Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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9 von Zeugen, die Unzulänglichkeit der Belastungszeugen, das rechtswidrige Verfahren in der Dadaer Leichenangelegenheit u. s. w. Zum Schlüsse bestätigte der höchste Gerichtshof das freisprechende Urtheil. Sind hiermit die angeklagten Juden in ihrer Unschuld rehabilitirt, so wäre nur zu wünschen, daß das Loos derselben ein besseres würde. Sie werden wohin sie kommen, geradezu verfolgt; Niemand nimmt sich ihrer in ihrer Bedürftigkeit an. Das Beste wäre, wenn man ihnen hälfe, nach Amerika oder Holland auszuwandern. Prag, 13. Dec. (Privatmitt.) Afike Jehuda ist der Name des Vereins, der sich durch Heranziehen hervorragender Gelehrten durch das lebendige Wort eines Vortrags die Verbreitung jüdischer Wissenschaften zur Aufgabe gemacht hat. Vergangenen Samstag Abends hielt der Rabbiner uud Prediger vr. Tauber einen solchen Vortrag im großen Saale des deutschen Hauses vor einem an taufend Köpfen zählenden Publikum, unter welchem außer einer Anzahl jüdischer Fachmänner auch viele Gelehrte anderer Confefsionen vertreten waren. Das etwas mysteriös klingende Thema lautete: „Die Verheißung Israels und ihre historische Entwickelung". Der Vortragende hatte die Verheißung Noa's Oenes. Cap. 9, V. 26 u. 27 im Auge. — Nachdem Redner die Bedeutung der Namen Sem, Cham und Jafet lexicalifch erläutert, zeigte er in einem anderthalbstündigen, freien Bortrage, der sowohl der Form als auch dem Inhalte nach meisterhaft genannt zu werden verdient, wie sich im Verlaufe der Weltgeschichte jene Verheißung buchstäblich erfüllt hat. Redner führte seine Zuhörer in jene altersgraue Zeit zurück, wo Cham und Kenaan, die symbolischen Träger des Sensualismus und der sinnlichen Leidenschaft, Sem dem Prototyp des Ansehens und würdevollen Ernstes, ebenso Jafet, dem Repräsentanten des Schönen und der Formvollendung (Griechenland), unterlegen; wie sich dann Jafet allmählig „ausbreitete" und alle anderen Völker in den Hintergrund drängte; — wie endlich auch Jafet von Sem in Folge der Bibelübersetzung ins Griechische und später durch die von den Juden ausgehende Verbreitung des Christenthums — besiegt, sich in die Zelte Sems flüchtete. — Dies alles wies der Vortragende durch klare beweiskräftige Argumente griechischer und römischer Schriftsteller nach. Hervorzuheben ist die Vorlesung des bekannten Schriftstückes aus dem zweiten Jahrhundert n. Chr.; in welchem der Kirchenvater Tertullian die gegen die Christen erhobene Blutbefchuldigung dadurch zurückweist, indem er hervorhebt, daß ihnen (den Christen) ja nicht einmal Thierblut zu genießen erlaubt sei, woraus Redner den richtigen Schluß abstrahirte, daß das eigentliche ursprüngliche Christenthum (im Wesentlichen) noch nach jüdischem Ritus lebte. — Daran anknüpfend führte Redner einen wuchtigen Hieb gegen den Antisemitismus. Erst müßte man das Urbuch aller Bücher, die Bibel aus der Welt schaffen, die Welt- und Culturgeschichte um Jahrtausende zurückschrauben. So lange dies eine Unmöglichkeit bleibt, muß Jafet, wenn anders er Bestand haben vill, dem Sem die brüderliche Hand reichen. Rußland. Turek, 15. Dez. (Privatmitth.) In hiesiger Stadt fand ein Tumult gegen die Juden statt. Am 1. d. M. war im hiesigen Kreisamt die Gestellungsfrist für die Militärpflichtigen. Als die Bauernjungen zu diesem Behufe in der Stadt erschienen, wurden sie von Agitatoren aufgehetzt, Juden auf offener Straße durchzuprügeln, wobei drei unserer Glaubensgenossen schwer verwundet wurden, jüdische Läden zu plündern rc. Schon schlossen die Juden sich ängstlich in ihre Häuser ein, als der Bürgermeister, Herr Sowinski, und der Polizeidirektor, Herr Par sch in, mit der gesammten Polizeimacht auftraten und viele der Tumultuanten verhafteten. Der Kreispräsident, Herr Kobrow, erließ die gemessensten Befehle zur gewaltsamen Aufrechterhaltung der Ordnung und drohte den Unruhestiftern die strengsten gesetzlichen Strafen an. Wirklich hielt die Polizei gute Wacht; die Rekruten wurden unter Aufsicht in den Schenken einquartiert. Dank dem thatkräftigen, humanen und einsichtigen Auftreten der genannten Herren und der gesammten Behörden ist die Ruhe völlig wieder hergestellt und jede Gefahr verschwunden. — Der Hauptgewinn der 141. Warschauer Klassenlotterie mit 75,000 Rubel ist gestern gezogen und siel auf Glaubensgenoffen in Kalisch. Die glücklichen Inhaber dieses Hauptgewinns sind fast alle arme Leute, die am Tage vorher kaum wußten, wie sie ihren Unterhalt finden sollten und die nun in eine sorgenlose Lage versetzt worden sind. Türkei. Konstantinopel, 10. Dez. Die ,.N. Fr. Pr." berichtet: Die Feuersbrunst, welche die unglückliche Vorstadt Haskiöi vor einigen Tagen verzehrte, war eine der furchtbarsten feit Menschengedenken. Eine ganze Bevölkerung, und zwar gerade die ärmste, wurde von ihr betroffen. Das Unglück traf fast ausnahmslos nur Israeliten, die von heute auf morgen leben und ihr Brod buchstäblich im Schweiße ihres Angesichts erwerben. In Haskiöi lebten Tausende Familien von kleinen Handwerksleuten, Straßenverkäufern, Handlangern und Bildertrödlern aus dem Bazar von Stambul dicht zusammengedrängt. Diese am Ende des Goldenen Horns gelegene und staffelförmig auf einem Hügel aufgebaute Vorstadt biloete gewiffermaßen eine israelitische Kolonie, in der sich nur spärlich muselmanische und christliche Einwohner vorsanden. Haskiöi war nicht schön. Es war ein Gewimmel von übereinander aufgeschichteten alten Häusern, von steilen, engen und schmutzigen Gaffen. Die Zahl der Einwohner, deren