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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-01-15 · Heft 3 (15.1.1884) · p. Seite 37

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 3 (15.1.1884)
Date
1884-01-15
Page
Seite 37 (sequence 5)
Language
German
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37 Die Lage in Angarn. Es ist nicht zu verkennen, daß die Verhältnisse in Ungarn immer schwieriger werden. Wir haben stets behauptet, daß die antisemitische Bewegung in ihrer Ausdehnung ihren Ursprung und ihre Förderung nicht in den wirklichen Antipathien gegen die Juden, sondern diese nur zum gelegentlichen Ausgangspunkt hat, vielmehr in einer allgemeinen Unzufriedenheit, Unbehaglichkeit, in politischen, sozialen und besonders finanziellen Schwierigkeiten findet. Denn Thatsächliches liegt ja gegen die Juden nicht vor, und wenn dieselben des Wuchers geziehen werden, so können selbst die Gegner die Widerlegung nicht bestreiten, daß es unter den Wucherern nicht minder Christen wie Juden giebt und daß die letzteren in ihrer Gesammtheit nicht im geringsten dafür verantwortlich find. Kommen aber Juden durch industrielle und commerzielle Betriebsamkeit zu Wohlstand, so gewinnt dadurch die anderweitige Bevölkerung, da gerade hierdurch die wirthschaftlichen Verhältniffe belebt und gehoben werden. In Ungarn scheint jetzt nun derselbe Prozeß vor fich zu gehen, der sich in Preußen längst vollzogen hat, nämlich die Verbindung der Conservativen mit den Antisemiten. In Ungarn herrschen seit dem Ausgleich mit Oesterreich die liberalen Parteien vor. Die Regierungspartei ist liberal, und hat eine Opposition nur in der äußersten Linken. Deshalb müssen alle Regierungsmaßregeln eine liberale Tendenz haben, und das Nothcivilgesetz betreffs der Ehen zwischen Christen und Juden ging durch das Abgeordnetenhaus, ohne mehr als 20 Stimmen gegen sich zu haben. Es existirt also keine wirklich conservative Partei im Abgeordnetenhause. Dieselbe hat ihren Platz vielmehr in dem Oberüause, das in sehr veralteter Weise noch aus mehr als 800 Magnaten und Prälaten besteht. Diese fühlten aber ihre Ohnmacht dem Volke gegenüber so sehr, daß eine nachdrückliche Opposition von ihnen nicht geübt, ja das ganze Oberhaus vernachlässigt wurde, so daß es ein allgemeines Erstaunen erregte, als sich in der letzten Sitzung 212 Votanten eingefunden hatten — so etwas war noch nie vorgekommen. Schon hieran erkennt man, daß die conservativen Elemente die antisemitische Bewegung als einen Krystallisationspunkt benutzen wollen, um sich als Partei wieder zu finden, zu reconstruiren. Es scheint deshalb kein glücklicher Griff des Ministeriums Tißa gewesen zu sein, gleich nach der Unterdrückung der Judenexceffe durch Militärgewalt einen neuen antisemitischen Zankapfel durch das Ehegesetz zwischen Christen und Juden in das wildbewegte politische Leben Ungarns hineinzuwerfen. Allerdings, des Abgeordnetenhauses sicher, that er dadurch von Neuem die Ohnmacht des Antisemitismus kund und brachte diesem eine abermalige Niederlage bei. Aber er mußte wiffen, daß er durch diesen Gesetzentwurf die katholische Partei zum Widerstande aufrufe und daß diese in den conservativen Magnaten ihre Stütze finden werde, während doch zugleich im Volke dieses Gesetz auf Antipathie stoße. Der Impuls ist nun gegeben; alle bisher so sehr zerstreuten conservativen Elemente schaaren sich um den Antisemitismus und gerade weil sie im Volke antisemitische Neigungen voraussetzen. Neuwahlen zum Abgeordnetenhause stehen bevor und es ist vorauszusehen, daß die Abgeordneten der Regierungspartei dabei einen harten Stand haben werden. Die conservativ-antisemitische Partei wird alle Hebel in Bewegung setzen, um Wahlen zu ihren Gunsten zu erzielen. Die Aussichten sind also recht düster. Es gilt nicht mehr blos die gesetzliche Ordnung auf der einen, die Judenhetze auf der anderen Seite, sondern die Erhaltung oder den Sturz der liberalen Partei. — Welche Bedeutung der antisemitischen Bewegung in Ungarn einwohnt, ersieht man daraus, daß bei der Neujahrscour Graf Banffy an der Spitze einer Deputation der liberalen Partei für die Energie der Regierung bei Unterdrückung der antisemitischen Agitation den Dank der liberalen Partei aussprach, Tißa aber antwortete: Was den Antisemitismus anlange, so werde er dabei weder von Sympathie noch von Antipathie, sondern lediglich von der Rücksicht auf den guten Ruf Ungarns geleitet, der nicht geschmälert werden dürfe. Eine sonderbare Motivirung, die nur von der Verlegenheit zeugt, in welcher sich Tißa befindet. Nicht die Sorge um Gerechtigkeit und gesetzliche Ordnung, sondern nur die um den Ruf Ungarns im Auslände! Nun, wir wollen es hiermit nicht so genau nehmen, denn schließlich liegt selbst hierin das Zugeständniß, daß ein judenhetzerisches Volk in anderen Ländern auf keine gute Beurtheilung rechnen dürfe. Unsere obigen Bemerkungen werden aber durch eine Correfpondenz der „Köln-Z." aus Pest vom 1. Januar bestätigt. Sie lautet: „Es gewinnt den Anschein, daß die verschiedenen Parteilager in Ungarn sich anschicken, in einem großen und entscheidenden Ringkampfe ihre Kräfte zu mesien. Die Gelegenheit zur Scheidung der Geister giebt die erneuerte Berathung über den Gesetzentwurf bezüglich der Nothcivilehe zwischen Juden und Christen. Diese Vorlage erhält durch diesen Umstand eine Bedeutung, welches weit über jenes Maß hinausgeht, welches ihr unter gewöhnlichen Berhältniffen zukommt. Die grundbesitzenden magyarischen Claffen, welche durch schlechte Wirthschaft, durch Trägheit und Verschwendungssucht herabgekommen sind, erblicken im Judenthum die Quelle ihres Verderbens; statt sich auf ihre eigenen Fehler zu besinnen, steifen sie sich auf den Gedanken, wenigstens die papiernen Gesetzesschranken, welche die Ersetzung der herrschenden magyarischen Gesellschaftsschichten durch das Judenthum erschweren, als Schutz und Schirm des magyarischen Charakters der ungarischen Gesell- . schüft aufrecht zu erhalten. Dazu wird der ganze Heerbann I jener Jntereffen aufgeboten, welche eine lange dauernde

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