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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-01-01 · Heft 1 (1.1.1884) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 1 (1.1.1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 Laubhüttenfeste dem versammelten Volke die Thora vorgelesen werden sollte. Nachdem aber während des zweiten Tempels seit den Zeiten Esra's und Nehemia's das jüdische Volk sich immer enger an das Gesetz anschloß und dasselbe als seine unbedingte Lebensnorm anerkannte, und deshalb eine eifrige Erörterung des Gesetzes und dessen Ausgestaltung für die mannichfach sich verändernden Lebensverhältnisie zum ausschließlichen Gegenstände des geistigen Lebens wurde, konnte eine solche alle sieben Jahre stattfindende Vorlesung nicht genügen. Hatte sich deshalb bald eine gewisse Gelehrtenkaste gebildet, die sich allerdings frei aus dem Volke rekrutirte und fand diese ihre Spitze in der „großen Versammlung" (r^vi;-; no.-zn), so bot dies gerade das Mittel, um die Gesetzeskunde auch im Volke zu verbreiten. Es bildete sich daher der Gebrauch aus — inan schreibt diese Einrichtung Esra selbst zu — die Thora dauernd in ihren einzelnen Abschnitten dem Volke Sabbath nach Sabbath vorzulesen, später, als die hebräische Sprache im Volke durch die aramäische verdrängt worden, die aramäische Uebersetzung (Targum) sowie eine Erläuterung des vorgelesenen Abschnittes hinzuzufügen. Diese Vorlesung soll in Palästina in einem 3jährigen, nach Anderen in einem 3'/)>jährigen Cyklus geschehen sein. Hierzu bedurfte man eines größeren Lokales, das den Namen „Versammlungshaus" (re:z“ r^z)1) erhielt. Eine solche Einrichtung konnte aller Orten getroffen und in den größeren Städten nach Bedarf in mehreren Lokalen zu gleicher Zeit hergestellt werden. Natürlich war es, daß man diese Vorlesung und Belehrung nicht ohne Weiteres anfing und schloß, sondern daß mit ihr Gebete verbunden wurden, welche vorgetragen und von der Versammlung mitgebetet wurden. Zu diesem Zwecke wurden bestimmte Gebetformeln in einfacher prosaischer Sprache abgefaßt, welche die nationalen Gedanken religiöser und sittlicher Art, zugleich aber auch die allgemeinen Wünsche des Menschenherzens zum Ausdruck brachten, und die sich mit der Zeit durch Einschaltungen und Zusätze, durch Heranziehen von Psalmen 'und Schriststellen immer mehr ausdehnten und vervielfältigten. So wurden auch, wie man annimmt, in der makkabäischen Zeit, Vorlesungen aus den prophetischen Büchern, den „früheren und späteren", der Vorlesung aus der Thorah hinzugefügt, Haphtoroth genannt. Die Synagogen verbreiteten sich schnell über das ganze Land, und wohin die Juden auswanderten, schon während des zweiten Tempels, wurde eine solche Synagoge, in welcher gelehrt und gebetet ward, errichtet. Es wird uns überliefert, daß vor der Zerstörung Jerusalems durch die Römer in Jerusalem selbst 480 Synagogen vorhanden waren, in denen Bibel und Tradition gelehrt und 1) Eine Zeit lang wollte die Benennung ny rrz aufkommen, wurde aber zurückgewiesen, um keinen Unterschied zwischen Gelehrten und Laien in gottesdienstlicher Beziehung eintreten zu lassen. erörtert wurden (.7er. Meg. III 73 d.). Mag man nun diese Zahl für hoch gegriffen ansehen, jedenfalls erweist diese Tradition den Bestand vieler Synagogen in Jerusalem neben dem Tempel. Scheint es doch auch, als ob ausländische Juden in Jerusalem Synagogen für ihre Landsleute, die Jerusalem besuchten, herstellten und unterhielten. So wird uns berichtet, daß daselbst eine Synagoge der Alexandriner bestand, die sie, als sie sie nicht mehr benutzten, verkauften (Tosef. Meg. 2, 10.). Ebenso bestanden Synagogen der Kyrenaiker, Cilicier u. a. Die Errichtung von Synagogen zur Zeit, als der Tempel noch bestand, fand nicht allein in den größeren Städten, sondern auch in den Dörfern statt (Meg. 25, 2. und it-dz hv Schon Jesus spricht nach Matth. 6, 5. von dem Gehen in die „Synagogen", um zu beten. Als die Apostel Bekehrungsreisen — also vor der Zerstörung Jerusalems — unternahmen, fanden sie überall Synagogen, in die sie gingen und ihre Lehre predigten, dadurch Zwist und Streit weckten und gewöhnlich von den Juden ausgetrieben wurden. So berichtet die „Apostelgeschichte" aus Salamis (13, 5.), Antiochien in Pisidien (V. 14.): Paulus und seine Gefährten „gingen in die Synagoge am Sabbathtage und setzten sich. Nach Vorlesung des Gesetzes und der Propheten sandten die Synagogen-Vorsteher zu ihnen und sagten: Ihr Brüder, ist in Euch ein Wort der Ermahnung an das Volk, so sprechet!" Es giebt dies eir recht deutliches Bild von den Vorgängen in den Synagogen. Gleiches wird aus den Synagogen in Jkonien (14, 1.), Thessalonich (17, 1.), Beroe (V. 10.), Athen (V. 17.). Corinth (18, 4.) berichtet. Besonders glänzte die jüdische Colonie in Alexandrien durch ihre zahlreichen und großen Synagogen, die daselbst Proseuchen (Bethäuscr) genannt wurden. Philo sagt von ihnen (Vit. Mos. k. 138): „Auch jetzt noch treiben die Juden am siebenten Tage die von den Vorfahren ererbte Philosophie und widmen diese Zeit der Erforschung und Betrachtung der Natur der Dinge. Denn die jüdischen Bethäuser in den einzelnen Städten sind ja nichts anderes als Lehranstalten der Klugheit, Tapferkeit. Mäßigkeit und Gerechtigkeit, der Frömmigkeit und Heiligkeit, kurz jeder Tugend, welche Menschliches und Göttliches erkennt und ordnet." Die Hauptsynagoge in Alexandrien zeichnete sich durch Größe, Architektur und glänzende Ausschmückung aus. Wie groß sie war, geht daraus hervor, daß ein dazu bestimmter Beamter eine Fahne schwang, so oft die Gemeinde auf einen Segensspruch mit Amen einzufallen hatte. — Diese Andeutungen, die wir noch vielfach vermehren könnten, beweisen, wie alt die Institution der Synagoge, wie verbreitet und festgestaltet sie lange vor der Eroberung Jerusalems war, und zwar mit dem zweifachen Zwecke der Belehrung über das Gesetz und des gebetlichen Gottesdienstes. Sie hatte sich, was wir erweisen wollten, vom Opfercultus und der damit 1*

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