Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227503--41394-3309862- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
13 Sicherheit brachten. Donnerstag hatte das Wasser so zugenommen, daß das ganze Ufergebiet einem großen See glich; Männer, Frauen und Kinder standen händeringend auf 'den Dächern der Häuser, nirgends Hilfe und Rettung findend: der Tod in den Meeresfluthen schien unausbleiblich. Gott erhörte ihr Flehen und sandte ihnen Retter in der Person des Staats- und Conserenz-Ministers von Gymnich und des Conserenz-Ministers und Kammer-Präsidenten Grafen von Metternich. Herr von Gymnich erschien Persönlich in der Judenstadt und ließ dem General Baron von Kleist die Ordre ertheilen, zur Rettung der in größter Gefahr schwebenden Juden schleunigst Militär in die Judenstadt zu dirigireu; bis zu Ankunft derselben blieb er selbst an Ort und Stelle, um etwaige Plünderung zu verhüten. Während von Gymnich Wache hielt, schaffte der Graf von Metternich die erlösenden Boote herbei, und das war nicht leicht, denn die ebenso wie die Juden bedrohten christlichen Bewohner der am Ufer gelegenen Straßen hatten alle Boote für fich in Anspruch genommen. Was des Grafen Vorstellungen und Drohungen nicht vermochten, das erreichte er durch Geld, das er aus seiner Tasche unter die Bootsführer und Schiffer großmüthig vertheilte. Dem anrückenden Militär gab General von Kleist, der als Judenfreund allgemein bekannt war, den strengsten Befehl, Niemandem den Zutritt zu den Wohnungen der Juden zu gestatten und die Judenstadt nicht früher zu verlassen, bis die Bewohner derselben und ihre Habe gerettet wären. an; bereitwilligst öffneten sie ihnen ihre Häuser, sie räumten den Obdachlosen ihre schönsten Zimmer ein und beherbergten sie in der liebreichsten Weise. Mehrere Tage reichten sie den schwer Heimgesuchten unentgeltlich Alles, dessen sie bedurften. Erst Freitag, den 28., athmeten die Bewohner Bonn's freier auf und schöpften Hoffnung: das Wasser fiel allmälig. Da verbreitete sich die Schreckenskunde, daß der Eisstoß des Rheins von Mainz bis Bonn noch feststehe. Samstag war die Gefahr vorüber. Bis die Wohnungen vom Schlamm gereinigt und getrocknet waren, vergingen mehrere Tage. Die Juden kehrten in ihre Häuser zurück, sie waren zum größten Theil ihrer Habe beraubt, aber es fehlte ihnen kein theures Haupt. Noch weit trauriger als in Bonn war die Lage in Deutz, das am 28. Februar nach wenigen Stunden in einen weiten, tiefen See verwandelt war. Die Fluthen traten so plötzlich ein, daß die dortigen Juden Hab und Gut im Stiche lassen mußten; sie retteten nichts als ihre dreizehn Thorai rollen, welche sie im Stern unterbrachten, und das nackte Leben. In wilder Hast flüchteten sie in das hochgelegene Kloster, in die Abtei, wo sie bereitwilligst Ausnahme und Lebensunterhalt, Brod und Milch, mehrere Tage erhielten. Die Verheerungen waren fürchterlich, viele Gebäude, auch die Synagoge stürzten ein. Groß war der Jammer und das Elend. Die Hülfe blieb nicht aus. Um die erste Noth zu lindern, schickten tie Durch diese großherzigen Männer, die treuen Diener des j obengenannten Bonner Wohlthäter, der Arzt Moses b. Abravorletzten Kurfürsten Maximilian Friedrich, wie viele Menschen, Ham Naßi und Baruch ben Simon, täglich Brod und sonstige Greise und Kranke, Kinder unv Säuglinge, sind durch sie Nahrungsmittel, Kleider und Wäsche. Die Bürger Köln's, am Leben erhalten worden! I Bei den wenigen außerhalb der Judenstadt wohnenden! und von der Waffersnoth noch verschont gebliebenen Glaubens-! genossen fanden die Geretteten vorläufig Unterkunft; zwei der! reichsten und angesehensten Gemeindemitglieder, Moses ben Abraham Naßi (Fürst) aus Neuwied, der renommirteste Arzt ' i)cr ganzen Gegend, und Baruch ben Simon aus Mergent-1 heim beherbergten und speisten fast die ganze Gemeinde. j 21m 26. Februar gegen Abend hatte für Bonn die Ge! fahr ihren Höhepunkt erreicht. Durch die heranstürmenden! Eismassen waren die unterwühlten Mauern der Stadt an mehreren Stellen cingestürzt, sodaß die bis dahin zurückgehaltenen Gewäyer wie Meeresfluthen Alles überströmten. Da fühlten sich die Unglücklichen in ihrer Angst auch in den Häusern, welche ihnen als Zufluchtsstätte gedient, nicht mehr sicher; sie suchten in wilder Hast die hohen und vom Rhein entfernter gelegenen Straßen zu erreichen und flehten die christlichen Bewohner um Schutz und Aufnahme an. Das gemeinsame Unglück nähert die Menschen und kennt keinen Unterschied des Bekenntnisses. Die zur Verzweiflung Getriebenen klopften bei den Bonner Bürgern nicht vergeblich obgleich selbst schwer heimgesucht, zeigten sich gegen die armen Juden in Deutz von der schönsten Seite. Die Bonner jüdische Gemeinde veranstaltete zu Gunsten der in Deutz und der Umgegend Ueberschwemmten eine Sammlung; Alle gaben, selbst die Unbemittelten wollten nicht Zurückbleiben. In dankbarer Anerkennung der in der Stunde der Gefahr von christlicher Seite ihnen gewordenen Hülfe, übergaben die Deutzer Juden einen Theil der empfangenen Spenden dem Domcapitel zur Vertheilung an die nothleidenden Christen. Aus den von dem damaligen Bonner Oberrabbiner Jsak Kasana Rappaport') cingeleiteten Sammlungen, an denen sich auch fernliegende jüdische Gemeinden betheiligten, wurde in Deutz die Synagoge erbaut. 2lm S. Nachmu des Jahres 1786 weihte die Gemeinde sie feierlich ein. Dr. Kayserling. l) Jsak Rappaport, der von Wallerstein nach Bonn berufen wurde, starb am 12. März 1788. Sein Vorgänger im Amte war Uri Pheibesch, ein Sohn des berühmten Metzer Rabbiners S. Hellmann, der aber schon im ersten Jahre seiner Amtsführung, 1770, iu Metz, wohin er sich begeben hatte, um das Grab feines Vaters zu besuchen, starb.