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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-12-25 · Heft 52 (25.12.1883) · p. Seite 838

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 52 (25.12.1883)
Date
1883-12-25
Page
Seite 838 (sequence 2)
Language
German
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838 lischen Geistlichkeit, die im Oberhause 35 Sitze einnimmt. Wir können also auch in Ungarn die antisemitische Bewegung zwar nicht als erloschen, doch aber als über ihren Höhepunkt gelangt und im Niedergang begriffen ansehen. Andere Siege haben wir auch aus anderen Ländern zu verzeichnen. Wir zählen hierher den bekannten Bortrag von Ernst Renan in Paris, der dem Judenthume ein so glänzendes Zeugniß ausstellte, sowie die Schriften von Franz Delitzsch, die den blutdürstigen Brochüren des Proseffor Rohling und Dr. Justus unwiderlegbar den Stempel der Lüge und der Unwiffenheit aufprägten. Wir zählen ferner hierher den Ausfall der Berliner Stadtverordnetenwahlen, bei denen die conservativ - antisemitische Partei die höchsten Anstrengungen und die schrankenloseste Hetze verwendete, und doch nur eine verschwindend .kleine Anzahl von Sitzen in jener Versammlung erwarb. Vor Allem jedoch gehört hierher das vollständige Fiasco, welches Stöcker in London erlitt. Er wurde hier von allen Schichten des englischen Volkes entschieden verworfen und von den höchsten Autoritäten energisch abgewiesen; aber ebenso entschieden von der dortigen deutschen Bevölkerung bekämpft. Allerdings dürfen wir deshalb die Bewegung und namentlich ihre psychologischen und gesellschaftlichen Folgen noch nicht als vorüber betrachten. Wenn auch die Fluth der Pamphlete gegen uns, namentlich in Deutschland, sich allmählich verlaufen, wenn die Zahl der Agitatoren sich vermindert hat, zum Theil weil sie wegen anderweitiger Uebelthaten, wie Unterschlagung anvertrauter Gelder, dem Strafrichter anheimgefallen: so wagte es doch erst jüngst im preußischen Abgeordnetenhause der Antisemitismus durch die Abgeordneten Profeffor Adolf Wagner und Cremer nackt und unzweideutig aufzutreten und erhielt aus den Reihen der conservativen Partei Ausrufe der Zustimmung. Im Leben der Völker wie der Einzelnen kommt es darauf an, auszuharren, bestehen zu bleiben und standhaft sich aufrecht zu erhalten. Der Sturm, mag er sich noch zu so starker Heftigkeit steigern, mit all' den Staubwolken, die er vom Boden auf -, mit all' den Schneeflocken und Hagelkörnern, die er von oben herunterfegt, vermag nichts gegen den granitenen Bau, auf deffen Mauern und Ecken er stößt, und zieht an ihm vorüber. Freilich ist es angenehmer, beglückender, von den goldenen Strahlen der Sonne unter dem lichtblauen Himmel beschienen und vom Zephyr umfächelt zu werden. Aber auf Erden wechseln eben Sonnenschein und Sturm, und bei dem Toben des letzteren gilt es, sich des kommenden Friedens gewärtig zu halten, und in den Zeiten des Sonnenscheins sich zum Widerstande zu rüsten, wenn die Zeit des Unwetters und des Kampfes der Elemente eintrete. Hat doch auch der Sturm sein Gutes, seine Nothwendigkeil, da er vor Erschlaffung und Indolenz schützt und die Kräfte stählt und die Energie weckt. Und so rufen wir unseren Lesern auch am Schluffe dieses Jahres das Wort des fronrmen Königs Hiskias zu: 'b -iD u&vb n:n »Siehe, zum Heile ward mir das Bittere, ja das Bittere." (Jes. 38, 17.) Die Schöpfung des Gebetcullus. in. Wir haben in den vorhergehenden Artikeln die aus ältester Zeit anwachsende Entwickelung des individuellen Gebetes nach den Andeutungen verfolgt, die uns die Bücher der heiligen Schrift darüber darbieten; wir sahen dasselbe, immer aber nur als persönlich aus den individuellen Lagen und Stimmungen heraus im Heiligthume, später im Tempel vorgenommen und sich daselbst concentrirend; ja, wir bemerkten selbst die Warnungen, welche der Prophet und der Spruchredner vor allzuvielem und allzuleichtem Beten ergehen ließen. Wir hatten auch hervorzuheben, daß während des Babylonischen Exils, als Opfer nicht dargebracht werden konnten, der Brauch dreimaligen Betens täglich, mit dem Gesichte gen Jerusalem gewendet, aufgekommen, das also die Opfer, an die es sich den Tageszeiten nach anschloß, ersetzen sollte; indeß auch dies nur individuell, nicht in Gemeinschaft, nicht mit einem officiellen Charakter. Aber neben diesem entwickelte sich auch ein zweites, höchst bedeutendes, später für die ganze Menschheit wirksames Moment: das religiöse Lied, der Psalm. In dem Geistesleben des israelitischen Volkes, oder wie man jetzt gewöhnlich sagt, in der Volksseele dieser Nation waltete ein mächtiger poetischer Schwung, ein zartes Empfinden und eine tiefinnige religiöse Begeisterung. Wir brauchen für diese Charakterzüge des alten Israels Beweise kaum anzuführen. Zeugt doch schon für den poetischen Schwung die Schöpfung der dichterischen Rede, wie sie aus dem Munde der Propheten erklang und die in keiner anderen Literatur wicdergefunden wird, wenn nicht in Nachahmung dieser Propheten. Für das zarte Empfinden trifft man bei diesem Volke die Belege schon aus seinem höchsten Alterthume, z. B. im 1. Buche Moses; wir erinnern an den Ausspruch über die Ehe (2, 24.), über die Liebe Jakobs zu Rahcl (29, 20.), über den Frieden in der Familie (13, 8.), über die Elternliebe (37, 34. 35.), über die Bruderliebe (43, 31 u. weiter), über die Gastfreundschaft (18, 3.), über Uneigennützigkeit (14, 22.) u. s. w. Die religiöse Begeisterung aber füllte das ganze Dasein dieser Nation aus und bildete den Grundzug und Inhalt aller ihrer Geisteserzeugniffe. Aus der Bereinigung dieser drei Charakterzüge nun entstand wie eine psychologische Nothwendigkeit das religiöse Lied und entfaltete sich in einer Ursprünglichkeit, Fülle und

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