Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1883)
- Date
- 1883-12-25
- Page
- Seite 841 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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841 Als nun in der Blüthezeit des israelitischen Volkes auch der Gedanke verwirklicht wurde, das Heiligthum und zwar als einziges der ganzen Nation an einem bestimmten Orte zu sixiren, nämlich in Jerusalem, in Zion, das hierdurch zugleich der religiöse und der nationale Mittelpunkt wurde: so drängte es sich von selbst auf. den Opfercultus durch das zu so herrlicher Entfaltung gediehene religiöse Lied mit Gesang und Instrumentalbegleitung zu verherrlichen und zu ergänzen. Kann nun an der Errichtung des ersten Tem- | pels durch Salomo nicht gezweifelt werden, so erscheint es. ganz natürlich, daß diese große Neuerung durch die als! Dichter und Sänger hochgerühmten Könige David und Salomo vollzogen worden. Hiermit bleibt uns nur noch die Frage übrig: wie wurde der Gebetcultus selbstständig, vom Opfercultus abgelöst? Die Beantwortung dieser Frage soll uns in einem Schlußartikel beschäftigen. (Schluß folgt.) euch zu Schaufäden sein, daß ihr es anschaut und eingedenk scied aller Gebote des Ewigen und sie Vollzieher." Die tiefblaue Schnur soll also den Israeliten bei dem Anschaucn derselben an das gcopenbarte Gesetz erinnern und ihn hierdurch mahnen, demselben gewissenhafte ^olge zu leisten, selbst, w'e es weiter heißt, wenn die in ihm erwachte Begierde ihn zur Verletzung jener anreizt. Tie Schnur von ticfblamr Wolle ist hier ganz und gar Hauptsache, um deren willen die Quaste gemacht wird. Dies geht schon daraus hervor, daß weder hier noch an der Parallelstelle angegeben wird» woraus die Quaste gemach^ werden solle, so daß sich schließen läßt, sie sollte aus demselben Stope bereitet sein, aus welchem das Kleid bestand. Die tiefblaue Wolle war also hier ein Symbol; denn nicht der Stoff an sich, sondern der ihm eingepflanzte symbolische Gedanke konnte ihr die Bedeutung als Erinnerungszeichen an das geoffenbarte Gesetz ertheilen. Hiermit war aber auch vorausgesetzt, daß das unmittelbare Berftändniß dieses symbolischen Zeichens Jeder mann einwohnte — wie z. B. uns noch jetzt die Lilie als Symbol der Unschuld, das Veilchen als das der Bescheidenheit, die Tulpe als das der Prunksucht u. s. w. verständlich ist. Diese Bedeutung der tiefblauen Wolle erscheint uns auch noch an anderen heiligen Gegenständen. Das Qberkleid des Hohenpriesters sollte von dunkelblauer Wolle sein; beim Transport in der Wüste, wenn die h. Gerärhe in die Oeffentlichkeit getragen wurden, sollten sie mit dunkelblauem Tuche eingehüllr werden. (1 Mos. 4, 6. vgl. i Mos. 24, 10, Jechesk. l, 26.) Es kann daher nicht zweifelhaft sein, daß die tiefvlaue Farbe das Symbol des Empfängniffes und der Ausführung des gcoffenbarten Gesetzes war. Wir erkennen dies jetzt durch die Combinalion dieser und anderer Stellen, die wir in den angesührirn Abhandlungen notirt haben. Aber das Berftändniß verlor sich bei den an Verftandesbildung und im Treiben des praktischen Lebens fortgeschrittenen Menschen. Es verlor sich so sehr, daß das traditionelle Gesetz aus den Zizith etwas ganz anderes märte. Sie ließ die tiefblaue Schnur, die doch nach dem mosaischen Gesetze die Hauptsache war, gänzlich fallen und die Zizith bekanntlich aus 8 Fäden weißer Wolle bestehen, von denen der 8. um die anderen erst siebenmal, dann achtmal, dann eilfmal, dann dreizehnmal gewickelt wird, zwischen welchen Umwickelungen Doppelknoten gemacht werden. Hierdurch bringt sic die Zahl der 613 Ge- und Verbote in die Zizith und zwar um der Worte bz willen hinein. Dies ist eine gelehrte Symbolik, die nur den Fachkundigen verständlich ist. Wir glauben, an diesem Beispiel wird der Sinn unsrer Worte im Texte verdeutlicht sein. Das ungarische Oberhaus uud das Ehezefeh zwischen Inden und Christen. Wir armen Juden veranlaßen, selbstverständlich wider unseren Wunsch und Willen, in den Parlamenten gewisser Länder immer von Neuem Debatten und Parteireibungen, deren Tragweite weit über unsre politische und soziale Bedeutung hinausgeht. Die in jenen Staaten vorhandenen Gegensätze zwischen Mittelalter und Neuzeit, zwischen den herrschenden und hcrrschenwollenden Parteien, zwischen den Prinzipien der Gleichberechtigung und denen der Ausschließungssucht, der Standes- und Confessionsvorrechte nehmen sich zum Austrazen ihrer Conflikte uns Juden zum Objekt, zum willkommenen Streitgegenstand. Wir fragen, warum kommt dergleichen in England, Holland, Belgien, Frankreich und Italien nicht vor? Die Antwort lautet einfach, weil dort die Religionsfreiheit und die Gleichberechtigung nicht blos auf dem Papiere oder als Phrase besteht, sondern ins Blut übergegangen und die Geister völlig durchdrungen hat. Das ungarische Oberhaus hat hierfür wieder ein eklatantes Beispiel gegeben, das nicht blos im Auslande, sondern auch in Ungarn selbst viel Aufsehen erregt. Wir berichteten in voriger Nummer, daß der Gesetzentwurf über die Ehen zwischen Juden und Christen im Ausschüße des Oberhauses mit 11 gegen 9 Stimmen angenommen worden, wenn auch mit einer Modifikation des § 88. Im Plenum jedoch wurde nach zweitägiger lebhafter Verhandlung das Gesetz mit 109 gegen 103 Stimmen verworfen. Es ergab sich dabei mancherlei Außergewöhnliches, was die stattfindende Erregung in den Parteien beweist. So vollzählig war das Oberhaus seit dem Krönungs-Landtage von 1867 niemals versammelt. Noch ist es nicht vorgekommen, daß das Plenum einem von seinen Ausschüße angenommenen Antrag verworfen habe und zwar einen Antrag, den das Abgeordnetenhaus in seiner Gesammtheit gegen kaum 20 vereinzelte Stimmen votirt hatte. Ein drastisches Bild bietet uns folgende Correspondenz der Boß. Zeitung: „Unter den Anwesenden befanden sich 35 Bischöfe und Aebte, an der Spitze befanden sich die beiden Cardinäle Simor und Haynald, alle im priesterlichen Ornate. Aus diesem Umstande konnte man schon entnehmen, daß die schwarze Cohorte zu einem Kampf auf Tod und Leben gerüstet war. Allein hätte sie doch nicht den Sieg erlangt, sie fand aber einen mächtigen Bundesgcnoßen in der aristokratischen Frauenwelt, die sich über den Gesetzentwurf sehr erbittert zeigte. Vielleicht nicht mit Unrecht; denn bei dem Hange der jungen Aristokraten zur Verschwendung würde es gewiß nicht selten Vorkommen, daß ruinirte Grasen und Hcrzöge sich durch Berheirathung mit Töchtern reicher Juden finanziell zu rehabilitiren suchten. Waren Fälle dieser Art bisher doch schon nicht selten gewesen, wo jüdische Mädchen