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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-01-22 · Heft 4 (22.1.1884) · p. Seite 51

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 4 (22.1.1884)
Date
1884-01-22
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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strebt, der kann nicht unsittlich werden, nicht böse handeln, und wenn er in einen menschlichen Jrrthum verfällt, u»irt>, er alsbald desselben innc werden, von ihm zurückkehren, und mit aller Macht ihn auszugleichen suchen. Hier ist also nicht von einem bloßen Dogma und dessen Bekenntniß die Rede, nicht blos von einer Verstandesanschauung, auch nicht vom bloßen „Glauben" oder von nur gottesdienstlichen Werken und Formen, sondern die Forderung und Bedingung der wahren innerlichen Gottcserkenntniß. in welche der Mensch mit seinem ganzen Sein aufgeht, und von der er durchdrungen wird. — Das zweite Hauptmoment ist, daß die menschliche Gesellschaft überhaupt, die staatliche insbesondere in der Bersittlichung, in der Entfaltung und Verwirklichung der Sittlichkeit vorangehen muß. Dies ist es. was Moses für den, von seiner Nation zu bildenden Staat beabsichtigte und in dessen Grundzügen entwarf, und darauf dringen die Pro pheten mit der ganzen Kraft ihrer Begeisterung. Sie sprechen von „Völkern, Nationen, Königen" d. h. von der ganzen menschlichen Gesellschaft. Es kommt weniger darauf an, daß einzelne Individuen, mehrere oder wenigere, nach dieser Höhe streben, und wie Bcrgkuppcn aus dem weißen Nebelmeere heraufsteigen. Vielmehr so lange die Regierungen der Völker diese nur aus politischen Motiven, mit diplomatischen Künsten und den Waffen der Gewalt leiten, und vor Allem die Dauerhaftigkeit und die Ausdehnung ihrer Machtsülle im ''Auge haben; so lange die menschliche Gesellschaft sich aus den Trieben der Individuen, auf den niedrigen Leidenschaften des großen Haufens aufbaut, jeder Einzelne seinen Jndivi dualismus zur Triebfeder hat, und die Masse der Menschen nur aus arbeitenden, verzehrenden und steuernden, sich gegenseitig bekämpfenden, in Stände und Klassen gespaltenen, bevorrechtigten und benachtheiligten Individuen besteht: so lange ist die sittliche Entfaltung der Gesellschaft von allen Seiten gehemmt, und die Verhältnisse liegen in ihr so, daß aus ihnen weniger Behinderung, als vielmehr Anreizung zum Unsittlichen gegeben ist. Aus diesen Zuständen und zu jenen höheren Zielen hin geht die fortschreitende Entwickelung und läßt sich schon innerhalb der zurückgelcgten Perioden und Phasen an den Thatsachen und Erscheinungen der Geschichte erkennen. Nur mnß man nicht vergessen, daß, wenn die Naturforscher für die Entwickclungsperioden in der Natur- Millionen von Jahren in Anspruch nehmen, bis die gänzliche Umgestaltung vollendet ist, so auch der Entwickelungsgang der Menschheit nur nach Jahrtausenden zu bemessen ist. Auch fügen wir hinzu: wenn ein berühmter Schriftsteller sagte: „willst du reformiren, so reformire vor Allem dich selbst!" so konnte er zu diesem Ausspruche nur im Gegensätze zu Jenen kommen, welche durch Revolutionen, durch plötzliche und gänzliche Umwälzungen das Heil der Menschen, die sittliche Umgestaltung der menschlichen Gesellschaft erwarten und mit diesen Wahngebilden die Masse des Volkes irre zu leiten suchen. Revolutionen sind die Explosionen des lange zurückgedrängten Entwickelungstriebes in den Völkern. Aber sic gleichen den Ausbrüchen der Vulkane, deren glühende Lava und Asche weithin die Fluren versengen und bedecken; so daß es erst Jahrhunderte langer Arbeit bedarf, um diese wieder zu freilich um so fruchtbarerem Boden zn machen. Die nur langsam, aber um so!sicherer fortschreitende Ent. Wickelung benutzt auch diese, um vorwärts zn gelangen; aber sie sind ihr nur Mittel, die zu vermeiden ihr nicht gegeben ist, und die zu besseren Zielen zn führen, ihre angelegentliche Sorge ist. So ist diese Lehre eine uralte, die selbst ihre EntwickelungSgeschichte hat. Wir müssen betonen, daß diese Lehre nicht in einem dogmatischen Lehrbuche oder in einer Geschichtsphilosophie dargclegt, sondern aus dein Munde der Propheten unmittelbar an das Volk gerichtet wurde, und daß dieses Volk sie in sich aufnahm und von da ab durch alle Zeiten als einen integrirendeu Thcil seiner Ucberzeugung mit sich trug. Es war deshalb naturgemäß, daß, um dem ' Volke ganz verständlich und die Idee in ihm wirksam zn machen, sie ihm in Gestalt eines auserkorenen Herrschers verkörpert wurde, der an der Spitze seines gvitgetreuen Volkes dieses wieder Herstellen, und alle Nationen ihm zugesellen würde. Wir haben an einer anderen Stelle anssührlich nachgcwicsen, daß in den ältesten Prophetenstückcn nur die mcssianische Zeit ausgesprochen, in den älteren Propheten der persönliche Messias verkündet wird, während in den jüngeren diese Vorstellung wieder verschivindet und die Joee der messianischen Zeit ihren vollen "Ausdruck gewinnt. Bei sorgfältiger Prüfung ergiebt sich, daß klar und bestimmt nur Jesajas I und Secharjah I -Kap.!> 14) und zwar zusammen nur an drei Stellen den Eintritt jener Zukunft an eine messianische Persönlichkeit knüpfen. Ganz anders, als der Bestand der jüdischen Nation gänzlich in Verfall gerieth, und die letzte Stunde der "Auslösung und Zerstreuung über dem Haupte dieses unglücklichen Stanuncs schwebte. Da ergriff unwiderstehlich der Gedanke an einen persönlichen Messias das Volk, und begleitete cs tröstend und aufrichrend durch die Länder und die Jahrhunderte. Der Gedanke war lebendig genug im Herzen der Masse, um zahlreiche Messiasse erstehen zu lassen, Schwärmer, die sich selbst betrogen, oder ehrgeizige Betrüger. Schon vor der Zerstörung Jerusalems durch die Römer werden uns derartige Vorgänge berichtet, welche den Römern Gelegenheit gaben, über Massen von Juden herzufallen. Das blutige Drama, das im zweiten Jahrhun- 3) In der plfflosophirenden Literatur der Hebräer fand die Lehre von der fortschreitenden Entwickelung sogar Gegner, wie in Kohclet, wo jede historische Entwickelung verleugnet wird. -t) S. unsere ausführliche Darstellung der israelitischen Religion B. lll. S. 131 ff. t

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