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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-01-08 · Heft 2 (8.1.1884) · p. Seite 20

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 2 (8.1.1884)
Date
1884-01-08
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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20 der Juden ausstellen kann. Beide Raffen besitzen viele gemeinsame Eigenthümlichkeiten; sie sind beide nüchtern, sparsam bis zum Geiz und bedürfnißlos, so lange sie nur kleine Bermögen besitzen, auf deren Vergrößerung sie Tag und Nacht bedacht sind, ohne dabei allzu skrupulös in der Wahl ihrer Mittel zu sein; werden sie später reich, so lieben beide mit ihrem Gelde zu prunken, und verwenden dann auch oft große Summen für wohlthätige Institute und dergleichen; wenn sie sich irgendwo niedergelassen haben, dann sind sie schwer wieder zu verdrängen und wo ein Chinese oder Jude einmal heimisch ist, da zieht er stets andere seiner Landsleute nach sich; beide zeichnen sich durch Kastengeist oder vielmehr esprit de eorps aus und halten fester zusammen wie irgend eine europäische Raffe oder Nation." -*** Der Verfasser konfiatirt also, daß auch in Sibirien bei geringerer Beschränkung, als der Jude in den anderen Theilen des russischen Reiches zu ertragen hat, besonders bei völliger Freizügigkeit, er sich dennoch von der übrigen Bevölkerung abhebt. Die Ursachen sind nicht schwer zu finden. Wer diese Reisebeschreibung durchlieft, wird als Menschenfreund in tiefe Traurigkeit versetzt. Ueberall findet er die Schilderung der ungeheuerlichen Trunksucht, an welcher die ganze Bevölkerung mit Ausnahme der Juden und Chinesen leidet, durch die sie, eine sonst gutmüthige und begabte Raffe, in die äußerste Verkommenheit, in den widerwärtigsten Schmutz und das tiefste Elend versenkt wird, und in der die Popen, die russischen Geistlichen, dem Volke möglichst noch vorangehen. Hierzu gesellt sich nun die Unwissenheit und der finstere Aberglaube, in welchen das Volk erhalten wird, und zuletzt noch die Unzahl der Feiertage, die fast ein Drittel des ganzen Jahres den Russen zum Müssiggang und damit auch zur Trunksucht anhalten. Es sind also nicht blos religiöse, sondern auch tiefsittliche und materielle Ursachen, die den Juden von den Landesbewohnern abzeichnen und die der Jude aufzugeben gar nicht in der Lage ist. Wer unter solchen Umständen vom Juden verlangt sich völlig zu russifiziren, d. h. den übrigen Einwohnern an Thätigkeit und Sittlichkeit, an Brauch und Lebensart völlig gleich zu werden, stellt nicht allein eine ganz unerfüllbare Forderung, sondern, will sie auch nöthigen die sittlichen Errungenschaften aufzugeben, durch welche er sich zu erhalten im Stande ist und die ihm zur Ehre und zum Segen gereichen. — In Tschita nahm der Reisende von seinem Gefährten Schmulowitsch 'Abschied. Er mußte ein Frühstück bei ihm einnehmen, „wozu jener seine ganze Verwandtschaft, darunter sehr hübsche Jüdinnen in der reizenden russischen Tracht, eingeladen hatte und es sich nicht nehmen ließ, trotzdem er nur ein bescheidener Kaufmann war, seinen Antheil an den gemeinschaftlichen Reisekosten auszuzahlen, wozu seine Frau zur Reise, zwar leider keine ihrer Schwestern, dafür aber eine Flasche vorzüglicher selbstgebrauter Nalifka hinzufügte." — In Irkutsk „hörte der Reisende zuerst vvn der Antisemitenbewegung in Deutschland, welche uns Deutsche hier, die wir den heimischen Verhältnissen fremd geworden waren, peinlichst berührte. Ich glaube, sagt er, daß die Judenhetze entschieden aus Deutschland nach Rußland eingeschleppt worden." Bemerkenswerth ist noch, daß Joest schon im Amurlande einem getauften Juden, Dir. F., und später noch einige Male begegnete, und hinzufügt: „Er war, wie gewöhnlich solche Leute, ein eifriger Antisemit." Hervorzuheben ist noch, daß nach unserem Reisenden nur wenige dieser in Sibirien ansässigen Juden zu den dahin von der russischen Regierung und den Gerichtshöfen „Verschickten" gehören, also die Einwanderung eine spontane ist. Sie beweist also recht den Wanderzug der russischen Juden nach Osten. Petersburger Lriefe. Unsere Gegenwart und Zukunft. V. Petersburg, im Dezember. In meinem letzten Briefe habe ich diejenige Seite der innern jüdischen Frage erörtert, die Mangel an Volksbildung betrifft; in diesem Briefe werde ich eine fast entgegengesetzte Seite der besagten Frage besprechen, welche in einem krankhaften Bildungsdrange wurzelt. Wie eine gesunde, zweckmäßige Elementarbildung Bedürfniß jedes Mannes aus dem Volke ist, so ist höhere und specielle Bildung Bedürfniß der mehr begabten, gewissermaßen ausgezeichneten Naturen. Man kann und soll wohl Elementarbildung möglichst heben und fördern und sie immer mehr in die tiefsten Volksschichten eindringen helfen, das ist fraglos eine große Wohlthat für das Volk und ein Segen für den Wohlstand wie für die Cultur des Landes; eine andere Sache aber ist höhere und specielle Bildung. Setzt Elementarbildung bloß allgemein menschliche Intelligenz voraus, welche sie durch Bereicherung an Kenntnissen zu entwickeln und in die geeigneten Bahnen zu lenken bestimmt ist, so setzen höhere und specielle Bildung einen höheren Grad von Intelligenz voraus und sind nicht bloß dazu angethan, letztere durch Bereicherung an Wissen zu entwickeln, zu lenken und zu leiten, sondern dienen vorzüglich dazu, reicher begabten Naturen die Möglichkeit zu geben, das Reich der Erkenntniß zu erweitern, die verschiedenen Wissensgebiete erforschen, die Probleme der Vernunft lösen, die Wissenschaft aufbauen und die Resultate dieser intellectuellen Thätigkeit ins praktische Leben übertragen und zum Gemeingut machen zu helfen, was natürlich nicht eines jeden Mannes Sache ist. Kommt

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