Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1884)
- Date
- 1884-01-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung des Judencthmns. Ein miplitteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich, s Preis vierteljährig 3 Marl. Abonne- ) ment in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 92) und Oesterreich bei allen Postämtern. außerdem durch den Buch- I Handel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. G^peöitiorr: Leipzig, Woßpccrh 18 In redactionellen Angelegenhe wende man sich an vr.L. Philippson in Bonn direct» in allen übrigen an die Berlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 48. Jahrgang. Leipzig, den 29. Januar 1884. S. laltttlt. Leitende Artikel: Die fortschreitende Entwickelung. II. — Das Ungarische Oberhaus und das Gesetz über die Ehen zwischen Juden und Christen. II. — General Klapka über die Judenfrage in Ungarn. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Elsaß- Lothringen , Memel, Münster. — Oesterreich-Ungarn: Prag, Pest. — Belgien: Brüssel. — Rußland: Petersburg, Koretz. — Amerika: New-Zork. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Die Erziehung bei dem Volke Israel. (Schluß.) — Vermischtes. jccive-H^c £X-t-tvße£ j Bonn, 23. Januar. j Die fortschreitende Entwickelung.! n.! „Gedenke der Tage der Vorzeit, erwäget die Jahre Geschlechts auf Geschlecht: als Sitze gab der Höchste den Nationen, von einander schied des Menschen Söhne." (5 Mos. 32, 7. 8.) „Wird ein Land an Einem Tage geboren? oder ein Volk mit Einemmale zur Welt gebracht?" (Jes. 66, 8.) Man wird cs gerechtfertigt finden, wenn wir den Gegenstand ausführlicher behandeln, diese für die Religion des Judenthums und die Geschichte des jüdischen Stammes so schwerwiegende Frage. Ist es uns doch wie um ein Bermächtniß für spätere Zeiten zu thun. Denn wir meinen, daß sie nicht aus der Vogelperspective der Jugend, sondern aus den Erfahrungen eines vielbewegten Lebens behandelt sein will, und wenn wir sie bereits im Winter 1833—34, dann wieder 1859—60 in öffentlichen Vorlesungen zu beantworten suchten, so mögen wir wohl heute unser Schlußwort abgeben. — Unter denen, welche die fortschreitende Entwickelung anerkennen, wie diese denn jeder Geschichtskundige bei einer Vergleichung des Alterthums, des Mittelalters und der Neuzeit außer verbissenen Pessimisten anerkennen muß, sind jedoch nicht Wenige, welche diesen Fortschritt in den mehr äußerlichen Momenten, nicht aber in religiös-sittlicher Beziehung bethätigt finden. Und doch ist dies von dem Standpunkte, von welchem wir ausgehen, die Hauptsache, nämlich die Entwickelung zur religiös-sittlichen Vervollkommnung. Wir haben im vorigen Artikel nachgewiesen, daß auf diesem Wege die Bersittlichung der Gesellschaft, des Staates vor Allem vor sich gehen muffe. Sehen wir deshalb nach, welche Einwände man hier erhebt, woraus wiederum diejenigen Hindernisse erhellen, welche die Entwickelung zu überwinden habe. Zunächst weist man auf den, nicht allein immer noch vorhandenen, sondern sich steigernden Militarismus aller civilisirten Staaten hin. In der That ist der militärische Zustand, in welchem sich die Völker befinden, ein Ausfluß jener Barbarei, welche, so weit die Geschichte zurückreicht, die Hand des Menschen gegen den Menschen bewaffnete, um Gewalt zu üben oder abzuwehren. Nun stehen auch die modernen Völker bis an die Zähne bewaffnet einander gegenüber, in steter Bereitschaft zu Land und zu Waffer über einander herzufallen; ein großer Theil des Volkes muß seine Kraft und Zeit für den Militärdienst | verwenden, der zugleich die financiellen Mittel nach größtem Maßstabe verzehrt; jeder Staat sieht ängstlich auf den anderen, ob er mit der Steigerung seiner Militärkraft hinter ^ihm nicht zurückbleibe, und umgiebt sich mit einem Gürtel von Festungen, um den Zugang abschneiden zu können — zu einer Zeit, wo die Verbindung aller Erdtheile durch ein Netz von Eisenbahnen, Dampferlinien und Telegraphen aufs Engste geknüpft wird. Es ist dies Alles so sehr der Fall, daß selbst die neutralen kleineren Staaten sich dem nicht entziehen können. Muß man nun zugeben, daß dieser Milita-