Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Mttgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein »n-arlciisches Organ für alles jüdische Jntcrefle. Diese Leitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mar!. Abonnei ment in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 92) und Oesterreich bei allen Post- I ämtern, außerdem durch den Buch- | Handel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Kzepsörtiorr: Leipzig, Woßpterh 18 In redaktionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. L. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Lerlaashandlui'g. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichsalls an letztere einzusenden. 48. Jahrgang. Leipzig, den 1. Januar 1884. jß. i. Inhalt. Leitende Artikel: Die Humanität. — Die Schöpfung des Gebetcultus. IV. — Das ungarische Oberhaus und das Ehegesetz Wischen Juden und Christen. II. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Münster, Nürnberg. — Oesterreich-Ungarn: Pest, Prag. — Rußland: Turek. — Türkei: Konstantinopel. — Bonn: Notizen. — Nachtrag: Berlin. — Feuilleton: Die Ueberschwemmung Bonn's und Deutz's vor hundert Jahren. — Die Wiener Universität und die Juden. ZciictxDc d-s-tiUc-f. Bonn, 26. December. Die Humanität. Wir freuen uns, den neuen Jahrgang unserer Zeitung mit einem Beitrage in unsrem Feuilleton zu eröffnen, der einen faktischen Beleg dafür giebt, daß die Humanität, die in der letzten Halste des vorigen Jahrhunderts die Geister erfüllte, nicht bloß in Phrasen und literarischer Ausmalung bestand, sondern thatsächlich die Handlungen der Menschen und zwar in allen Volksschichten leitete. Wir sehen dort in einer schweren Katastrophe Christen und Juden sich gegenseitig in nachdrücklichster Weise die hilsteiche Hand bieten und dies so selbstverständlich und unmittelbar, daß man die Ideen und Gefühle, welche die damaligen Menschen erfüllten, bethätigt sieht. Es war die Periode der Voltaire, Rouffeau, Friedrich des Großen, es war die Epoche der Lessing, Mendelssohn und Herder; damals wehte ein humaner Geist auch durch die katholische Kirche, deren Oberhaupt sich gedrungen fühlte, den Haß schürenden Jesuitenorden aufzuheben (Papst Clemens XIV, 1773), und in der protestantischen Welt machte sich der Rationalismus allgemein geltend und widerstand selbst dem Wöllner'schen Regiment. Wie sehr sticht hiervon unsre Gegenwart ab, in welcher Staat und Kirche, Katholicismus und Protestantismus. Humanität und Antisemitismus, Gleichberechtigung und Rasten- und Klastenhaß in so schroffen Gegensätzen sich bekämpfen, welche die Ge-!müther vergiften. Ja, in den Vorgängen, welche der in j unsrem Feuilleton mitgetheilte Bericht über die Rheinüberschwemmung im Jahre 1784 schildert, spiegelt sich die Zeit i ab, in der ein Gregoire, Mirabeau und Dohm die Besteiung j ber Juden aus den Festeln der Ausnahmegesetze predigten l und in zahllosen Geistern Wiederhall fanden, während jetzt * der Antisemitismus diese Ketten von Neuem zu schmieden strebt; damals schafften Männer aus den höchsten Ständen persönlich die Hilfe herbei, um die in Todesgefahr schwebenden Juden zu retten, während jetzt hochstehende Männer die antisemitischen Banden, welche die wehrlosen Juden plündernd und mordend angreifen, anstiften und begünstigen. Und doch sind diese Excesse noch nicht das Schlimmste, das der die Humanität in ihren Grundvesten bekämpfende "Antisemitismus hervorbringt; schlimmer ist es, wie er in der Mehrheit sonst unbefangener Menschen die Antipathien, Borurtheile und Jrrthümer weckt und nährt und dadurch alle gesellschaftlichen und geselligen Berhältniste auf lange Zeit hin verbittert. Dennoch ziehen wir diese Parallele nicht, um den Werth i unsrer Zeit, um den inneren Gehalt unsrer Gegenwart herabzusetzen; vielmehr nur um daran zu erinnern, woran sie! krankt und wohin sie zu ihrer Heilung zu streben habe. Die gedachten Erscheinungen sind eben Symptome eines periodischen Rückgangs. Die Geschichte des Menschengeschlechts ist auch die Geschichte langsam schreitender Entwickelung zur Humanität. Die Menschheit macht eben diese Entwickelung nicht in gerader Linie durch, sondern im Zickzack, das nicht > selten zu entgegenstehenden Extremen führt. Wenn ein Princip 1