Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1884)
- Date
- 1884-01-22
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227506--41442-3309913- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Konotop 1× ep/2454000
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Entscheidung der Judenfrage durch die Judencommission um! die Aufhebung der vorläufigen Maßregeln des Ministercomitvs I vom Mai 1882 vorstellig zu werden, wonach u. A. die Abj fchließung von Verträgen mit Juden über den Verkauf oder, die Verpachtung von Immobilien außerhalb der den Juden! zugewiesenen Wohnsitze untersagt wird.! Odessa, 2. Januar. Aus Konotop, einer Stadt im; Gouvernement Tschernigow, schreibt man dem „Odeffkij. j Listok": Der Landpolizeimeister hat auf Grund einer Borj schrift des Gouvernementschefs den hiesigen Juden befohlen, ' ihre christlichen Dienstboten zu entlassen. Dieser Befehl hat sowohl unter den Juden, als auch unter den christlichen Dienstboten große Aufregung hervorgerufen. Die meisten > Juden unterwarfen sich natürlich diesem Befehl und entließen ihre christlichen Dienstboten; aber gerade letztere waren damit am wenigsten zufrieden. Die Möglichkeit des Erwerbes ist für Dienstleute eine beschränkte, da die Zahl derer, die Dienstleute halten können, überhaupt nicht groß ist. So geschah es denn, daß viele Dienstboten ihre jüdischen Herrschaften baten, sie doch wieder in Dienst zu nehmen. Nicht wenige jüdische Familien gingen daraus ein, und nun begann die Polizei Protokolle aufzunehmen und dieselben dem Friedensrichter zu überweisen, der die schuldigen Juden zu 5 bis 17 Rubel Strafe oder fünftägigem Arrest verurtheilte. Fünfzehn solcher Sachen find bereits verhandelt worden, und wegen derselben Uebertretung hat die Polizei noch ca. 60 Juden zur Verantwortung gezogen. Amerika. Rew-dork, 8. Januar. (Privatmitth.) Es bedarf keines besonderen Berichtes, um die glänzende Aufnahme zu schildern, welche vr. Lasker bei seiner Ankunft hier in vielen angesehenen Kreisen und ganz besonders bei allen unseren Glaubensgenoffen gefunden hat. Sicher wäre seine Anwesenheit in unserem Lande nichts als eine Reihe großartiger Festlichkeiten geworden, wenn man nicht schonende Rücksicht auf den schwankenden Gesundheitszustand des verehrten Mannes, auf die Erschöpfung und Abspannung, die sich in seiner Erscheinung kundgab, hätte nehmen müffen. Um so allgemeiner ist die schmerzliche Theilnahme, die an seinem plötzlichen Hinscheiden genommen wird. Ein eigenthümliches Geschick zeigte sich hierbei darin, daß Lasker den letzten Abend in einer jüdisch-patriarchialischen Familiengesellschaft am Freitag Abend bei dem Banquier Seligmann zngebracht hatte, der allwöchentlich an diesem Abend seine ganze Familie um sich versammelt, als ihn auf dem Heimgang unerwartet der Tod ereilte. Gerade an diesem Tage hatte sich Lasker so wohl wie seit langer Zeit nicht gefühlt und sich in dem genannten Kreise sehr gefallen. Blicken wir weiter, so ist es eine besondere Fügung, daß der Mann, der sein Leben hindurch mit Schrift und Wort für freiheitliche Entwickelung und Festigung der Bolksrechte gearbeitet und gekämpft hat, in dem jungfräulichen Lande der Freiheit, das von vielen Beschränkungen, die noch auf dem althistorischen Europa lasten, nichts weiß, verschieden ist, also noch mit einem Einblick in dieses freiheitliche Leben, wie einst der Gesetzgeber Moses in das gelobte Land schaute. Um der allgemeinen Trauer einen Ausdruck zu geben, bereitet die Emanuel-Gemeinde in ihrem großen, prachtvollen Tempel für den 10. d. eine Trauerfeierlichkeit vor, an welcher Deputationen aller hiesigen und vieler auswärtigen jüdischen Gemeinden und sonst das allgemeine Publikum theilnehmen werden. Unter Anderem wird auch unser berühmter Landsmann und amerikanischer Staatsmann Karl Schurz eine Gedächtnißrede halten. New-Tork, 11. Januar. Die Todtenfeier für den verstorbenen Or. Eduard Lasker wurde gestern Nachmittag in der Synagoge auf der fünften Avenur abgehalten. Der Zutritt war nur gegen Karten gestattet. Die Betheiligung war i eine enorme. Achthundert Delegirte verschiedener deutscher Vereine waren zugegen. Die zwei hauptsächlichsten deutschen j (SJefangöeretne waren durch starke Männerchöre vertreten, die sich an dem musikalischen Programm der Feier betheiligten.!Die Zipfel des Leichentuches trugen der Bürgermeister von! New-Zork und die hervorragendsten Mitglieder der deutschen Colonie. Während der Sarg in den Tempel getragen wurde, spielte das auf der Gallerte befindliche Orchester einen Trauer-! marsch. Der Bürgermeister von New-Hork legte Namens der l Bürgerschaft einen prächtigen Blumenkranz auf den Sarg.!Nach der Predigt des Rabbiners hielt Carl Schurz eine deutsche und Mr. Andrew White, früher Gesandter der Unionsstaaten in Berlin, eine englische Leichenrede. Die Leiche wird am Samstag mit dem Dampfer „Neckar" nach Deutschland gesandt. Washington, 10. Januar. Das Repräsentantenhaus hat einen Antrag angenommen, zu dem Hinschciden des deut- > schen Reichstagsabgeordncten Lasker sein Beileid auszudrücken. i Bonn, 13. Januar. (Notizen.) Man schreibt: In i Hamburg ist das Testament des im vorigen Monat daselbst! verstorbenen Kaufmanns Julius Rve, Bruder des Reichstags-! abgeordneten Dr. Anton R4e, eröffnet worden. R^e, welcher! sein Vermögen in'Rio de Janeiro erworben, drüben jedoch i alle seine Kinder kurz nach einander verloren, hat seinen! ganzen von ihm auf fünf Millionen geschätzten Nachlaß zur Errichtung von Freiwohnungen für Unbemittelte jedes Glau- . bens bestimmt, und zwar sollen 4 Millionen sofort nach dem scinerzeirigcn Ableben der Ehefrau des Erblaffers, der Rest! nach dem Tode der Leibrenten beziehenden Verwandten, Diener und Freunde des Verstorbenen zu dem milden Zwecke verwandt werden. — Man schreibt uns aus Baden: Herr