zu einem Ganzen vereinigt haben, ohne daß eine Militarismus dar. Durch den Ausbruch der zurückgedrängten Entwickelung in der französischen Revolution von 1789 ist der revolutionäre Geist in die verschiedensten Schichten des Volkes eingedrungen, d. h. die Neigung, die Befriedigung seiner Wünsche durch Anwendung von Gewalt, durch den Umsturz des Bestehenden zu erlangen. Dieser revolutionäre Geist wirkte bald von unten nach oben, bald von oben nach unten. Denn wo eine reactionäre Partei sich die Herrschaft aneignen wollte, scheute sie die Anwendung von Gewaltmaßregeln so wenig wie die Gegenpartei — man erinnere sich des Napoleonischen 2. Decembers. Dieser revolutionäre Geist hatte zunächst politische Zwecke. Aber da mit der Zeit die socialistische Bewegung, von der wir noch sprechen werden, immer mehr um sich griff, nahm er die socialistischen Bestrebungen zu seinem Inhalt — wie schon 1848, so 1871 — und bedroht hiermit die ganze Existenz der Gesellschaft auf ihren Grundvesten. Hiergegen ist eine starke Militärmacht nothwendig, um die gesellschaftliche Ordnung zu schützen und den Gehorsam gegen das Gesetz nöthigenfalls zu erzwingen. Zahllose Beispiele von Emeuten und Volksaufläufen in der jüngsten Zeit haben dies völlig klar gestellt. — Wenn also der Militarismus, und noch mehr die beiden Momente, die ihn noch unentbehrlich machen, der Nationalhaß und der revolutionäre anarchisch-socialistische Geist, die Versittlichung der Gesellschaft verhindern: so darf man doch nicht außer Acht lassen, daß jener, der Militarismus selbst, der Entwickelung unterworfen gewesen und hierdurch nicht geringe Fortschritte erzielt wurden. Durch die mächtige Ausbildung der Waffen ist zum größten Theile der persönliche Kampf und die persönliche Feindseligkeit ausgeschlossen; durch die ungeheure Machtentfaltung und die Ausbildung der Strategik und Taktik ist die Dauer der Kriege äußerst abgekürzt derselben die andere benachtheiligt, ohne daß die verbundenen , worden, und hierdurch wie durch die Ausbreitung des humain Zwiespalt gerathen, dadurch nämlich, daß eine jede für nitären Geistes haben die Kriege bei Weitem nicht mehr die sich der vollen Freiheit theilhaftig ist. In anderen Staaten, | Verheerungen und Verwüstungen im Gefolge wie die früheselbst im freien Großbritannien, bestehen Nationalitäten, dieren. Welchen Abstich gegen den dreißigjährigen Krieg, gegen der vorherrschenden nachstehen sollen, in denen sich jetzt das , den zwölffährigen Successionskrieg, selbst gegen den sieben - Nationalbewußtsein aufbäumt, und welche deshalb ohne das jährigen Krieg bieten schon die Napoleonischen Kriege mit Vorhandensein der Militärgewalt sich losreißen und ihrer-! ihrer kurzen Dauer im Einzelnen, der Freiheitskrieg mit seinen seits womöglich die Herrscher und Unterdrücker spielen wür- > beiden Feldzügen, der Krimkrieg, der französisch-österreichische, den. — Ein zweites Moment für die Entfaltung großer, der deutsch-dänische, der preußisch-österreichische, der franzö- Militärkräfte ist für viele Staaten die Herrschaft, die sie in . fisch-deutsche Krieg, die nur nach Monaten zählen und welche außereuropäischen Erdtheilen besitzen und zu erweitern entnirgends auf die Zerstörung eines Staates, auf die Unterweder suchen, oder durch die Umstände genöthigt sind. Würde werfung eines Volkes ausgingen. So unterscheidet sich der heute Frankreich seine Streitkräfte aus Algerien und Tunemoderne Krieg in seinen Ursachen und Zielen und in seiner sien, England aus Indien, Rußland aus Central-Asien zu- Führung wesentlich von dem der früheren Geschichtsepochen.— rückziehen, so würde morgen ihre Herrschaft in diesen Län- - Allem dem gegenüber lassen sich die positiven Fortschritte dern zusammenbrechen. — Hiermit sind wir aber noch nicht; in der Versittlichung der menschlichen Gesellschaft aufs Bezu Ende. Wenden wir uns zum Innern der Gesellschaft, so stimmteste bezeichnen. Die Gesellschaft hatin ihrer Entwickebietet sich noch ein drittes Moment für die Erhaltung des , lung das Sklaventhum und die Leibeigenschaft überwunden,