Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1884)
- Date
- 1884-01-08
- Page
- Seite 24 (sequence 8)
- Language
- German
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24 betreffs einer bevorstehenden Stichwahl eines Stadtverordneten stießen die sog. Bürgerpartei (conservativ-antisemitisch) und die Arbeiterpartei aufs Heftigste aufeinander. Besonders war es der bekannte Cremer, der, da die Arbeiterpartei sich zu einem Ausgleich nicht hergeben wollte, auf die letztere losschimpste. Ein der Bürgerpartei angehörender Arbeiter bezeichnete die Arbeiterpartei als eine Gesellschaft, die einem „plumpen Judenkauf" anheimgefallen sei, denn „die Führer der Arbeiterpartei werden von der Alliance isr. univ. besoldet." (!!) Solche Lügen werden von conservativ - antisemitischer Seite colportirt und finden durch ihre immerwährende Wiederholung auch außerhalb dieses Kreises Glauben. Ich führe dies hier an, weil ich es für durchaus angezeigt halte, daß dieser absichtlich erregten Gespensterfurcht durch öftere Veröffentlichungen über die thalsächliche Wirksamkeit der Alliance in den politischen Blättern entgegengetreten werde. Aus Württemberg, 17. December. (Privatmitth.) Der Ausschuß des „Vereins zur Unterstützung armer durchreisender israel. Armen", für Württemberg und Hohenzollern, der seinen Sitz in Heilbronn hat, beschloß, die seit 1. Juli 1877 bestandene Kasse in Folge des Austritts zahlreicher Gemeinden, mit Wirkung vom 1. Januar 1884, aufzulösen. Der Verband, welcher im vergangenen Jahre eine Einnahme von 23,410 Mk. und Ausgaben von 22,739 Mk. zu verrechnen hatte, war für die dabei beiheiligten Gemeinden von großer Erleichterung, da sie in den ersten Jahren von den oft zudringlichen Armen verschont blieben. In den letzten Jahren fanden sich dieselben jedoch trotz Centtalkaffe ein, und der Austritt vieler Gemeinden war die Folge dieser unliebsamen Erfahrung. Die durch die Ausschreitungen der Stromer bei uns verschärften Polizeimaßregeln gegen den Bettel stellten auch den Bettel der durchreisenden israel. Armen unter verschärfte polizeiliche Kontrolle, und die Zahl derselben, die die Wohlthätigkeit ihrer Glaubensgenoffen in Anspruch nimmt, hat sich bedeutend verringert. Im August d. I. suchte ein angeblicher jüdischer Flüchtling aus Balta unsere württ. Gemeinden heim. Er gab vor, an der Zunge und an der Luftröhre verwundet zu sein, und seine Frau liege im Spital zu Wien. Ein Stoß Zeugniffe von Rabbinern und Aerzten verlieh den Angaben den Schein der Glaubwürdigkeit, und der Bettler fand überall offene Hände und brachte einige tausend Mark zusammen. Erst die Direction des Vereins zur Beschränkung der Wanderbettelei in Frankfurt a. M. stellte fest, daß die meisten Zeugniffe schon Jahre lang vor den Baltaer Ereignissen ausgestellt waren. Als man der Sache etwas näher treten wollte, verschwand der Schwindler aus Frankfurt.1) l) In Köln trat ein Mensch als Delegirter der Alliance isr. univ. aus, um Spenden sür die Abgebrannten in Konstantinopel zu sammeln. Der Betrüger wurde entlarvt. Mögen unsere Glaubensgenossen allen Bettlern gegenüber vorsichtiger werden. O esterreich-Ungarn. Wien, 27. Dec. (Privatmitth.) Bor einiger Zeit regte Herr Hermann Straßny (israelittscher Kaufmann) den Gedanken an, ein Asyl für geistesschwache Kinder zu errichten. Der Gedanke fiel auf fruchtbaren Boden und es gelang ihm, Se. Excellenz Herrn Baron Hye, ehemals Justiz- und Unterrichtsminister, für denselben zu gewinnen. Dieser ttat für die Sache ein, um für dieses Institut sowie für eine für verwahrloste Kinder zu creirende Anstalt zu sammeln. Für letztere Anstalt schenkte der Kaiser eines seiner Schlösser. Baron Hye erstattete dann Sr. Majestät Bericht und legte ihm die Sammlungen vor, auf welchen fast ausschließlich jüdische Namen zu lesen waren, da der Hochadel schon seit längerer Zeit, wenn es sich um Wohlthätigkeitsacte handelt, durch seine Abwesenheit glänzt. Wie ich nun höre, äußerte sich Se. Majestät bei dieser Gelegenheit in sehr wohlwollender Weise über die Mildthätigkeit der Juden. — Die Zeitungen bringen die Nachricht, daß Herr Hirsch B. Faffel, Rabbiner in Groß-Kanischa, gestorben ist. Er war einer der bedeutendsten talmudischen Heroen der Jetztzeit. Pest, 22. Dec. (Privatmitth.) In Kecskemet, einer kernmagyarischen Stadt, wurde der Antisemit Badnei, der sich in seiner Programmrede für den Antisemittsmus ausgesprochen hatte, mit einer Majorität von 27 Stimmen zum Reichstagsabgeordneten gewählt. Um den Antisemiten durchzubringen, ging die hiesige Unabhängigkeitspariei sammt und sonders in das Lager der Antisemiten über. Nach errungenem Siege warfen die jüngeren Antisemiten den Juden die Fenster ein. Bei den vorgestern stattgefundenen Komitatswahlen in Kaposvar wurde nach heftigem Kampfe ein Jude, Franz Bakonyi, in den Verwaltungs-Ausschuß gewählt. Pest, 23. Dec. (Privatmitth.) Das Urtheil der königl. Tafel im Tißa-Eßlarer Prozeß wurde nach fünftägiger Verhandlung vom Bicepräsidenteu der kgl. Tafel Karl Bajkay gestern Vormittag publicirt. Das Urtheil lautet: „Im Namen Sr. Majestät des Königs! Die Budapester köyigl. Tafel hat in der Sttafsache der des Mordes, der Theilnehmung an diesem Verbrechen und derBerbrechensvorschubleistung angeklagten Salomon Schwarz nnd Genoffen, in welcher der königl. Gerichtshof in Nyire gyhüza am 2. August 1882 unter Zahl 2844 hinsichtlich sämmtlicher Angeklagten ein freisprechendes Urtheil schöpfte, gegenwärtig wie folgt geurtheilt: Die Budapester königliche Tafel bestätigt das Urtheil des königlichen Gerichtshofes." Pest, 23. Dez. Oben ist bereits das Urtheil der kgl. Tafel zu Pest im Tißa-Eßlarer Prozesse gemeldet worden.