Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1883)
- Date
- 1883-12-25
- Page
- Seite 842 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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842 erst durch die Taufe ein Wappenschild erlangen konnten.! hört nun nicht: „Die antisemitische Bewegung in Deutsch- Die Frauen der hohen Aristokratie trieben junge Magnaten,! land, besonders in Berlin" von Ehrich Lehnhardt (Zürich, die man noch nie im Hause gesehen hatte, in die Sitzung, um gegen die Nothcivilehe zu stimmen. Ihnen schlossen sich diejenigen Oberhausmitglieder an, welche Tisza stets feindlich gesinnt, die Gelegenheit günstig fanden, der Regierung Verlegenheiten zu bereiten. So war die Verwerfung der Vorlage schon bei Eröffnung der Sitzung festgestellt, dennoch Verlags-Magazin, 1884). Der Berfaffer giebt in seinem Vorwort vor. sich um eine objektive, unparteiische Behandlung der Sache zu „bemühen", aber er gesteht auch gleich ein, daß ein solches „Bemühen" selten, wenn überhaupt je gelänge. Ihm ist dies nun auch nicht im geringsten Maße gelungen, denn seine Schrift ist nichts als ein antisemitisches bot die Debatte recht intereffante Momente. Am ersten Tage j Pamphlet und auf jeder Seite offenbart sich sein Judenhaß sprachen gegen den Gesetzentwurf: Cardinal Fürst Primas, in unverkennbarer Weise. Aber er besitzt auch gar nicht die Simor, Cardinal-Erzbischof Haynald, die Bischöfe Schlauch und Samaffa und Gras Apponyi, Vater des Deputirten Albert Apponyi. Die höhere ungarische Geistlichkeit wird oft wegen ihrer Gelehrsamkeit gerühmt; was aber die Cardinüle vorbrachten, hätte zum größern Theile gut für die Tribüne unserer christlich-socialen Versammlungen gepaßt. Nur der Bischof Schlauch glänzte durch zahlreiche Citate aus den Werken reaktionärer Juristen, besonders viel Rüstzeug borgte er vom preußischen Profeffor Savigny. Unter den Bertheidigern der Borlage machte am ersten Tage den wohlgenügende geschichtliche und wiffenschaftliche Kenntniß, ja uicht einmal die von den Ereigniffen und Streitschriften, welche diese Bewegung producirte, wie man sich aus seiner Schrift hinlänglich überzeugen kann. So z. B. ist über den Talmud Rohling seine Quelle, und er behauptet, dieser sei noch nicht widerlegt, gesteht jedoch selbst, daß er nur eine einzige Gegenschrift gelesen, die eines gewissen Isaak Nobel; für die geschichtlichen Thatsachen bezeichnet er als seine Quelle die „Kulturgeschichte des Judenthums" von Henne-Am Rhyn, deren Einseitigkeit und wissenschaftliche Unzulänglichkeit wir thuendsten Eindruck Baron Nikolaus Bay, eine der hervor-! seiner Zeit nachgewiesen haben. Ebenso kennt er von den ragendsten Gestalten des öffentlichen Lebens und eines der Häupter der protestantischen Kirche in Ungarn, ein Greis von 82 Jahren. Er forderte die Katholiken auf, sich mit dem Gesetze abzufinden, wie es die Protestanten thun. Ungeachtet aller Wärme sprach er vergebens und konnte einen Beschluß nicht abwenden, dessen Folgen noch nicht abzusehen find." — Wir brauchen nicht zu betonen, daß wir an dem in Rede stehenden Gesetze nur ein prinzipielles Interesse haben, insofern durch dasselbe der erste Schritt geschieht, in Ungarn das Judenthum aus einer bloß „geduldeten" Religion zu einem, vom Staate gleichgeachteten Kult zu machen. Das Nähere aus den Verhandlungen des Oberhauses in nächster Nummmer. Uebrigens ist die Sache hiermit noch nicht zu Ende. Das Abgeordnetenhaus hält das Gesetz aufrecht, und im Oberhause wirbt man zu einer zweiten Verwerfung um die möglich größte Mehrheit. Die Sache wird also aus einer Parteifrage zu einer zwischen Abgeordneten- und Oberhause. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 12. November. Wenn wir jüngst in einigen Leitartikeln den neuesten Juden und Judenthum betreffenden Broschüren unsere Aufmerksamkeit zuwandten, so verpflichteten wir uns damit nicht, dies allen angedeihen zu lassen, die sich auf den Büchermarkt drängten. Denn es kann uns hierbei nur auf diejenigen ankommen, denen an Inhalt und Form ein besonderer Werth einwohnt und die sich deshalb einer größeren Wirksamkeit zu erfreuen haben. Tahin ge- Streitschriften für und gegen kaum ein Halbes Dutzend. Hiermit hat der Berfaffer sich selbst das Urtheil geschrieben, wenn er über „Voraussetzungen, Wesen, Berechtigung und Folgen" der antisemitischen Bewegung ein treues Bild und ein abschließendes Urtheil geben wollte. Der Berfaffer beschränkt das ganze Judenthum auf das Dogma von der „Auserwähltheit Israels" und will hieraus den ganzen Charakter und die ganze Geschichte des Judenthums und der Juden in starrster Consequenz erklären. Nun, der Verfasser weiß nicht, daß andere antike Völker eine ähnliche Anschauung von sich hatten und was würde er sagen, wenn er erführe, daß die größten hellenischen Denker, Plato und Aristoteles, demonftrirt haben, daß die Natur selbst alle anderen Völker als ßagßccQoi zu Sclaven der Griechen bestimmt seien. Bei den Juden hat dieser Glaubenssatz sich stets nur um die religiöse Idee bewegt, niemals aber um eine wirkliche Herrschaft über die anderen Völker oder nur — das weiß der Verfasser auch nicht — um Ausschließung der anderen Nationalitäten; denn schon das mosaische Gesetz gestattete allen Fremdlingen den Eintritt in die israelitische Gemeinde. Bei einer solchen Beschränktheit im Princip kann man über die Folgerungen des Verfassers ruhig hinweggehen. Auf dem Titelblatte hätte ebenso gut Dr. Henrici oder dgl. stehen können. — Dem Obigen gegenüber berichten wir mit Vergnügen über eine andere Broschüre. Man hatte geglaubt, daß der Tißa - Eßlarer Proceß eine Fluth von Besprechungen und Flugschriften veranlassen würde. Die Aufmerksamkeit der gesammten Welt war mit solcher Spannung auf diesen Vorgang gerichtet, daß man auf ein mannich-