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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-12-25 · Heft 52 (25.12.1883) · p. Seite 839

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 52 (25.12.1883)
Date
1883-12-25
Page
Seite 839 (sequence 3)
Language
German
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839 selbst Formvollendung, wie niemals und nirgends wieder. Es ist das klassische religiöse Lied. Gebet um Hülfe und Rettung aus dem geängstigten Herzen heraus, lauttönender Hymnus sowohl des Dankes als des Jubels über die unendliche Größe der Gottheit und aus der Freude über die Erkenntniß derselben, Triumphlied, Threnodie, wie der Trauergesang David's über den Tod Saul's und Jonathan's und die Klagelieder Jeremija's, Epithalamien wie Psalm 45 und das Hohelied, didaktisches Lied wie viele Psalmen und das Buch Hiob, nach allen diesen Richtungen hin — und wie viel ist uns verloren gegangen — immer aber vom religiösen Gedanken getragen und durchwebt, entfaltete sich das religiöse Lied bei den Hebräern. Selbstverständlich war diese Dichtungsweise mit Gesang und Instrumentalmusik, namentlich mit der Pauke, der Zymbel und der Harfe eng verbunden. Das eine ist ohne das andere bei diesem Volke nicht zu denken. Darum wird es auch für wichtig genug gehalten, die Erfindung musikalischer Instrumente aus dem höchsten Alterthum neben den wichtigsten, wie des Zelt- und Städtebaues, der Metallbearbeitung, anzuführen (1. B. M. 4,20—23). Diese Dichtungsweise mit Gesang und Musik wurzelte sich bei den Israeliten tief ein und machte sogar einen Ruhm derselben über die Grenzen ihres Landes hin aus. Hierüber gicbt uns eine der köstlichsten Reliquien Aufschluß, der Psalm 137, unzweifelhaft verfaßt von zurückgekehrten Exulanten auf den Trümmern des noch nicht wiedererbauten Jerusalems. Es heißt da: „An den Strömen Babels, da saßen wir und weinten. Da Zions wir gedachten. An den Weiden, die da standen. Da hatten unsre Harfen wir gehängt. Denn da heischten unsre Zwingherren Liedesworte, Unsre Dränger Freude: Singet uns vom Zionssange! Wie sollten wir den Sang des Ew'gen singen Auf fremder Erde?"') Es ist hier von einer bestimmten, als ausgebildet vorausgesetzten Lyrik, mit Gesang und Harfenspiel verbunden, die Rede, als deren Grundtypus die religiöse Freude bezeichnet und welche „Zions Lied", „Lied des Ewigen" genannt wird. Sie war „auf der fremden Erde" verstummt, die Instrumente waren beiseite geschafft und verstaubten, und dies ist nach den schrecklichen Ereigniffen bei der Zerstörung Jerusalems und der anderen blühenden Städte und Ortschaften, nach der Tödtung so vieler der Ihrigen und der Wegführuag in die Gefangenschaft nur allzu erklärlich. Aber die „Zwingherren und Dränger" wußten von der schönen Kunst, 1) Ueberraschend sind die gesuchten Gleichklänge in den drei Strophen des Psalms, so in der ersten das >3dreimal B. 1, zweimal 58. 2, viermal P. 3, wechselnd in inu, enu, unu, anu; wir yabcn dies durch „da" nachzuahmen gesucht. welche die Gefangenen besaßen und übten, und verlangten, natürlich zu ihrer Unterhaltung und ihrem Ergötzen, Proben derselben, die sie standhaft verweigerten. Diese Schilderung aus kurz vergangener Zeit, an welche der tief empfundene Schmerz über den Trümmerhaufen, den sie auf der alten Stätte Jerusalems fanden, und das natürliche Verlangen der Rache an denen, welche übermüthig diese Verwüstung verschuldeten, sich knüpft, bezeugt unwiderleglich die reiche Entwickelung, welche das religiöse Lied, die Psalmdichtung, in alter vorexilischer Zeit in Israel erfahren hatte. Glücklicher Weise ist uns denn auch eine Sammlung solcher religiöser Lieder im Psalmbuch gerettet worden. Aber wie klein an Umfang ist diese Sammlung der 150 Psalmen gegen das, was uns für immer verloren gegangen, gegen die gewaltige Fülle gleichartiger Schöpfungen, deren Untergang wir nach einigen Andeutungen zu beklagen haben. So z. B. soll Salomo nach 1. Kön. 4, 32. dreitausend Sprüche und eintausendfünf Lieder verfaßt haben. Wer in die Größe dieser Zahlen Zweifel setzt, muß doch wenigstens zugestehen, daß sie auf eine große Menge von Liedern und Sprüchen Hinweisen, gegen welche die uns übrig gebliebenen nur geringfügig sind. Daß die Psalmdichtung zwar schon in frühere Zeiten hinaufreicht, sich aber vorzugsweise an die Person David's knüpft und dann bis in die Zeiten nach dem Exil gepflegt wurde, ist bekannt. Hier entsteht nun die Frage: ist das religiöse Lied und die damit verbundene musikalische Begleitung dem Tempel fern geblieben oder mit dem Opfercultus verbunden worden? War das letztere der Fall, so haben wir einen Gebetcultus bereits neben dem Opfercultus, und zwar in officieller Weise. Es war dann später nur noch die Aufgabe, den Gebetcultus vom Opfercultus abzulösen und ihn selbstständig zu gestalten. Aber ein Zweifel hierüber kann gar nicht aufkommen. Eine nicht geringe Zahl der uns überkommenen Psalmen tragen völlig den Charakter an sich, im Tempel bei den daselbst stattsindenden Feierlichkeiten mit Gesang und mit Musikbegleitung vorgetragen zu werden. Das vollste Zeugniß giebt hierfür der 150. Psalm: „Hallelujah. Lobet Gott in seinem Heiligthume, Lobt ihn in der Veste seiner Macht. Lobet ihn in seiner Allgewalt, Lobt ihn nach der Fülle seiner Größe. Lobt ihn mit Posaunenklang, Lobet ihn mit Harfe und Zither u. s. w." Ebenso finden wir Spuren von Chören mit Responsen, z. B. Psalm 118. 136. Diese Verbindung des Gebetcultus mit dem Opfercultus schreibt die Tradition, und zwar schon die ganze nachexilische dem Könige David zu. So schildert Esra die Feier bei der Grundlegung zum zweiten Tempel: j „Da stellten sich die Priester auf in ihrer Kleidung mit den 52*

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