Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-01-01 · Heft 1 (1.1.1884) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 1 (1.1.1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227501-3227503--41393-3309861
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

12 dam gedruckt tourbe1) ist Aron Simon, Sohn des! Jakob Abraham aus Kopenhagen, in Bonn der Schwieger-> sohn des früher Bonner Oberrabbiners Juda Maler, von! dem noch später die Rede sein wird. Er war im Talmud! und in der rabbinischen Literatur sehr bewandert und durch; sein energisches Auftreten in einer von ihm in einer aus-1 * führlichen Schrift-) dargestellten seltsamen Scheidungsange-! legenyeit auch sonst bekannt. Bei seiner strengen Gläubig-! keit war er auf die modernen Philosophen nicht gut zu reden;! wettert er gegen den ihm wahrscheinlich persönlich bekannten,! in dürftigen Berhältniffen in Prag lebenden Herz Ullmann! aus Mainz, den Verfasser einer hebräisch geschriebenen, 1781! erschienenen Metaphysik, vor dem er seine Leser nachdrück-; lichst warnt?) Die die Wassersnoth in Deutz schildernde j Glegie4) verfaßte sein Neffe Abraham Kosman, der Sohn seines Schwagers Joseph ben Moses Kosman aus Esten? welcher, ebenfalls Schwiegersohn des R. Juda Mäler, mehrere Ritualschriften verfaßt hat und als Rabbiner der Deutzer Gemeinde den 14. October 1759 gestorben ist. Diese beiden wesentlich übereinstimmenden literarischen Producte bilden die Quelle für unsere nachfolgende Schilderung. Mit dem Beginn des Jahres 1784 trat ein plötzlicher Witterungswechsel ein: der Schnee fiel ununterbrochen mehrere Tage; ungeheure Schneemaffen bedeckten alsbald die ganze Gegend, sodaß die Posten ausblieben und der Verkehr gänzlich in Stocken gerieth. Dem Schneefalle folgte ein so starker Frost, daß der Rhein schon nach wenigen Tagen mit einer Eisdecke überzogen war. Bolle sechsundvierzig Tage hielt die Kälte ununterbrochen an, das Eis wuchs zu einer Dicke von siebzehn Fuß. Der gewaltige Strom wurde in diesem Winter von den Bewohnern der sich gegenüberliegenden Ufer als Verbindungsstraße benutzt; auf dem Eise des Rheins bewegte sich Alt und Jung, auf dem Eise wurden Märkte abgehalten, verkehrten schwere Lastwagen. Aus fernen Gegenden strömten die Menschen herbei, um dieses Naturwunder zu schauen. 1) . .. '(pvi nt; •’jx vrrtyj/*?]x rmD1 nnnj -di .',0': n"- 4; srr prucsp 'po crrcs* rpr “"2 ■pyer (Amsterdm 1784, 22 Bl.) Aron Simon unterzeichnet er sich in der Borrede zu seinem -vin'd. 2) -,55r»n ~in4d (Amsterdam 1669). s) Daß er mit den Worten: r<^ p-rr sr\N Nä'i und das b& mnD :b ■prims N2m (m-.n: p2 S. 19) auf Herz Ullmann hindeutet, ist Rosenthal's Bemerkung. S. Catalog der Hebraica und Judaica aus der L. Rosenthal'schen Bibliothek, Anhang S. 49, Nr. 281. Ueber H. Ullmann. s. mein: Moses Mendelssohn. Ungedrucktes und Unbekanntes von ihm und über ihn (Leipzig 1883) S. 36 ff. 4) Tie Elegie druckte Or. Ad. Jellinek in seinem pipE“ Q“03'p oder Märtyrer- und Memorbuch (Wien 1881) mit ab. Es ist zu bedauern, daß verdienstvolle Herausgeber sich bei dieser Publicalion auf den bloßen Abdruck beschränken oder vielmehr beschränken mußten. Es galt für ein denkwürdiges Ereigniß, daß im Februar des Jahres 1784 die Juden eine Leiche über den Rhein trugen; sie gaben einem Kinde in großer Anzahl das Geleit nach dem Bonn gegenüberliegenden Rheindorf. In Schwarz- Rheindorf, zur Unterscheidung von Grau-Rheindorf so genannt, befand sich der Friedhof der jüdischen Gemeinde Bonn. Dort ruhten unter Anderen die Rabbiner: Juda ben Benjamin oder R. Löb Aschkenasi, der über dreißig Jahre Rabbiner des Kölner Kreises war und 1688 in Bonn, dem Rabbinatssitze starb; Juda Mäler?) der den „hohen Rabbi Löw" seinen Ahn nannte; er, ein Enkel des gleichnamigen Binger Rabbiners, war früher Rabbiner in Kleve und über 48 Jahre Rabbiner des Kölner Kreises, bis er im Alter von 90 Jahren den 3. April (12. Nissar) 1751 iu Bonn das Zeitliche segnete; seine fromme Gattin Fromet, eine Tochter des Ephraim Gumprich aus Coblenz, des „Landparneß" und Vertreter der Juden des ganzen Ober- und Niederrheins, eine wegen ihrer seltenen Wohlthätigkeit allgemein verehrte Frau, war ihm 14 Jahre früher, den 17. November 1736, in die Ewigkeit vorangegangen. — Dort ruhten der reiche und wohlthätige „große Vertreter und Judenfürsprech" Moses ben Jsak Abraham aus Neuwied, der bei den Kurfürsten und ihren Räthen in großem Ansehen stand, mit seiner edlen Gattin, von der gerühmt wird, daß sie die Diener und Dienerinnen ihres Hauses ausgestattet und verheirathet habe.-) Es war das das letzte Mal, daß die Bonner Juden diese Stätte, welche die irdischen Reste so vieler berühmter Männer, so vieler geliebter Menschen barg, betraten, wenige Tage später waren die Gräber von den Wafferfluthen aufgewühlt und die Leichen sammt den Grabsteinen hinweggespült. Nach langem strengen Froste zeigten sich Mittwoch den 25. Februar gegen Abend die ersten Anzeichen der drohenden Ueberschwemmungsgefahr. Mit rasender Gewalt strömten von allen Seiten ungeheure Waffermaffen heran, vor allen führte die Mosel ihre hochgehenden Wogen zu. Nicht allmälig, sondern plötzlich stieg der Rhein bei Bonn zu einer seit Menschengedenken nicht dagewesenen Höhe. Mit Entsetzen schauten alle, welche am Ufer des Rheins wohnten, und das waren größtentheils die Juden, die tobende Gewalt und fühlten verzweifelnd ihre Ohnmacht. Anfangs flüchteten sie in die oberen Stockwerke, aber bald war auch dort ihres Bleibens nicht. Als die Lage immer bedrohlicher wurde, stürzten die unerschrockenen Männer und Jünglinge der Gemeinde in die Synagoge, um vor Allem die Heiligthümer zu retten: Die Thorarollen, welche sie mit Lebensgefahr in 1) R. Juda Maeler — wie sein Schwiegersohn Simon Kopenhagen punctirt — schrieb Anfänge zu zwei Schriften seines Schwiegersohnes Joseph b. Moses Kosman; ungedruckt sind nach dem Deutzer Memorbuche (S. 48) von ihm Rechtsgutachten und religiöse Borträge; sie wurden wahrscheinlich ein Opser der Ueberschwemmung. 2) Märtyrer- und Memorbuch S. 23, 38, 47, 51, 52.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.