Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1883)
- Date
- 1883-12-25
- Page
- Seite 849 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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849 Aufgabe der Kommission wesentlich erleichtert und mit ge-! bührender Vollständigkeit nur dann, zu einem gedeihlichen j Ende geführt werden kann, wenn sie zuerst die folgenden Fragen löst: sollen die Juden -als Glieder der russischen Staatsfamilie angesehen werden und sollen, ihnen, wenn! diese Frage bejaht wird, die allgemeinenstaatsbürgerlichen Rechte verliehen werden? Allerdings hängt von der be-, stimmten und klaren Antwort auf diese Fragen die Entscheidung über alle anderen Punkte ab, die ihre Entstehung nur der aufgezwungenen Absonderung der jüdischen Bevölkerung inmitten der russischen verdanken. In Folgedessen, giebt es für die Juden eine große Menge höchst drückender Sondergesetze, die, wie namentlich das Rekrutirungsg.esetz, den Stempel der Barbarei an sich tragen. . Tenn? wLstn Juden sich der Rekrutirung durch die Flucht entzogen'/' s» wurde die Anzahl der Wehrpflichtigen - ohne-: .die. geringste Rücksicht auf Brauchbarkeit und mit größter Willkür aus der übrigen jüdischen männlichen Bevölkerung ergänzt. Leider läßt die Zusammensetzung des Programms der Kommission daran zweifeln, daß der auf derjüdischen Bevölkerung lastende Druck erheblich verringert werden wird» Tuckum, 29. Nov. (Privatmitth.) Wenn von unseren Gegnern nicht selten der Vorwurf erhoben wird» daß unter der jüdischen Jugend die Neigung vorherrsche, sich, der allgemeinen Wehrpflicht möglichst zu entziehen, so haben wir den Hinweis entgegenzustellen, wie auch den jüdischen Soldaten durch immer neue Maßregeln eine höchst niederdrückende Ausnahmestellung gegeben wird, wodurch ihnen die Leistung der Militärpflicht immer schwerer gemacht wird. Wir erinnern z. B. daran, daß die Juden nicht über den Unteroffiziersrang hinaussteigen dürfen. Bor Kurzem ist nun die Anordnung getroffen worden, daß ausgehobene Rekruten jüdischer Confession nicht mehr der Flotte, der Zoll- und Kontrolwache, den sogen. Reserve-Bataillonen und Lokalcommandos zugezählt werden dürfen, also von allen denjenigen Fällen ausgeschlossen werden, wo der Dienst leichter, resp. mit mehr oder weniger Privilegien verbunden ist. — Wie schon berichtet worden, hat die sogen. Judencommission unter dem Vorsitz des Grafen Pahlen ihre Sitzungen begonnen. Leider hüllt sich dieselbe so sehr in den Mantel des Geheimnisses, daß nicht einmal die Zahl und die Namen der Mitglieder bekannt sind. —. Die Leser dieser Zeitung werden sich noch einer Denkschrift erinnern, welche der zur Judencommission gehörige, rühmlichst bekannte Fürst Demidomalias San-Donato über die Judenfrage ausarbeitete und an genannte Kommission überreichte (Nr. 26 d. Allg. Ztg.). Derselbe ließ es aber nicht dabei bewenden und ist von ihm dieser Tage eine Broschüre, betitelt: „Die Judcnsrage in Rußland", erschienen, in welcher der Autor sich wiederum über diese Angelegenheit sehr logisch ausläßt und vollkommen am Schluffe für die Gleichstellung der Juden eintritt. Fast sämmtliche hiesige unparteiische Blätter, mit Ausnahme natürlich der „Nowoje wremja" und Consorten, welche das Erscheinen dieser Broschüre stillschweigend übergingen, lassen sich über dieselbe äußerst wohlwollend aus und empfehlen sie warm der Judencommission bei deren Arbeiten. Bei Gelegenheit werden wir auf diese Schrift zurückkommen. H. B. Türkei. Konstantinoprl, 10. Dez. Von der „Alliance Israelis" in Konstantinopel geht der „Franks. Ztg." unterm 9. Dez. folgendes Telegramm;u: „Bei dem großen Brande in der Vorstadt Haskiöi (einem hauptsächlich von Armen, meist Türken und Juden, bewohnten Stadttheile) sind 120.) Häuser zerstört. Sechstausend arme Israeliten sind vollständig von Mitteln entblößt. Wir bitten um schleunige Hülfe." Palästina. Jerusalem, im November. Die Engländer haben das Eigenthümliche, daß sie die sonderbarsten theoretischen Ansichten in praktischer Weise zu verwirklichen Hand anlegen, während andere Nationen die richtigsten Theoreme nicht zur Ausführung bringen, weil es ihnen am praktischen Takte fehlt. Bei einer nicht unbeträchtlichen Zahl christlich-orthodoxer Engländer hat sich die Vorstellung eingewurzelt: das Heil der Welt und der vollständige Sieg des Christenthums werden erst dann eintreten, wenn Palästina wieder in den Händen der Juden sei, diese ihren nationalen Staat wieder errichtet haben und dann sämmtlich zum Christenthum übertreten. Der Engländer bleibt aber bei solcher Idee nicht stehen und so hat sich in London eine christliche Gesellschaft gebildet, um jüdische Colonien in Palästina zu gründen. Die Engländer sind auch in der Beziehung praktisch, daß -sie es nicht verschmähen, mit Kleinem anzufangen und sobald dies gelungen, das begonnene Unternehmen auszudehnen. - Dies zum Verständniß der folgenden Mittheilung der „Polit. Corresp.": Ende Dktober ist die erste jüdische Colonie unter christlicher Leitung eröffnet worden. Es ist den Bemühungen der dortigen London .lews’ Society gelungen, in England eine - neue Hülfsgesellschaft in's Leben zu rufen, welche sich in I London unter dem Namen „.lenisb Kefugees Aid Society i unter dem Präsidium des Earl of Aberdeen constituirt hat.! Diese Gesellschaft kaufte um 45,000 Francs ein sechs Stunden i von Jerusalem entferntes Besitzthum, Namens Artus, in der j Größe von 50..0 Joch, dessen Boden überwiegend von treff-! licher Beschaffenheit sein soll. Es werden 40 Familien darauf angesiedelt werden. Jede Familie erhält eine Parzelle ( nebst Wohnhaus, Werkzeug, Sämereien und Wirthschafts- - thieren. Vom Ertrag ist der Zehent an die Regierung zu