Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1884)
- Date
- 1884-01-08
- Page
- Seite 29 (sequence 13)
- Language
- German
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29 bleibt kein spanischer Jude weg. Während der Zeit des Gottesdienstes und den ganzen Samstag bleibt der Bazar geschlossen. Es giebt keinen Preis, um den er den Bazar öffnen würde. Sie sind in Bezug auf Religiosität überaus streng und dulden es nicht, daß Jemand gegen dieselbe verstoße. Sie beobachten jede Vorschrift mit der größten Gewiffenhaftigkeit, gleichviel ob Fasten oder Feste. In der Morgendämmerung, ungefähr in der Zeit, da der Muezzim vom Erker des schlanken Minarets mit mela"cholischem Gesänge die mohammedanischen Bewohner ''allen Theilen des Ortes in die Dzamia ruft, sieht man die spanischen Juden in den Tempel eilen. Nach dem Gottesdienste am Samstag begeben sich die Jüngeren und die Frauen nach Hause; die Alten dagegen bleiben im Tempel zurück. In dieser Zeit regeln sie die Gemeindeangelegenheiten, die zwischen ihnen aufgetauchten Proeeßsachen, mit einem Worte Alles, was im Orte während der Woche sich ereignet hat. Wenn unter ihnen, was wohl eine Seltenheit ist, irgend ein Streit entsteht, so gehen sie nicht zum Mudir oder zu einer andern Behörde, sondern es ordnet dies der Borfteher der Gemeinde mit Hilfe eines der Aeltesten. und Jeder giebt sich damit zufrieden. Siiir in solchen Proeeßsachen, die zwischen ihm und einem Andersgläubigen auftauchen, wendet sich der spanische Jude mit seiner Klage an den Mudir. Der spanische Jude ist als Geschäftsmann unermüdlich und umsichtiger als der Mohammedaner, doch ist er streng redlich; als Familienvater ist er gutmüthig, zärtlich und liebt seine Kinder unendlich. Er thut alles Mögliche, um ihnen eine sorgenlose Zukunft zu sichern. Seinen Bazar schmückt er nicht besonders aus; er giebt nichts auf Aeußerlichkeiten: er richtet keine Aushängekaften ein und hält seine Waaren zumeist in Magazinen. Zwischen ihm und dem mohammedanischen Kaufmann besteht der wesentliche Unterschied, daß während der mohammedanische Kaufmann in seine Waaren nahezu verliebt ist, und dieselben um so mehr liebt, je länger sie bei ihm bleiben, so daß er sich von denselben kaum trennen kann, der jüdische Geschäftsmann feine Waaren nur insofern schätzt, als sie einen Werth haben, und er bemüht sich, dieselben so bald als möglich zu veräußern. Es ist hundertmal leichter bei einem spanischen Juden Einkäufe zu machen, als bei einem mohammedanischen Kaufmann. Der mohammedanische Kaufmann duldet es nicht, daß man mit ihm feilsche und daß man ihn auf die Mängel der Waaren aufmerksam mache; der jüdische Kaufmann sucht dagegen seine Waaren gefälliger zu gestalten und ist mit der Macht seiner Beredtsamkeit bemüht, den Kauf perfect zu machen. Der mohammedanische Kaufmann rührt sich nicht von seinem Sitze, bis der Käufer den geforderten Preis erlegt; doch springt er, trotz aller Kaltblütigkeit, gleich einem Luchs vom Platze auf, wenn der Kunde einen lächerlichen Preis bietet oder feilscht; er nimmt ihm die Waare in nicht eben sanfter Weise aus der Hand und weist ihn aus dem Bazar. Der spanische Jude hört den Kunden geduldig bis zu Ende, regalirt ihn mit Cigarettchen und ist im Stande, mit der größten Geduld stundenlang mit ihm zu feilschen. In ganz Bosnien kann man die Erfahrung machen, daß die mohammedanischen Frauen wahre Anhänglichkeit für die Jüdinnen empfinden, was jedoch von den Männern durchaus nicht behauptet werden kann. Eine spanische Judenfrau ist unzweifelhaft eine der intereffantesten Erscheinungen nicht nur in Bosnien, sondern im allgemeinen. Wir finden in ihr spanische Schönheit, die Trägheit der Türkin und das tiefe Gefühl des Juden; wir finden in ihr den eigenthümlichen Stolz des Spaniers, die Empfindlichkeit der Türkin und die jüdische Leidenschaftlichkeit. In ihren Bewegungen verräth sie spanische Grazie, in ihrer Kleidung den bizarren Geschmack der Türkin und den jüdischen Geist. Ein wunderbares internationales Gemisch, welches zur Folge hat, daß das in uns erweckte Jntereffe sich möglichst steigere. Habe ich von den spanischen Juden behauptet, daß sie blos mit hebräischen Schriftzügen schreiben können, so kann ich von den spanisch-jüdischen Frauen sagen, daß sie dies nicht einmal mit hebräischen Lettern im Stande sind; die Zahl derjenigen, die hierin auch nur einigermaßen bewandert sind, ist eine überaus geringe. Aus hebräischen Gebetbüchern zu lesen versteht aber der größte Theil, was daher stammt, daß der älteste Sohn in jeder Familie verpflichtet ist, die Mädchen beten zu lehren. Auf die geistige Ausbildung der Mädchen wird, wie bei den Mohammedanern, gar keine Sorge verwendet. Schon die Erziehung der Knaben ist genug mangelhaft und man könnte ihrer staunenswerthen Unwiffenheit halber die Eltern der sträflichen Nachlässigkeit zeihen, aber von dem Unterricht oder der Ausbildung der Mädchen ist im Allgemeinen keine Spur vorhanden. In ganz Bosnien finden wir keine einzige Mädchenschule. Daß die Mohammedaner solche Schulen nach Art der Medresscn nicht errichten, ist begreiflich, da sie das Mädchen mit 11 bis 12 Jahren schon sorgfältig in ihren Harems verbergen; daß aber die spanischen Juden, welche dieser Maßregel nicht unterworfen sind und auch materiell im Stande wären, diesbezüglich ein Opfer zu bringen, eine Mädchenschule nicht errichten, das ist ein bedauernswerthes Symptoni und findet nur darin seine Erklärung, daß sie den Mangel nicht fühleit, deren Nothwendigkeit nicht wahrnehmen und im Allgemeinen unfähig sind, die Bildung auch nur zu würdigen. Ich weiß es aus verläßlicher Quelle, daß die einzige größere Mädchenschule, welche die spanischen Juden errichtet haben, in Nisch existirt, aber auch ihre Tage sind in Folge der Theilnahmslosigkeit gezählt.