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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-01-08 · Heft 2 (8.1.1884) · p. Seite 21

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 2 (8.1.1884)
Date
1884-01-08
Page
Seite 21 (sequence 5)
Language
German
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21 es bei der Elementarbildung auf das „Quantum" an, so handelt es sich bei der höheren Bildung hauptsächlich um das „quäle“ der um dieselben sich bewerbenden Individuen. Der Gang der Bildung in Rußland überhaupt und der russischen Juden insbesondere, leidet in erster Linie daran, daß bei der Elementarbildung das „Quantum", und bei der höheren und speciellen Bildung das „quäle“ der sich Bildenden außer Acht bleibt. Während von der einen Seite Elementarbildung noch sehr wenig in das Volk eingedrungen ist und noch immer das Erbtheil eines mehr oder weniger begünstigten Bruchtheils des Volkes ist, machen sich von der andern Seite an höhere und specielle Bildung Leute, die am wenigsten sich dazu eignen, und während sie den mehr dazu Berufenen im Wege stehen, gerathen sie selbst auf Abwege. Der unfähige nun brodlose Arzt oder Jurist, der jetzt ein unnützer ja unbequemer Ballast für die Gesellschaft ist, könnte einen Aus' und Umschwung des industriellen wie Culturlebens des Landes, welcher überall dort sich fühlend macht, wo die Bildung stufenweise unter dem Volke verbreitet ist, wo es zwischen denen, die sich bloß der Elementarbildung erfreuen und denjenigen, welchen höhere Bildung zu Theil wurde, eine gehörige Reihe von Mittelklassen in auf- oder absteigender Ordnung giebt — dieser Einfluß existirt bei uns nicht. Der gebildete Jude geht in den meisten Fällen dem Gros der russischen Judenheit ganz und gar verloren, er gehört letzterer nicht mehr an, und all die Opfer, welche sie nolens volens der Bildung der jüngeren Generationen bringt, gereichen ihr selten zum Segen, weit häufiger aber zum Fluch. Ich spreche hier nicht von der tiefen, herzergreifenden Tragik der sich lösenden Familienbande zwischen den ungebildeten Eltern und hochgebildeten Kindern, welche nunmehr sich einander nicht verstehen können und täglich sich mehr entfremden. Ich ganz vorzüglichen Handwerker oder Kaufmann abgeben, ein; spreche auch nicht von dem schweren unersetzlichen Verluste, reiches Auskommen finden und sich der Gesellschaft nützj welchen das Judenthum davonträgt, daß viele begabte, hofflich machen. Solche, ihren Beruf verfehlende, verpfuschte Existenzen bilden das Hauptcontingent des intelligenten Proletariats, das selbst weit unglücklicher und der Gesellschaft weit nachtheiliger ist, als der unwiffende Proletarier; und erstereS ist überall das Zündmaterial der socialen Frage. Jedoch nirgends ist es so unglücklich, so nachtheilig, als eben unter den russischen Juden. Wenn sie anderswo schlimmsten Falls in verschiedenen Thätigkeitssphären, wo ein gewisser Grad von Bildung verlangt wird, Beschäftigung finden und sei es als niedriger Beamter, sei es als Bolkslehrer sich nützlich machen können, so ist hier dem gebildeten Juden auch dies unmöglich. Alle Staatscarrieren sind ihm abgeschnitten, alle Wege in Communalverwaltungen sind ihm gesperrt. Nur als frei praktizirender Arzt, Jurist und in selteneren Fällen als Ingenieur kann der gebildete Jude — wenn es ihm glückt — seine Existenz haben. Glückt cs ihm aber hierin nicht, so ist er verloren. Was soll er dann anfangen? Und leider dieser Umstand, daß nur die höhere und specielle Bildung dem Juden nicht bloß Menschenrechte, sondern auch einige Aussicht auf Existenz verschafft, zwingt ihn — wenn er sich mit der bei uns so geringen Dosis Elementarbildung nicht begnügen kann — alle Kraft und Anstrengung aufzubietcn, eine Hochschule zu absolviren, wenn er auch nicht entsprechend befähigt ist. Das hat außer dem Heranwachsen eines intelligenten Proletariats noch ein anderes weit größeres Uebel zur Folge — die tiefe Kluft zwischen den ungebildeten und gebildeten Klassen des Volkes. Der Handwerker und nungsvolle junge Kräfte in der Person der sich bildenden Generationen ihm den Rücken kehren, von allen jüdischen Interessen sich absolut lossagend, völlig in die herrschende Bevölkerung aufgehen und in ihr sich ganz auflösen. Ich habe hier bloß die ökonomische Seite im Auge, ich will nur hervorheben, daß die Verbreitung und Förderung der Bildüng unter den Juden in Rußland, — Dank dem irrationalen Charakter und unzweckmäßigen Gang derselben — nicht bloß zur Lösung der jüdischen Frage nicht beigetragen, sondern auch dieselbe nur noch mehr zugespitzt haben. Die jüdischen Eltern, wer sie auch immer sind, ob reich oder arm, ob gebildet oder ungebildet, sobald sie sich nur einmal entschließen, ihr Kind einer öffentlichen Anstalt anzuvertrauen, rechnen gar nicht anders, als daß diese ihre Kinder den Cursus irgend einer Fakultät absolviren werden, ohne viel dabei zu fragen, ob ihre Kinder zu einem gelehrten Fache genügend befähigt sind, ja sie fragen sich nicht einmal, wo sie die Mittel für ein jahrelanges Lernen und Studiren hernehmen, das bei uns mit so schweren Kosten verbunden ist. Jüdische Eltern hier zu Lande glauben Alles für ihre Kinder gethan zu haben, wenn sie dieselben nicht bloß im Studium nicht hindern, sondern sie noch zum selben anhaltcn. Sie können es nicht begreifen, daß Fälle Vorkommen, und zwar nicht selten, wo sein Kind von der Schule wegnehmen und es bei einem Handwerker oder einem Kaufmanne in die Lehre geben, eine — für das Kind selbst, für die Eltern wie für die Gesellschaft — weit bessere That ist, als das- Kaufmann bleiben so ungebildet wie zuvor und sind nicht J selbe Kind in der Schule weiter behalten. Sie können nicht im Stande, Handel und Industrie den Forderungen der Zeit i einsehen, daß ein Recht zu studiren nur der junge Mann hat, gemäß in neue Bahnen zu leiten, ihnen neues Leben einzu-^der entweder genügend bemittelt ist, um keinem zur Last zu hauchen. Der wohlthätige, segensreiche Einfluß der gebildeten■ fallen, oder der, sei es vermöge seiner eminenten Begabung. Klassen auf die Mindergebildeten und der dadurch bewirkte | fei es in Folge seines ungewöhnlichen Fleißes, zu großen

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