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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-01-22 · Heft 4 (22.1.1884) · p. Seite 50

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 4 (22.1.1884)
Date
1884-01-22
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 und Wälder uiit goldigem Scheine. Alles war heiter und ] lächelte dem beglückten Wanderer zu; die Lerchen sangen in der Höhe und hier und da drang ein fröhliches Lied ans der Kehle eines thätigen Arbeiters. Ueberaühin schien der Friede gebreitet und das Recht und die Liebe ihre sanfte Herrschaft zu üben. Wer über die Wasser des Meeres fährt, das Senkblei in der Hand, findet, daß dieses hier in eine unergründliche Tiefe fällt, in Tiefen, die den höchsten Erhebungen ans der Erdoberfläche an Maß gleichen; dann wieder auf flache Gründe, welche das Wasser kaum einige Meter bedeckt. So ist der Meeresgrund eine ungeheure Ausmuldnng, die durch Höhenzüge, tiefe Thäler und Hochebenen durchschnitten wird, ungefähr wie die Oberfläche des Festlandes aussieht. Hierhin haben sich die Gewässer gezogen und rollen gegen die Küsten des Festlandes und ziehen sich von ihnen zurück in Fluth und Ebbe; ewig bedecken sie den Meeresgrund, in ihrer Tiefe tonlose Stille und ruhiges Ziehen, oben oft von Stürmen bewegt, ihre Wogen thürmend und wieder auseinander rauschend. Mitten zwischen den durch Götterwahn, Priester und Könige geknechteten, unter phantastischen Allegorien und Symbolen dem Thierdienst und den Todtenopfern ergebenen Egyptern und den Fetisch anbetenden Beduinen der arabischen Wüste mußte sich Moses daraus concentrircn, in dem, dem Heidcuthume immer wieder zuneigenden, nur wenig noch von den Traditionen der Väter erfüllten Volke die Gotteslehre wurzeln zu machen und über die Schwankungen der Zukunft hinaus zu festigen. Er hatte sich allein an dieses Bolk zu richten, in ihm das Nationalbewußtsein zu wecken und mit der Religion des Einig-Einzigen zu identificiren, von welchem er ihm die höchsten Vorstellungen des Schöpfers des Weltalls, der Vorsehung und des Richters für alle Völker und Menschen, des Allheiligen und Allbarmherzigen, also in der Idee von allen Beschränkungen nationaler Auffassung frei, einpflanzte. Ein Jahrtausend verfloß unter unaufhörlichen Kämpfen; Israel kam mit den zahlreichen Völkern des Ostens und des Westens in Berührung; da erweiterte sich der Blick, und die Propheten sprachen es aus, daß die Gotteserkenntniß und das Sitten- und Rechtsgcsctz Israel für die ganze Menschheit ubergeben seien, ein Panier für alle „Nationen und Könige", die sich um dasselbe sammeln werden; das Licht, das über Israel ausgegangcn, werde die ganze Erde überstrahlen, die Erkenntniß Gottes die ganze Menschenwelt erfüllen, wie die Wasser bedecken den Meeresgrund mit seinen Tiefen und Untiefen, mit seinen Höhen und Ebenen; mit dieser Erkenntniß und Anbetung des wahren Gottes werden die Liebe, die Gerechtigkeit, der Friede untrennbar verbunden sein und alle Völker der Erde zu einem einheitlichen Bunde vereinen. Ob sich die Propheten in ihrem Geiste diese Zeit der Erfüllung nahe oder noch fern dachten, ob ihnen „der Tag, der kommen wird," noch Jahrhunderte oder Jahrtausende gebrauchte, um anzubrechen, um aus dem Dunkel der Nacht, das die Völker bedeckte, durch die dunstige Dämmerung und den nebeligen Morgen zum sonnenhellen Mittag zu gelangen — das ist gleichgültig: die Idee, die Vorstellung, die Anschauung , die Lehre, die sie verkündet haben, die sie mit aller Energie ihres Geistes und ihrer Sprache verkündeten, bleibt dieselbe, hat sich dem Judenthume unveränderlich cingesenkt, möge es im Lause der Zeiten selbst verdüstert und dann wieder geklärt worden sein,-) die Lehre von der fortschreitenden Entwickelung des Menschengeschlechtes zum höchsten Ideale der religiösen, sittlichen, politischen und sozialen Vervollkommnung. Wieder sind fast drittehalb Jahrtausende in geschichtlichem Lichte am Menschengeschlechte vorübergczogen, und aus dem Chaos der Erfahrungen, die in diesem Zeiträume so vieler blutigen Kämpfe und so unermeßlicher Geistesarbeiten gemacht worden, löst sich immer wieder dem unbefangenen Geschichtsforscher die Uebcrzeugung von der fortschreitenden Entwickelung der Menschheit heraus. Aber was sich seit Herder und Hegel zur bewußten Anschauung der Geschichtsphilosophie herausgebildet hat, das haben die Propheten in ihrem Lapidarstile ausgesprochen, an den von uns citirten Stellen und an vielen anderen. Diese Idee enthält zwei Hauptmomente. Zuerst, daß die wahre Gotteserkeuntniß auch zugleich unmittelbar und untrennbar die wahre Sittlichkeit einfchließt. Dies drücken nicht allein die Propheten in vielen körnigen Sprüchen aus, sondern cs ist auch der Kernpunkt des ganzen Mosaismus. Darum sagt Moses: wer den Allheiligen erkennt, muß sich heiligen; darum ruft er wiederholt aus: Ihr sollt Gott erkennen, ehrfürchten, ihm anhangen, auf seinen Wegen wandeln und ihn lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen. Wer sich von der Gotteserkenntniß wahrhaft erfüllen läßt, wer Gott nicht blas mit dem Verstände anschaut, sondern mit ganzem Herzen erfaßt und mit allen seinen Kräften seinen heiligen Willen zu vollbringen 2) Wir wollen nur ein Beispiel ans dem 12. Iahrh. anführen. Maimonides widmet das 11. Kap. des i. Buches des Mor. Neb., mit Berufung auf Jes. II. 6 — 9. dem Gedanken, daß die großen Hebel, welche die Menschen sich selbst und einer dem anoeren zufügen, aus ihren Begierden, Leidenschaften, Ansich'.en und Glaubensmeinungen, also aus dem Mangel an aller wahren Erkennrniß, an aller wahren Wissenschaft hervorgehen. Wenn sie die wahre Erkenntniß besäßen, würden sie verhindert sein, sich und Anderen die Hebel zuzufügen, die so hart auf den Individuen der menschlichen Gattung lasten. Denn die Kenntniß der echten Wahrheit bewirkt, daß Feindseligkeit und Haß aufhören. Dereinst nach der Verkündigung der Propheten werden die Menschen die wahre Erkenntniß von Gott besitzen und hiermit werden die Feindschaften, die Zwietracht, die Tyranneien aufhören. — Was uns betrifft, so haben wir die fortschreitende Entwickelung an den Thatsache» der Geschichte nachgewiesen in unseren Vorlesungen: „über die Resultate in der Weltgeschichte" (Leipzig, Baumgäriner, 1860).

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