Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1883)
- Date
- 1883-12-25
- Page
- Seite 846 (sequence 10)
- Language
- German
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846 Hüter u. s. w. Die Bischofsbank umfaßt 27 römisch-katholische Erzbischöfe, Bischöfe, Erzäbte, Aebte, Großpröbste und Pröbste; ferner 24 Bischöfe in xartidns; endlich 10 griechischorthodoxe und griechisch-katholische Erzbischöfe und Bischöfe der Rumänen und Serben. Von den Würdenträgern der protestantischen Kirche hat als solcher kein einziger Sitz im Oberhause; auch eine Unnatur in einem Lande, wo Lutheraner und Calviner, mehr als 3 Millionen stark, ein gutes Viertel der Bevölkerung bilden. Einen wesentlichen Bestandtheil dieses Oberhauses bildet die jeunesse doree aus dem Jokey-Club, die auf einer unbeschreiblichen sittlichen Stufe steht. So wurde jüngst ein sehr reicher junger Mann, Namens Galt, in diesem Club bis auf den letzten Pfennig im Spiel systematisch ausgeraubt und dann wollte man ihn aus dem Club ausstoßen, was nur durch die Dazwischenkunst Tißa's vereitelt wurde, den man dafür genügend haßt. — Das Unterhaus hat die Immunität Verhovay's und Onody's aufgehoben, die also nun dem Strafrichter anheimfallen. Die Debatten waren sehr lebhaft und zogen bereits zwei Duelle nach sich. — Was nun die Stimmung im Volke betrifft, so bietet sie trübe Aussichten für die im nächsten Jahre stattfindenden Wahlen zum Abgeordnetenhause. Zu den Besorgniß erregenden Erscheinungen gehört unter andern die am Mittwoch im Wartemberger Wahlbezirk stattgehabte Nachwahl für das Abgeordnetenhaus. Bisher vertrat diesen Kreis Graf August Zichy, der auf sein Mandat verzichtete, als er zum Gouverneur von Fiume ernannt wurde. Am Mittwoch wurde nun der in der letzten Stunde aufgetretene antisemitische Candidat Franz Rath gegen den Candidaten der Regierungspartei, Michael Andrassy, mit großer Majorität gewählt. Rath war früher in Preßburg Honorarsecretär der Finanzdirektion, machte sich, nachdem er vom Finanzminister seines Amtes enthoben wurde, durch heftige Angriffe auf den Finanzminister und den hiesigen Finanzdirektor im „Függetlenseg" bemerkbar und gründete ein antisemitisches Blatt. Rath erklärte in seinem Programm, das von heftigen Ausfällen gegen die Juden strotzt, es sei ein Berrath an dem Baterlande, Tisza's Regierung zu unterstützen. Dieses Programm verhalf Rath zu einer Majorität von 480 Stimmen. Lemberg, 12. Dezember. Wir haben schon kurz gemeldet, daß wegen des „Bannfluches galizischer Rabbinen" gegen die „Fortschrittler" Anklage vom Schwurgerichte erhoben worden. Wir geben hier einiges Nähere. Im März dieses Jahres wurde die Thätigkeit dieser orthodoxen Rabbinen und Wundermänner durch die unter dem Titel „Bannfluch der galizischen Rabbinen und Wundermänner" erschienene vom polnischen Publizisten Sigmund Fryling verfaßte Broschüre entlarvt. Die Broschüre erregte damals kolossales Aufsehen, umsomehr, da es der Zufall fügte, daß einige Tage nach Erscheinen derselben der eigentliche Urheber dieses Bannfluches, der Krakauer orthodoxe Rabbiner und Reichsraths-Abgeordnete Schreiber, plötzlich gestorben ist. Nach Erscheinen obiger Broschüre wurde wegen dieses Bannfluches von maßgebendster Seite eine sofortige strenge Untersuchung anbefohlen. Es wurden somit die noch vorhandenen Exemplare des Bannfluches konfiszirt und dem Redatteur Riß, welcher in seiner hebräischen Zeitschrift diesen Bannfluch der 300 Rabbiner veröffentlichte, der Prozeß wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit angestrengt. In der Untersuchung wurden als Zeugen unter Anderen verhört der Verfasser obiger Broschüre Fryling, die Landtags-Abgeordneten Dr. Zucker, Dr. Goldmann und Merunowicz, der Prediger Dr. Löwenstein und der Lemberger orthodoxe Rabbiner Ornstein. Der Angeklagte Samuel Riß ist Redakteur der hier in hebräischer Sprache erscheinenden Zeitschrift für das wahrt Judenthum. Organ des orthodoxen Vereins „Machfike-Hadas." Nach Auslosung der Geschworenen wird folgender Anklage-Akt in deutscher und polnischer Sprache verlesen. Die inkriminirten Artikel der „Zeitung für das wahre Judenthum Nr. 8" enthalten eine Aufforderung an israelitische Wähler, beziehungsweise ein von orthodoxen Rabbinern herrührendes, an israelitische Wähler gerichtetes Verbot, diejenigen Männer, welche gewisse, der fortschreitenden Kultur entsprechende Neuerungen in jüdischen Lehren und Gebräuchen anstreben, namentlich den Dr. Philipp Zucker und Teophil Merunowicz, in den Gemeinderath. Landtag oder eine andere zur Behandlung öffentlicher Angelegenheiten berufene Verdung zu wählen. Den Anlaß hiezu gaben der von dem Landtags-Abgeordneten Teophil Merunowicz im galizischen Landtage gestellte Antrag auf Prüfung und Regulirung der die israelittsche Bevölkerung in Galizien betteffenden Rechtsverhältnisse und die in dieser Beziehung von dem Antragsteller Teophil Merunowicz und dem Abgeordneten Dr. Philipp Zucker in den Landtags-Sitzungen vom 14. September und 10 Oktober 1882 gehaltenen Reden. Die inkriminirten Arttkel enthalten ferner Flüche, Verwünschungen und Drohungen für den Fall der Nichtbeachtung des obenerwähnten Verbotes. Die Stellen namentlich: „Der Thau des Lebens wird sie nicht erquicken", — „der Zorn Gottes wird das Haupt des Frevlers treffen", — „die solches verüben, sollen keinen lebendigen Nachkommen haben, weder Sohn noch Enkel", — „sie werden vernichtet in dieser Welt", — „ihre Versündigung wird ruhen auf deren Haupt und Familienhaus" und andere Drohungen enthalten, welche nicht nur das künftige Leben eines Menschen, sondern auch sein zeitliches Dasein betteffen, sie fallen sonach unter die