Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-01-08 · Heft 2 (8.1.1884) · p. Seite 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 2 (8.1.1884)
Date
1884-01-08
Page
Seite 30 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227501-3227504--41412-3309881
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

30 Was machen denn die Frauen den ganzen Tag? Der rade so beschränkt wie die Christen, aber sie genoffen seitens Mann ist bis Abends nicht zu Hause und der spanische Jude der Mohammedaner immer mehr Vertrauen als die übrigen kennt das nicht, die Frau in seinem Geschäfte zu verwenden, Rajahs. In politischer Beziehung besaßen die Juden in sie bleiben zu Hause auf sich selbst angewiesen und so ist es für sie eine doppelte Aufgabe, die Langelveile zu vertreiben, besonders bei den Wohlhabenden, die nicht einmal die kleinen häuslichen Arbeiten selbst verrichten. Sie wachsen heran, werden alt und nie werden sie auch nur den Wunsch hegen, auch etwas zu lesen. Bon der großen Welt erfahren sie nie etwas, aber sie sind auch gar nicht neugierig; sie haben keine Bosnien gar keine Wichtigkeit. Sie bezahlten gemeinsam die ihnen auferlegte» Steuern, die Reichen für die Armen. Es ist eine allgemein bekannte Thatsache, daß sie und die Zinzaren zu den fleißigsten und wirthschaftlichsten Bewohnern Bosniens gehöre», die außerdem auch seitens ihrer Seelsorger der Erpressung nieinals ausgesetzt waren, ja die jüdischen Geistlichen «Chacham) mit Ausnahnie des in Serajewo wohn- Ahnung, was eine gedruckte Zeitung, was die Poesie ist. > haften Oberrabbiners, bezogen sogar im Allgemeinen gar kein Das Leben einer jeden einzelnen Frau ist eine Poesie, eine liebliche Idylle, worin sie sich glücklich, überglücklich fühlt. Da sitzen sie stundenlang auf einem Platz mit ihren träumerischen großen Augen vor sich hinstaunend, ohne sich zu rühren, ohne auch nur ein Wort zu sprechen; ihre dünnen Cigaretten fabriciren sie mit staunenswerther Geschicklichkeit und den kräuselnden Rauch von sich blasend, vertilgen sie eine nach der andern; auf weichen Teppichen liegend, schlürfen sie tropfenweise aus der ohnedies fingerhutgroßen Schale ihren Kaffee, und in all dem verrathen sie eine solch' unendliche Ruhe, eine solche bewundernswürdige Gleichgültigkeit, wie wir sie nicht einmal bei dem gleichmüthigsten und kaltblütigsten Engländer finden. Ihre Kleider tragen die spanischen Jüdinnen in einer außerordentlich malerischen nnd intereffanten Weise; damit steigern sie den Reiz ihrer Bewegungen nur noch mehr. Das Aufstehen, das Niedersetzen, das Gehen, das Stehen, das Alles geschieht mit großer Geschicklichkeit, mit Reiz und Anmuth, was um so so staunenswerther ist, als von ihnen keine einzige tanzen kann und wohl nur äußerst selten wird man eine Familie finden, wo man anläßlich irgend eines großen Festtages eine mit Tanz verbundene Unterhaltung zu veranstalten pflegt. Gehalt. Interessant ist der Charakterzug bei den bosnischen Juden, daß sie soweit nur möglich Comfort und Genuß suchen. Die Reichern halten im Winter förmliche Saisons und im Sommer suchen sie irgend ein bosnisches Heilbad auf. Ein solcher Kurort ist Kiszeljak. Hier findet sich über den Sommer jeder reichere bosnische Jude ein. Hierher bringen die Frauen ihre schönsten Kleider und Schmuckgegenstände und treiben hier einen wirklichen Luxus. Die von einander entfernt wohnhaften Jünglinge und Mädchen haben hier Gelegenheit Bekanntschaft zu machen, und in Kiszeljak pflegen auch die Juden zahlreiche Verlobungsfeste zu feiern. Wird der bosnische Jude alt und zur schweren Arbeit unfähig, so entsteht in ihm die unbezähmbare Sehnsucht, weit, weit nach Osten fortzuwandern, nach Palästina. Sein einziger Wunsch ist, sein müdes Haupt in der Nähe der heiligen Gräber zur ewigen Ruhe zu legen. Wer es nur im Stande ist, thut dies, und ohne Kosten und Mühen zu scheuen, wandern sie dahin und sehen Bosnien, seine Berge, Felder und Wälder niemals wieder. Sie leben gerne in Bosnien, aber sterben wollen sie da nicht. Diese Auswanderung bat ihre eigene Ursache. Es geschieht dies nicht aus purer blinder Das Spazierengehen kennen die spanischen Jüdinnen Frömmigkeit, sondern stammt daher, daß die Mohammedaner nicht, ja sie halten es für eine Schande und Ehrlosigkeit,! Alles was zum Anzeichen einer fremden Religion dienen wenn das Mädchen auf der Gasse viel herumgeht. Auf ihre! könnte, öffentlich niemals dulden wollten, so auch die öffent- Ehre sind sie sehr behutsam und es gehört wahrlich zu den! lichen Friedhöfe nicht. seltensten Fällen, daß eine spanische Jüdin der Untreue bc-! In Bosnien konnte man früher dreierlei Friedhöfe schuldigt wurde; daß aber gar ein Mädchen vom Hause! unterscheiden: Diejenigen der Mohammedaner, der Christen durchgehe, was bei den Mohammedanern sehr oft vorkommt,! und der Juden. In dem jüdischen Friedhofe bestanden die das ereignet sich in den Häusern der spanischen Juden nie.! Grabsteine aus nichts anderem als aus drei Steinslücken Ihre Namen sind ähnlich den unserer Judenmädchen, aber ohne jedwede Schrift und Zeichen. Die Steine wurden spagniolisirt, wie z. B. Sarittya --- Sali, Jstirittya =--= Esther,; einfach nächst der Landstraße aufgelesen und übereinander Rüvkeittya Rebekka, Hanittya ----- Hani, Miruffa Mej gelegt; dieselben einander zu befestigen mit Eisen oder Holz riam u. s. w.! war streng verboten, und da die Mohammedaner in den Die Juden wohnen zumeist in den größeren bosnischen christlichen wie in den jüdischen Friedhöfen ihre Hausthiere Städten. Sie beschäftigen sich selten mit Ackerbau, sondern weiden laffen konnten, wurden diese losen Steine bald dabetreiben entweder einen größern Handel oder das Geld- \ nach zerstreut, daß die einzelnen Familien schon nach Kurzem Wechslergeschäft. Vordem waren sie in ihren Freiheiten gedie Gräber ihrer Tobten nicht zu erkennen vermochten. Dies

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.