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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-01-15 · Heft 3 (15.1.1884) · p. Seite 36

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 3 (15.1.1884)
Date
1884-01-15
Page
Seite 36 (sequence 4)
Language
German
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36 auf den Leib, sprach ihr alle Befähigung, das Sprechen, das Schreiben, das Componiren, kurzweg alle künstlerischen und wissenschaftlichen Fähigkeiten ab; sie könnten nur nachahmen, entlehnen, stehlen. Hiermit waren Mendelssohn und Meyerbeer unter das Fallbeil gebracht. Nun, ähnliche persönliche Motive können den weiteren Urhebern und Führern des Antisemitismus nachgewiesen werden: es waren Streber, die mit diesem eine Rolle zu spielen, eine Stellung sich zu erwerben, in ein Parlament gewählt zu werden oder auch nur einen Broterwerb zu gewinnen hofften. Einem und dem anderen ein Rückschritt! Hatte schon der Mosaismus auf den ersten Seiten seiner Urkunde die Einheit des ganzen Menschengeschlechtes gelehrt und die allgemeine Menschenliebe zum höchsten Sittengesetz gestempelt und durch die Propheten verkündet, daß einst die ganze Menschheit einig sein werde in Gotteserkenntniß, Gerechtigkeit, Liebe, Frieden; hatte schon das Christenthum sich an alle Völker der Erde gewendet, um sie als „Eine Heerde unter Einem Hirten" zu sammeln; so war es doch den letzten beiden Jahrhunderten Vorbehalten, die Humanität als das Ziel aller sittlichen, politischen und gelang es auch auf diesem Wege, die meisten jedoch verloren I socialen Entwickelung zu erkennen und zu lehren, in den sich immer wieder nach einiger Zeit, nicht Wenige davon auf! Geistern diese Erkenntniß zu verbreiten, im politischen und keine ehrenvolle Weise. Daß überhaupt Neid und Mißgunst, socialen Leben zur Herrschaft zu bringen, und als die erste und zwar nicht blos innerhalb der commerziellen Concurrenz, und unerläßliche Bedingung des Staates die Rechtsgleichheit sehr wesentliche Triebfedern in der ganzen antisemitischen! zu fordern. Je weiter und nachdrücklicher diese Anschauung die Geister bezwang, desto schwerern Kampf kostete die Verwirklichung. Zu großen Widerstand leistete die Wucht des Bestehenden und das persönliche Jntereffe. Aber jeder Widerstand wurde besiegt. Die Bersaffungen aller civilisirten Staaten machten die Rechtsgleichheit zu ihrem Grundgesetz, und der letzte blutige Kampf fand auf den nordamerikanischen Schlachtfeldern statt, wo es galt, die Sklaverei zu vernichten und die Negerrace als gleichberechtigte Menschen und Bürger anzuerkennen. Und diesen ganzen Fortschritt der Menschheit, diesen nach vier Jahrtausend langem Kampfe zur Geltung gekommenen höchsten Rechtsgrundsatz, diese durch zahllose geschichtliche Prozeffe durchgeführte Entwickelung vermißt sich der Antisemitismus zu verleugnen, zu den längstvergangenen Zeiten der Ausschließung, der Rechtsbeschränkung, der Ausnahmegesetze und womöglich der Racenvertilgung zurückzukehren! In einem National-Mysticismus will er die unantastbaren Rechte eines Geschlechtes verletzen, das seit Jahrtausenden das gemeinsame Vaterland bewohnt, und einer Generation alle rechtlichen Ansprüche verweigern, die an der Bildung, dem Geschick, den blutigen Kämpfen und allen Bestrebungen der Nation den unleugbarsten Antheil genommen! Wir brauchen hier in dieser Erörterung nicht weiter zu gehen. in Bewegung abgaben, ist längst anerkannt. Doch genügen sie! nicht, die weite und lebhafte Verbreitung dieser krankhaften Erscheinung zu erklären. Wir laffen die rohen Pöbelexceffe hier außer Acht, die doch nur aus der Anreizung der niedrigsten und verbrecherischesten Leidenschaften im Volke, der Plünderungs- und Mordsucht entstehen konnten. Aber jene Mißstimmung gegen die Juden in fast allen christlichen Kreisen der drei vom Antisemitismus ergriffenen Länder, die Neigung zahlloser Menschen, die Verleumdungen und Anklagen gegen die Juden in sich aufzunehmen, alle alten Vorurtheile und Gehässigkeiten wieder in sich erwecken zu laffen, diese sind es, welche unsre Aufmerksamkeit und Prüfung auf sich ziehen. Und da erkennen wir die Verwandtschaft zwischen dem Wagnerianismus und dem Antisemitismus recht deutlich. Der Mystizismus und der Fatalismus, welchen wir in allen Wagnerischen Schöpfungen als deren Grundzügen begegnen, bilden den psychologischen Untergrund auch für den hochedlen Stamm des Antisemitismus. Die mystische Racen-Psychologie, welche auf der Basis einer Sprachentrennung in vorhistorischer Urzeit Racen aufstellte, deren jeder besondere geistige und sittliche Eigenschaften und Fähigkeiten zugeschrieben wurden, sowie man sie aus den Schubfächern der Psychologie und der Logik herausholen konnte; der Fatalismus,! Es ist Alles so klar und erwiesen, wie das Licht des Tages, der jeden vermeintlich aus irgend einer dieser Racen stammen-! Der Mysticismus, der Fatalismus, die Unsittlichkeit, selbst den, trotz der zahllosen Generationen, die seitdem gekommen j die Sprachverrohung, die wir als die Grundzüge des Wag- und gegangen, trotz des unaufhörlichen geschichtlichen und! nerianismus erkannten, sie sind auch die eigensten Bestandtheile geographischen Wechsels, trotz der unübersehbaren Kreuzung! des Antisemitismus. Beide find dieselben Symptome der inneren der Nationen verurthcilte, in eine abgeschloffene Kategorie Krankheit im Organismus unsrer Zeit; sie erwuchsen aus geistiger und sittlicher Eigenschaften zu gehören und diesem denselben krankhaften Neigungen; aber wir hoffen, daß die Schicksal der Beschränktheit und Mangelhaftigkeit, trotz allem 1 Kraft einer gesunden Entwickelung, die in dem einen sich auf Kämpfen und Ringen nach Höherem und Höchstem, auf immer, die Meisterwerke der Jahrhunderte in Dichtung und Musik verfallen zu sein — dieser Mysticismus und Fatalismus! stützt, in dem anderen auf die allgemeine Anschauung und find die Grundzüge auch im Antisemitismus. Sie bildeten! der Verwirklichung in den Staatsgrundgesetzen, diese Krankheiten deffen eigentliche Argumente und sie finden sich in allen denen überwinden wird, wieder, welche sich jener Bewegung Hingaben. Und welch', -

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