Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1884)
- Date
- 1884-01-08
- Page
- Seite 22 (sequence 6)
- Language
- German
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22 Hoffnungen berechtigt. und daher öffentliche Unterstützung beanspruchen darf; daß für junge Leute dagegen, die weder bemittelt noch besonders begabt oder fleißig find, es weit richtiger wäre, nachdem es ihnen gelungen ist, eine gediegene Elementarbildung und einige Sprachkenntniffe sich anzueigncn, ein Gewerbe oder ein Geschäft zu erlernen. Sie würden dadurch nicht bloß Niemand belästigen, sondern auch nach allen Seiten hin Segen verbreiten. Auch Rußland hat schon seit einiger Zeit ein tieferes Bedürfniß an tüchtigen und gebildeten Handwerkern und Kaufleuten, als an mittelmäßigen Aerzten, Juristen. Technikern und Ingenieuren rc. und daher können hier erstere weit mehr auf Erfolg rechnen als die letzteren. Wohl gab es eine Zeit — und diese ist noch nicht lange verstrichen - , wo es genügte, Arzt, Jurist, Technologe, Ingenieur zu heißen, um einer reichlichen, behäbigen Stellung und einer respektablen, gesellschaftlichen Stellung gesichert zu sein; wo hingegen der Handwerker, mochte er noch so tüchtig sein, darbte und hungerte — , weil die niedrigen Bolksklasien, selbst arm und unwiffend, keine Culturbedürfnisic hatten, während die höheren Klassen in der Regel ausländischen Produktionen den Vorzug gaben, wo der Kaufmann, selbst der reiche, geringschätzig von der dominirenden Aristokratie und Bureaukratie behandelt wurde. In einer solchen Zeit war das Streben nach höherer Bildung, auch ohne in fich den Beruf zu fühlen, dem Dienste der Musen sich zu widmen, begreiflich und auch berechtigt. Diese Zeit aber ist nun für immer vorüber. Der gelehrte Spezialist muß nun einen langen und saueren Kampf mit einer zahlreichen Rivalenschaar ausfechten, die oft, von der äußersten Brodnoth getrieben, zu den unwürdigsten Mitteln greift, worunter sein Prestige als solches unbedingt leiden muß und auch bereits stark gelitten hat. Die Fälle, wo ein achtbarer Medicus, Konsulent, Ingenieur rc. mit einem ganz fimplen Geldsack liebäugelt und vor ihm ganz unverzeihlich kriecht und scharwenzelt, häufen sich bei uns mit jedem Tage, ja bei uns, wo „Obstanowka" (Einrichtung) und Chic eine weit größere Rolle spielen als Manneswürde und Standesehre, häufen sich diese Fälle viel rapider als irgendwo anders. Der Handwerker, wenn er nur tüchtig und auch entsprechend gebildet ist, ist jetzt in Rußland eine persona grata. Die Culturbedürfnisse des Volkes steigen mit dem wachsenden Wohlstände und mit der Bildung. Das geweckte nationale Bewußtsein des russischen Volkes fördert gern inländische Produktionen' und begünstigt russische Industrielle. Vom gebildeten tüchtigen Kaufmann ist schon gar nicht zu sprechen. Wer ist heute bei uns nicht Kaufmann, wer wirft sich hier nicht mit einem wahrhaften Fieber auf den Handel! Bor Mercur beugt sich jetzt selbst der sabelklirrende stolze Mars. Welches größere commercielle Unternehmen ist heutzutage hier nicht mit „Durchlauchten" und „Excellenzen" reichlich geschmückt! Wie dem auch sei, so viel steht fest, daß jetzt nicht bloß gebildete Kaufleute, sondern auch gebildete Handwerker keinen Grund mehr haben, über etwaige deprimirende Stellung oder gesellschaftliche Zurücksetzung sich zu beklagen. Freilich ist noch immer bei uns ein gebildeter Kaufmann und noch mehr ein gebildeter Handwerker eine seltene Erscheinung; aber wer hat daran Schuld? die industriellen Klaffen gewiß nicht, denn diese würden schon im Interesse ihres Berufes gern sehen, daß ihre Klaffe sich durch tüchtige gebildete Mitglieder bereichert. Was können sie aber dafür, wenn diejenigen, welche gerade dazu angethan sind, ihre Reihen durch den Zufluß von frischen Kräften und gebildeten Elementen zu stärken und zu kräftigen, daß gerade diese Leute von der blinden Routine und den noch nicht ganz überwundenen gesellschaftlichen Borurtheilen aus der „alten guten" Zeit der Leibeigenschaft verleitet, sich in Gebiete versteigen, wo sie am allerwenigsten am Platze find. Es braucht wohl nicht hervorgehoben zu werden, daß durch solche Mißverhältniffe nicht bloß die industriellen Klaffen leiden, sondern auch und vorzüglich die Literaten - Stände. Denn während auf der einen Seite die Nachfrage nach gelehrten Specialitäten — dadurch eben, daß die industriellen Klaffen in Folge des Mangels an gediegenen gebildeten Kräften nur langsam fich und dadurch den Wohlstand des Landes entwickeln — kaum bemerkbar wächst, steigt das Angebot durch die unzweckmäßige Frequenz der Hochschulen ganz übermäßig, was ebenfalls nicht ohne Rückwirkung auf die Wohlfahrt des ganzen Volkes bleibt. Die Frage, ob unsere hiesigen Glaubensgenoffen, die viel Tausende Rubel jährlich als Stipendien für unbemittelte jüdische Studenten und Gymnasiasten decretiren, ohne in der Lage zu sein, zwischen würdigen und unwürdigen Studenten zu unterscheiden, und dabei, da die Zahl der unbemittelten lernenden Jugend mit jedem Tage wächst, genöthigt sind, die Subvention, welche sie jedem einzelnen Hilfsbedürftigen gewähren, auf ein Minimum zu reduziren und außer Stande sind, wenigstens den Würdigsten wesentlich zu helfen — ob sie durch diese ihre Freigebigkeit nützen, diese precäre Frage ist allerdings leicht zu entscheiden; es ftagt sich aber, wie anders, wie bester machen? Die Entziehung der Unterstützung wird auf die Zahl und die Wahl der das Studium ergreifenden jungen Leute keinen Einfluß ausüben. Das hat unsere Regierung, die mitunter wohl auch aus den erörterten Rücksichten mit Maßregeln, den Eintritt in die Hochschule möglichst zu erschweren, nicht kargte, reichlich erfahren. Durch Pressionsmaßregeln wäscht man den Mohren nicht weiß. Uebrigens hat hier der Jude nicht so viel daran Schuld wie seine Umgebung, die er fich zum Muster nimmt. Die bäuer-! lichen und bürgerlichen Klaffen Rußlands leben noch heute im tiefsten Dunkel der Unwissenheit und es bilden sich hier