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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-01-08 · Heft 2 (8.1.1884) · p. Seite 28

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 2 (8.1.1884)
Date
1884-01-08
Page
Seite 28 (sequence 12)
Language
German
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28 Aeuil Die bosnischen Inden. Von Ad. Strauß.') In Bosnien finden wir auffallend viele spanische Judenfamilien, deren größter Theil nicht nur wohlhabend ist, sondern auch reiche und blühende Geschäfte besitzt. Diese sind schon alte Einwohner Bosniens und Nachkommen jener spanischen Juden, die im 15. und 16. Jahrhundert aus Spanien vertrieben wurden und die, theils über Constantinopel, theils aber aus dem südlichen Theile Italiens kommend, sich hier niedergelasien. Auch in ihrer neuen Heimath wurde der Handel alsbald ihre ausschließliche Beschäftigung und sie betrieben eine Zeit lang hindurch in nicht geringem Maße die verschiedenen Handelszweige. Gegenüber den Juden ist der Mohammedaner in vielen Beziehungen brüderlich; die Ursache hiervon liegt darin, daß ihre Religionen in Manchem verwandt sind; andererseits aber haben die Juden in Bosnien, in diesem exponirtesten Theile der Türkei, wo die inneren Wirren und äußeren Zwistigkeiten niemals aufgehört hatten, ihre Lage wohl aufgefaßt und während die Mohammedaner das Schwerdt heldenhaft handhabten, unterstützten die Juden ihre Unternehmungen mit Geld, ohne Rücksicht auf die Ziele des Krieges. So waren sie stets nicht geringe Stützen der mohammedanischen Bevölkerung. Die Juden waren nie solchen allgemeinen Verfolgungen ausgesetzt wie die Christen, obschon auch sie nur einen Theil der Rajah bildeten. Ihre Anzahl war jedoch in Bosnien stets so gering, daß sie von den Mohammedanern ernstlich gar nicht in Betracht genommen wurden. Die Juden ertrugen mit Geduld ihre Lasten und zahlten bereitwillig.ihre Steuern, denn sie genossen nun im Vergleich zu ihrem Leben in Spanien wahre himmlische Glückseligkeit. Tie spanischen Juden in Bosnien haben bezüglich ihrer Sitten, Kleidung uud Lebensweise sich die Mohammedaner zum Vorbild gewählt und suchten dieselben mit thunlichster Genauigkeit nachzuahmen. Die Männer und Frauen kleiden sich genau so wie die Mohammedaner, nur hier und da sieht man einen Juden in einem Kleide nach französischem Schnitte, Natürlich trägt er in diesem Falle keinen Turban, sondern einen Fes. Die Meisten tragen jedoch große bunte Turbans und binden um ihre Hüfte ein 4—5 m langes Linnen- oder Halbscidcntuch. i) Von Hrn. Ad. Strauß, der längere Zeit in Bosnien gelebt und Land und Leute aus Autopsie kennen gelernt hat, ist ein größeres Werk „Bosnien, Land und Leute" im Erscheinen begriffen. Dieses Werk, von dem der I. Bond erschienen (Wien, Gerold) und von dem auch bereits eine englische Uebersetzung veranstaltet wird, ist von bedeutendem historischen und culturhistorischen Werth. Die Schilderung der bosnischen Juden bildet den 4. Abschnitt der Abgeltung „Bosniens Bevölkerung". Kg. t e t o n. Bon einer allgemeinen Bildung ist bei den bosnischen Juden keine Rede. Sie lehren die Kinder lesen und ein wenig jüdisch schreiben. Man findet in ganz Bosnien kaum zwei, drei Schulen. Gewöhnlich figurirt der Chacham als Jugendbildner; er ist gleichzeitig der Seelsorger der Gemeinde, der Rathgeber, Schächter und Kirchendiener in einer Person, und nachdem zumeist nur alte Leute die würdige Stelle des Chacham ein» *u, ist es auch sehr natürlich, daß sie ihren Beruf mit möglichster Unpünktlichkeit ausüben, um so mehr, als sie tagsüber sehr eifrige Geschäftsleute sind. Wer aber der Ansicht ist, daß der Chacham ein großer Gelehrter ist, befindet sich in großem Jrrthume. Ehre den Ausnahmen, doch habe ich Gelegenheit gehabt, einige kennen zu lernen und zu erfahren. daß sie nicht viel mehr wiffen als die übrigen Juden gewöhnlich zu wiffen pflegen. Die bosnischen Juden sprechen unter sich zu Hause, in den Bazars immer spanisch; man findet nicht selten spanische Juden, deren Großvater bereits in Bosnien geboren wurde und die dennoch keiner anderen Sprache mächtig sind als der spanischen. Andererseits kann man einzelne spanische Juden finden, die bewundernswerthe Sprachkenntniffe besitzen. So machte ich die Bekanntschaft eines 24jährigen jungen Mannes, des Buchhalters des berühmten Geschäftshauses Mardodic. Dieser junge Mann ist aus Nisch gebürtig und spricht spanisch, italienisch, türkisch, arabisch, serbisch, persisch, französisch und auch ein wenig deutsch. Lesen kann er nur jüdisch und türkisch. Die Geschäftsbücher führt er in jüdischer Sprache. Die Sprachen hat er auf praktischem Wege erlernt. Die spanischen Juden wenden alle ihre Fähigkeiten und ihre ganze Thätigkcit dem Geschäfte zu. Durch ihre Hände geht fast Alles, was von Außen ins Land und was aus dem Lande hinausgeführt wird. Sie kümmern sich nicht um die Politik und wenden ihre ganze Aufmerksamkeit dem inner» Bedarf und der Nachfrage zu. Sie streben nicht nach Grundbesitz und hegen geringe Ansprüche. Ihre Häuser bauen sie — namentlich aber die Reichen — ziemlich fest und, was hier zu den Seltenheiten gehört, sie versehen ihre Häuser auch mit guten Rauchfängen. Der spanische Jude kennt nicht den Stolz. Sein Reichthum mag noch so groß sein, er lebt dennoch in der aufrichtigsten Freundschaft mit dem Aermsten. Die Zusammengehörigkeit ist bei den spanischen Juden überhaupt in solchem Maße vorhanden, wie sie selbst bei der mohammedanischen Bevölkerung kaum zu finden ist. Sie versammeln sich jeden Morgen zum Gebet. Als Tempel dient ihnen ein großes Zimmer in der Wohnung des Gemeindevorstehers. Hier versammelt sich die Gemeinde, Groß und Klein, jeden Morgen und am Samstag dreimal des Tages. Vom Gottesdienste

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