Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-01-01 · Heft 1 (1.1.1884) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 1 (1.1.1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227501-3227503--41391-3309859
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

10 gesammtes Hab und Gut vernichtet ist, betrug 8—10,000. Das Feuer brach vorigen Mittwoch um 9 Uhr Morgens in einer am Fuße des Hügels gelegenen Hütte durch die Unvorsichtigkeit eines alten Weibes aus, das in einer Unterstube ein Becken mit glühenden Kohlen stehen gelassen. In einem Augenblicke hatten die aus diesem Hause hervorbrechenden Flammen die Nachbarswohnungen erfaßt; ein heftiger Südwind begünstigte noch den Brand, der sich nun rasch über den ganzen Hügel verbreitete, oberhalb dessen sich das Plateau von Okmeidan hinzieht. An den alten Holzhütten fand der Brand nur allzu reiche Nahrung. Als Hilfeleistende trafen zuerst die Seeleute aus dem Arsenal, die städtischen Spritzen und das Pompiers - Regiment Szechenyi Paschas auf dem Platze ein. Nach und nach erschienen auch der Kriegs -, der Marine - und der Polizeiminister, der Präfekt von Stambul, zahlreiche Generale und vom Sultan entsendete Palast-Adjutanten. Die Mannschaft Szechenyi's verrichtete unter der geschickten und umsichtigen Leitung ihres Kommandanten wahre Wunder von Bravour. Allein dem Wüthen des entfesselten Elementes gegenüber erwiesen sich alle Anstrengungen als vergeblich. Erst spät am Nachmittage, nachdem es gelungen war, einige Häuser fast inmitten des Feuermeeres niederzureißen, konnte man den Brand einigermaßen beherrschen. Die Angst, das Elend, die Verzweiflung der Bewohner von Haskiöi zu beschreiben, wäre unmöglich. Es war ein allgemeines Flüchten und Durcheinanderrennen von Frauen, Kindern und Greisen inmitten einer Unordnung und Verwirrung, von der man sich kaum eine Vorstellung machen kann. Der Sultan schickte Befehl auf Befehl, die Unglücklichen zu sammeln und für ihre ersten Bedürfniffe zu sorgen; sie hatten aber zumeist schon das Plateau von Okmeidan erreicht und sich von da nach den benachbarten Hügeln zerstreut, wo sie die Nacht ohne Schutz in Regen und Kälte zubrachten. Mehrere Kinder find noch vor Tagesanbruch gestorben und sieben schwangere Frauen entbanden 'während dieser Nacht im freien durchnäßten Felde. Sobald die Agenten der Behörde nur dieser Unglücklichen habhaft werden konnten, geleiteten sie dieselben nach den zur Admiralität gehörenden Kasernen, wo ihnen auf Befehl des Sultans sofort Lebensmittel und Kleider verabreicht wurden. Seitdem werden sie auf Kosten der Civilliste regelmäßig mit Brod, Fleisch, Reis und Geld betheilt. Am Donnerstag ließ der Sultan den Stellvertreter des Großrabbiners zu sich berufen und überreichte ihm 1000 türkische Pfund zur Anschaffung von Decken. Außerdem drückte er den Wunsch aus, daß unter seiner Patronanz eine Geldsammlung eingeleitet werden möge. Das aus den Gattinnen der Botschafter bestehende Comitv hat beschlossen, den Unglücklichen das Erträgniß eines von ihnen für die Ueberlebenden von Tschesme veranstalteten Weihnachtsbaumes zu widmen, mit welchem eine 1000 Loose enthaltende Lotterie verbunden ist. Die Ziehung wird am 20. d. auf der russischen Botschaft stattfinden; es sind indes auf die Billette bereits viele Vorausbezahlungen geleistet worden, deren Betrag den Abgebrannten ehevorgestern durch Lady Dufferin zugemittelt wurde. Konstantinopel, 23. Dez. In der israelitischen Schule des Stadttheiles Gal ata brach ein Feuer aus, bei welchem eine Anzahl Kinder ums Leben kam. Bis jetzt sind 10 Leichen aufgefunden. Das Feuer hatte die Treppe ergriffen. Bonn, 23. Decbr. (Notizen.) Den 14. December wurde in Bordeaux der ehrwürdige Greis Salomon Felix Lopes-Dubec, der ein Alter von 88 Jahren erreicht hatte, auf dem israelitischen Friedhofe zur Ruhe bestattet. Er hatte sich durch sein langes Leben den Werken der Humanität gewidmet, war an der Verwaltung fast sämmtlicher städtischer und israelitischer Wohlthätigkeitsanstalten betheiligt, namentlich der Krankenhäuser, der Taubstummenanstalt u. s. w., Präsident des israelittschen Konsistoriums u. s. w. Sein Begräbniß war ein großartiges; die Zipfel des Leichentuches trugen der Maire von Bordeaux, der General Bcrdas u. s. w. Am Grabe sprach der Großrabbiner Levy nnd hatte die Tugenden und Verdienste des Verstorbenen zum Gegenstände seiner beredten Schilderung. — In Paris verschied in dieser Woche ein bekanntes Original im 91. Jahre seines Lebens, Cerf Levy David, den man gewöhnlich Vater David nannte. In der Jugend wackerer Soldat, geschmückt mit der St. Helena- Medaille, war er 40 Jahre hindurch der Chef der Claque der Oper, und als solcher viel gesucht und viel bekannt. — Aus Wien wird geschrieben: Die Stelle als Rabbiner in Hohenems (Vorarlberg) hat vr. Frankl-Grün, gegenwärtig Rabbiner in Znaim (Mähren), angenommen. — Nach dem „Globo" leben jetzt in Spanien 402 Juden. — Auch in spanischer Sprache erscheint ein antisemitisches Blatt und zwar in Los Angelas in Californien. Nachtrag. Berlin, 23. Dec. (Privatmitth.) In der am 23. ds. stattgefundenen öffentlichen Sitzung der Repräsentanten hiesiger Gemeinde lag ein Antrag des Gemeinde-Vorstandes vor: „Christliche Männer, die in Civilehc mit jüdischen Frauen verheirathet sind, nicht auf dem jüdischen Friedhofe zu beerdigen." Dieser Antrag war vorher schon in einer gemischten Commission (2 Vorstandsmitglieder und 4 Repräsentanten) mit 5 gegen 1 Stimme angenommen; auch die aus 6 Repräsentanten bestehende Gottesdienst-Commission hatte mit 4 gegen 2 Stimmen diesem Antrag zugestimmt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.