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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-01-08 · Heft 2 (8.1.1884) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 2 (8.1.1884)
Date
1884-01-08
Page
Seite 23 (sequence 7)
Language
German
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23 fast ausschließlich nur die privilegirten Stände, die ihr Prestige durch das Diplom sich erhalten wollen, gleichviel, ob dieser oder jener dazu geschaffen ist oder nicht, reich oder arm ist, nicht darum handelt es sich bei ihm, sondern um seine gesellschaftliche Stellung, die er zu entwürdigen glaubt, im Falle er ohne Diplom ausgeht. Der sich bildende Jude wieder macht es, wie in allem, so auch hierin, seiner Umgebung nach, nur mit dem Unterschiede, daß bei uns nicht bloß die, die privilegirten Klaffen, deren es unter den russischen Juden noch keine giebt, ersetzenden plutokratischen Klaffen, sondern auch und vorzüglich die ärmeren Klaffen, welche glauben, nichts zu verlieren zu haben, das Contingent der Studirenden abgeben. Wie in Allem, so rächt sich auch hierin am Juden diese kopflose Nachäffung nur zu bitter. Wir haben es schon erlebt, daß Leute, die ihren Cursus glänzend absolvirt, Jahre lang ohne Stelle und ohne Beschäftigung. verzweifelt um das tägliche Brod ringen, und was noch häufiger ist, daß solche Leute unter den kümmerlichsten Berhältniffen als alte Junggesellen ihr freudenleeres Leben ziellos sich dahinschleppen sehen, weil sie — bei all' ihrem Familiensinn, bei all' ihrer glühenden Sehnsucht nach den stillen innigen Freuden des Familienlebens — nicht im Stande sind, sich ein Heim zu gründen und nach dieser Seite hin den letzten Handwerker und Tagelöhner beneiden dürsten, und der Jude erst recht. Denn der Jude ist beim besten Willen doch nicht im Stande, dem Ruffen gleich, im wüsten Taumel des bunten Restaurationslebens seine Langeweile zu kürzen und mitten in tanzenden, singenden und springenden Orgien das qualvolle, peinigende Gefühl der Einsamkeit zu vergessen. Der Jude ist einmal aus ganz anderem Holze geschnitzt und eine tausendjährige strengsittliche Erziehung im liebehätschelnden Schooße der Familie läßt sich nicht mit der Hand hinwegwischen. Giebt es überhaupt sehr, sehr wenig Glückliche unter alten Junggesellen, so giebt es deren unter den jüdischen wohl am allerwenigsten. Und leider wächst bei uns die Schaar dieser Unglücklichen mit der zunehmenden Bildung von der einen und mit den immer höher und höher geschraubten Ansprüchen der immer mächtiger werdenden Mode von der anderen Seite. Bon diesen Ansprüchen kann man sich sicherlich im Auslande gar keinen Begriff machen, wie sehr auch das Wohlleben L 1a mode überall über .Gebühr sich gellend macht. Im Ruffen steckt noch immer der alte russische feudale Gutsbesitzer, für dessen Launen und Capricen Tausende kräftige Arme arbeiteten und der gewohnt ist, seine ganze Ehre und die Ehre seines Hauses und seines Standes in der äußeren Pracht und Eleganz eines verschwenderischen Hausstandes zu sehen. Der Gelehrte als solcher und alle seine eminenten Berdienste gelten hier nichts im Vergleich zu einer reichen, komfortablen „Einrichtung" und einer üppigen Tafel. Wenn ein gelehrter Specialist nicht eine jährliche Einnahme von mindestens 3—4000 Rubel jährlich besitzt — welche ihn nur in die Lage setzt, über eine Wohnung von 4—5 Zimmern und 2 Dienstboten zu verfügen, aber noch lange nicht ein Haus zu machen, also das Bescheidenste, was er als Familienvater nach hiesigen Begriffen unbedingt haben muß — so darf er nicht einmal an einen häuslichen Heerd denken. Denn die in solchen Fällen übliche Mitgift der Braut, 10—15,000 Rubel, welche für den Kaufmann gewöhnlich ausreichen, ein rentables Geschäft zu gründen, werfen dem „Literalen" bloß eine kleine Rente ab, die zu Folge der gesteigerten Forderungen der „reichen" Braut ihm mehr Pflichten verleiht als Rechte. Von der ökonomischen Eingeschränktheit und weisen Genügsamkeit, welche den deutschen Literatenstand so vortheilhaft auszeichnet, hat man hier keine blaffe Ahnung. Und, leider, der mit der Zeit fortschreitende, sich russifizirende Jude ist auch hierin oft mehr Ruffe, als der Russe selbst ist. Der Luxus und die Mode dominiren in den modernen jüdischen Familien und tragen von ihrer Seite nicht wenig zur jüdischen Frage bei. Abgesehen davon, daß sie Neid und Mißgunst in der christlichen Bevölkerung wecken, zu übertriebenen Vorstellungen vom Reichthume der Juden Anlaß geben, und alle die daraus entspringenden üblen Folgen herbeiführen helfen, beschwören sie auch innerhalb der Judenheit selbst großes Elend herauf, sie erschweren um das Zehnfache den ohnehin so schweren „Kampf um's Dasein", sie mehren die Sorgen des ohnehin so sorgenreichen Lebens und verbittern noch mehr die ohnehin nicht gar zu süße Existenz des russischen Juden. Die immer wachsenden Ansprüche der Moden im Verein mit dem Zudrang der Juden in den Hochschulen fördern eine neue, bei uns wenigstens bis jetzt noch nicht geahnte Frage zu Tage, eine Frage, die mit jedem Tage einen drohendern Charakter annimmt und eine ganze Umwälzung im socialen wie im Eulturleben der russischen Juden hervorzurufen verspricht. Ich meine nämlich — die Frauenfrage, die ich in meinem nächsten Briefe umständlich zu besprechen hoffe. 6. Deutschland. ' seine Furcht vor der Alliance isr. univ. aussprach, so haben Berlin, 28. Dez. (Privatmitth.) Wenn in den Berwir Hierselbst ähnliche Aeußerungen aus den unteren Volks- Handlungen des ungarischen Oberhauses ein Magnat lebhaft; schichten. In einer Versammlung im24.Communal-Wahlbezirke

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