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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-01-01 · Heft 1 (1.1.1884) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 1 (1.1.1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 in der ^dee zur allgemeinen Anerkennung gekommen, dann gilt es zunächst die Verwirklichung desselben, und diese ist es, welche die größten Schwierigkeiten, die schwersten Kämpfe Hervorrufi. Denn in der Verwirklichung stößt es auf die bis dahin herrschenden Mächte und hat die ganze Wucht des Bestehenden, des Herkömmlichen und aller der persönlichen und Standesinteressen zu überwinden, die mit jenen verbunden sind. Unsre Zeit hat in Folge und vermittelst der großen wisienschastlichen, technischen, politischen und socialen Fortschritte und Erfindungen schwierige Aufgaben zu lösen, da sie nach allen Richtungen hin mit der Erbschaft des Mittelalters belastet worden. Sie hat die alten Städte mit ihren krummen und schmalen Straßen zu erbreitern, und in die weite Flur hinauszuführcn, sie mit Wasserleitung, Gasbeleuchtung und gutem Pflaster zu versehen, neue Krankeni und Waisenhäuser, Asyle aller Art und Wohlthätigkeits- Institute aufzuführen, Bildungsanstalten für das Volk nach allen Bedürfnissen zu errichten oder zu verbeffern und für Wissenschaft und Kunst allen Anforderungen genügende Institute herzustellen; sie hat die ganze Erde mit Communikationswegen, mit Eisenbahnen, Telegraphen und Dampferlinien zu überziehen. Alles dies sucht sie, selbst wo sie nur materiellen Interessen dient, im Dienste der praktischen Humanität zu vollbringen. Sie hatte das zerrissene Italien und das vielgespaltene Deutschland zu neuen Reichen zu vereinigen und dadurch das europäische Gleichgewicht wieder herzustellen. Sie hat den an die Stelle des Absolutismus getretenen Constitutionalismus zu regeln und zu befestigen. Sie hat statt der veralteten Corporation eine zahllose Menge von Associationen zu den mannichfaltigsten materiellen und geistigen Zwecken zu schaffen und überall die neuen Bahnen zu ebnen, zu corrigiren und entsprechend zu gestalten. Sie hat die letzten Spuren der Sklaverei und Leibeigenschaft zu beseitigen und das schwere Werk der Verbesserung der Lage der sog. arbeitenden Klassen zu beginnen. Niemand kann verkennen, daß in allen diesen Unternehmungen und Werken die Humanität auch da interessirt ist, wo sie nur im Hintergründe zu stehen und außerhalb der Absichten und Motive sich zu befinden scheint. Aber alle diese Aufgaben, welche von der einen Seite statt der veralteten und die Menschen bedrückenden Conglomerate den Individualismus setzen, von der anderen diesen in die vielfachsten und großartigsten Gemeinsamkeiten aufgehen machen, konnten und können nicht gelöst werden, ohne die Interessen tiefgewurzelter historischer Institutionen zu verletzen und hierdurch ihren Widerstand hervorzurufen. Es handelte sich nicht mehr bloß um Ideen der Humanität, sondern um Macht- und Jnteressenfragen. Die Geister erhitzten sich; die Leidenschaften, selbst die niedrigsten und gemeinsten entzündeten sich; die Parteien bildeten nicht verloren gaben, traten auf den Kampfplatz und suchten zu retten, was noch zu ketten war, und ihre Herrschaft auf den neuen Schauplätzen zu verjüngen und in neuer Gestalt aufrecht zu erhalten. Mitten in diesem Kampfe stehen wir und dürfen uns deshalb nicht wundern über die dunkeln Geister, die wir wieder erscheinen und sich breitmachen sehen, nachdem man sie längst geschwunden glaubte. Wer der Geschichte kundig ist, weiß, daß dieser Vorgang immer wieder eintritt, wo es eine Umgestaltung lang bestandener Verhältnisse gilt. Unter allen üblen Erfahrungen mögen wir aber nicht vergessen, daß dieser Kampf doch nur im Dienste der Humanität bestanden wird, daß diese und nur diese den Kern des ganzen Processes ausmacht und über alle, auch die schwierigsten Hindernisse hinweggelangen wird. Blicken wir deshalb nicht neidisch auf vergangene Zeiten, welche die Humanität auf dem Gebiete der Ideen ans Licht brachte, während die Wirklichkeit in ihrer gesammten Gestalt ihr noch in weiter Ferne lag, und verlieren wir darüber nicht den Muth und die Kraft, in diesem Streite zu ertragen, was uns auferlegt wird, und zu erkämpfen, was unser Ziel ist: die Verwirklichung der Humanität ans allen Gebieten des menschlichen Lebens! Die Schöpfung -es Gebetcultus. IV. Wir haben bis jetzt nachgewiesen: I) wie sich das individuelle Gebet entwickelt hat; 2) wie es sich durch den poetischen Schwung und die religiöse Begeisterung zum religiösen Liede mit Gesang und Instrumentalbegleitung gestaltete, und 3) wie sich das letztere mit dem Opfercultus vereinigte und zu einem wesentlichen Bestandtheile desselben ward. Es bleibt uns daher nur noch übrig zu zeigen, wie dieser Gebetcultus sich von dem Opfercultus löste und in eigenthümlicher Gestalt selbstständig wurde. Das Charakteristische ist nämlich hierbei, und dies ist für unseren Zweck sehr bedeutsam, daß dieser selbstständige Gebetcultus nicht etwa nach dem Falle des Tempels und dem damit eingetretenen Ende des Opfercultus entstand, also nicht aus der nunmehr stattfindendcn Nothwendigkeit, den Opfercultus durch einen anderen gottesdienstlichen Akt zu ersetzen, sondern vielinehr lange Zeit vor dieser Katastrophe aus einem für sich j wirkenden Bedürfniß heraus. Dieses Bedürfniß bestand für die Masse des jüdischen Volkes in zwei Momenten: in dem Verlangen nach Belehrung im Gesetz und dem, seine Gottesverehrung im Gebet zum Ausdruck zu bringen. Für dieses zweifältige Bedürfniß genügte der eine Tempel mit dem daselbst abgehalteuen Cultus für das über das ganze Land verbreitete. Volk nicht. Das mosaische Gesetz und gruppirten sich; die alten Mächte, die sich noch lange verordnete (5. Mos. 31, 10.), daß alle sieben Jahre am

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