Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-01-08 · Heft 2 (8.1.1884) · p. Seite 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 2 (8.1.1884)
Date
1884-01-08
Page
Seite 19 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227501-3227504--41401-3309870
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

19 nicht blos in dem bereits mehr kultivirten Weftfibirien, sonj dern auch in dem unwirthlichen Ostsibirien und dem neuerworbenen Amurgebiete. N Um über diesen Wanderzug derj Juden nach dem entlegensten Osten einen Beleg zu geben, wollen wir eine in diesem Jahre erschienene Schrift, deren wir schon früher einmal Erwähnung gethan, citiren: «Aus * Japan nach Deutschland durch Sibirien" von Wilhelm Joe st. (Köln, Dumont-Schauberg, 1883.) Dieser Reisende hatte den Weg von Japan nach Köln durch Sibirien gewählt und war den Amur auf einem gebrechlichen kleinen Dampfer hinabgefahren. Nach langer banger beschwerlicher Fahrt war er in Strjetensk gelandet, von wo er zu Wagen durch die ungeheuren sibirischen Steppen weiter mußte. Er erzählt: „Bei unserer Ankunst eilte ganz Strjetensk ans Ufer, brachten wir den Leuten doch Briefe und Nachrichten, und zu meiner Ueberraschung bemerkte ich, daß die Mehrzahl des Publikums aus Jüdinnen bestand, die sich zur Feier des Schabbes festlich geputzt hatten: die Kinder in der so schönen russischen Nationaltracht und manche der auffallend hübschen jungen Mädchen in bunten seidenen Kleidern." — Es waren noch 1000 geographische Meilen durch Sibirien zurückzulegen. Hierzu mußte unser Reisender einen Wagen (Tarantos) kaufen, zu welchem die Pferde auf den Poststationen geliefert wurden. Bei der Suche nach diesem traf er auf einen Juden, Pavel Jakobtowitsch Schmulowitsck aus Tschita, und sah dies als „das gute, für ihn unschätzbare Resultat" seiner Wanderung durch die Stadt an. Derselbe wollte ebenfalls nach Westen reisen und nahm das Anerbieten, mit ihm in seinem Wagen und unter der Protektion seines Kronpaffes zu reisen, mit Freuden an. Joest verstand nämlich das Russische nur äußerst wenig. Im Verlaufe der Reise nimmt er öfter Gelegenheit, seinen jüdischen Gefährten höchlichst zu beloben. Er bemerkt ferner: „Die Einkäufe gingen leicht von statten, weil beinahe alle Ladenbesitzer deutschsprechende Juden waren. Es ist im höchsten Grade auffallend, daß hier im Herzen Asiens russische und polnische Juden und deren Abkömmlinge die Vertreter des Deutschthums find, während man diese in unserem lieben Baterlande nicht als Deutsche gelten laffen will. Ich möchte jedem enragirten Antisemiten rathen, einmal die Tour durch Sibirien zu machen, und wenn sein Gemüth nicht ganz verknöchert ist, so wird er, zumal wenn er selbst kein Russisch spricht, mir zugestehen müssen, daß auch ihn die Laute unserer Muttersprache, deren fast jeder Jude hier mächtig ist, auf's Angenehmste berührt haben. Natürlich spricht man kein Hochdeutsch, sondern „Jüdisch", ein ziemlich korrumpirtes Gemisch von Deutsch, Russisch, Polnisch und einigen Brocken Hebräisch, das für den Uneingeweihten anfangs schwer verständlich, durch einige Uebung aber leicht zu erlernen ist. Ich selbst wurde, bevor ich jüdeln konnte, auch stets verstanden, wenn ich ganz langsam Hochdeutsch sprach, und später hat mir Jüdisch oft aus der Verlegenheit geholfen, wenn ich mit meinem Russisch zu Ende war. Die russische Regierung, die gern ein Auge zudrückt, wenn die Juden im europäischen Rußland ausgeraubt, mißhandelt oder todtgeschlagen werden, protegirt dieselben dafür einigermaßen in Sibirien? Während Juden bekanntlich, mit Ausnahme der Kaufleute erster Gilde, in russischen Städten nicht länger wie drei Tage sich aufhalten dürfen, genießen dieselben in Sibirien alle bürgerlichen Rechte mit geringen Beschränkungen, wie sie z. B. nicht mit Branntwein handeln dürfen, nicht Officiere werden können und dergleichen. Es wandern daher viele Juden aus Rußland und Polen nach Ostsibirien aus; während des letzten polnischen Aufstandes' wurden auch manche hierher verschickt, die von der späteren Amnestie keinen Gebrauch machten und im Lande blieben; ihre Zahl ist jährlich im Wachsen begriffen. Es sind ehrliche, fleißige Menschen, Handwerker und Kaufleute, die durch ihre Intelligenz und Mäßigkeit selbst den Chinesen Concurrenz machen und sich allgemeiner Beliebtheit erfreuen; auch die deutschen Kaufleute versicherten mir, sie machten lieber Geschäfte mit den Juden wie mit Russen. Sie sprechen meistens nur schlecht Russisch, ihre Muttersprache ist eben Deutsch-Jüdisch: Hebräisch verstehen nur die Rabbiner. Gastfreiheit ist eine specifische Tugend der Sibiriaken, der Juden sowohl wie der Russen, und beinahe in jedem jüdischen Hause wurde ich gebeten, näher zu treten, „ä Schnäpsche ze mache" oder „än Warmes ze esse". Es sah übrigens recht wenig nett aus in den Interieurs dieser Häuser, die dumpfe Luft war zum Ersticken und die Frauen und Töchter, die gestern noch in Sammt und Seide einherwandelten, liefen heute barfuß mit leichtem Unterrock und ungekämmtein Haar herum, sahen aber dennoch oft recht hübsch aus." — Noch mehr; auch in die Mandschurei sind Juden cingewandert. Der Verfasier sagt: „Während es den Russen beinahe unmöglich ist, nur wenige Werste in die Mandschurei einzudringen, stehen die Juden mit den Mandarinen auf recht gutem Fuße und treiben einen schwungvollen Liehhandel mit den Chinesen und Mandschuren." In Tschita angelangt, stellt unser Reisender einen Vergleich hinsichtlich der in Ostsibirien angesiedelten Chinesen und Juden an. Er sagt: „Während die Chinesen beinahe überall in der Welt, wo sie sich niederlassen, den dort heimischen Handwerkern , Banquiers und Kaufleuten erfolgreich Concurren; machen, können sie in Sibirien gegen die Juden nicht anskommen. Hier in Sibirien, wo beide Rassen tnbuln rasa vorfinden, wo beide sich in freier Coneurrcnz mit einander messen können, hier scheint die mongolische Rasse der semitischen zu unterliegen. Es ist dies für mich das denkbar günstigste Zeugniß, das man der Zähigkeit und Intelligenz 2*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.