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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-12-18 · Heft 51 (18.12.1883) · p. Seite 829

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 51 (18.12.1883)
Date
1883-12-18
Page
Seite 829 (sequence 11)
Language
German
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829 ein Urtheil über einen Theil nnserer Nation nicht anmaßen. (Gelächter rechts.) Herr Wagner hat auf die Nationalität der Juden hingewiesen — mit welchem Rechte denn? Haben denn die Juden als unsere Mitbürger nicht ihre Pflichten voll erfüllt? Sie sind ebenso gut Deutsche wie Herr Wagner. (Gelächter rechts.) — In einer Reihe von „persönlichen Bemerkungen" tritt auch der Führer der Nationalliberalen Herr v. Benda gegen den Antisemitismus auf. — Dr. Seelig: „Herr Wagner hat mich als Statistiker zu Boden treten zu können geglaubt, indem er mir vorwarf, ich hätte bei dem von mir angeführten Beispiele gar keine Rücksicht darauf genommen, daß die Juden ja nur ein sehr verschwindend kleiner Bruchthcil der Bevölkerung wären. Die Sache liegt aber folgendermaßen: Ich habe ausgeführt, Herr Wagner spräche immer von jüdischen Wucherern. Dem läge aber doch die Nothwendigkeit vor zu beweisen, daß die größere Zahl der Wucherer Juden waren. Die Criminalstatistik wies aber das Verhältniß von 21 Christen zu 5 Juden nach. Wenn er nun behaupten will, daß hier die Juden die Mehrheit bilden, so muß ich ihm wirklich den guten Rath geben, sich mit Adam Riese genauer bekannt zu machen." Wagner bemerkt dagegen: „Zum Schluß sage ich Herrn Büchtemann: Ich habe nicht gegen die Juden gehetzt (Widerspruch und Lachen links), ich habe nur die einfache Thatsache hervorgehoben, daß unter unfern jüdischen Mitbürgern viele bedenkliche wirthschaftliche Praktiken ganz vornehmlich vertreten find. Wenn ich damit ein Odium auf mich lade, in ein Wespennest steche, so genirt mich das ebensowenig wie meinen Freund Hofprediger Stöcker. (Beifall rechts.) Büchtemann: „Es scheint, als ob Herr Wagner in seiner neuen antisemitischen Stellung jede Gelegenheit wahrnehmen müsse, um diese Dinge zu berühren. Ich werde mich sehr wohl hüten, seiner Einladung Folge zu leisten; erst wenn ich wirklich Socialdemokrat werden wollte, würde ich diese Gelegenheit benutzen." (Heiterkeit links; Unruhe rechts.)- Es scheint aber, daß das preußische Abgeordnetenhaus mit dem ungarischen hinsichtlich immerwährenden Zurückkommens auf die Juden wetteifern wolle. Denn schon in der Sitzung vom 6. d., wo über den Antrag Sterns auf geheime Abstimmung bei den Landtagswahlen berathen wurde, kamen die Juden abermals aufs Tapet. Diesmal war es Rickert, der Führer der Secessionisten, der sie ins Treffen führte. Er machte auf die Judenhetze in den conservativen Flugblättern aufmerksam, die der Kronprinz zur Befriedigung des Volkes eine schmachvolle genannt habe. (Wiederholte Ruse rechts: Wo denn? Wo hat er das gesagt? Es ist nicht wahr!) Das ist Thatsache. (Erneute Rufe rechts: Das ist nicht wahr! Große Unruhe; Richter ruft: Mir hat es Herr Magnus selbst bestätigt!) Herr College Richter, wir haben nicht nöthig, den Herren noch das zu bestätigen, diese Sache ist so allgemein bekannt, ich wundre mich nur, daß sie es wagen (sehr richtig! links) in einer solchen Angelegenheit; diese Worte sind autorifirt in die Oeffentlichkeit gekommen (Unruhe und Widerspruch rechts; Rufe links: Jawohl!) und in dem Briefe an Herrn Baumgarten, der ein kräftiges und richtiges Urtheil über Stöcker gegeben hat, haben sie es mit der Namensunterschrift unseres hochverehrten Kronprinzen selbst. (Rufe rechts: Was denn? Borlesen!) Ich sage, weiß denn der Herr Minister nichts von der schmachvollen Hetze gegen die Juden, die jetzt in diesem Hause ihre Fortsetzung findet?" Dies hilft nun Alles bei den Antisemiten blutwenig. Der in Berlin durchgefallene Abg. Crem er, Apostat aus dem Centrum, ahmte in seiner Rede sogar den jüdischen Dialekt nach, selbstverständlich ohne von dem Präsidenten zur Ordnung gerufen zu werden. Anders erging es dem Abg. Ludwig Löwe, der in einer persönlichen Bemerkung sagte: „Hieran schließe ich zu gleicher Zeit den Ausdruck meines tiefen Bedauerns, daß irgend ein Abgeordneter, und wenn es selbst Herr Cremer ist, es für angezeigt hält, in diesem Hause zu mauscheln. Das thut kein anständiger Mensch." (Lebhafter Beifall links; große Unruhe. Glocke des Präsidenten.) Bicepräsident Frhr. v. Heeremann: „Herr Abg. Löwe, der Ausdruck ist unparlementarisch, ich rufe Sie deshalb zur Ordnung." (Beifall rechts.) Zum Schlußwort sprach Namens der Antragsteller Abgeordneter Eugen Richter. Er begann seine längere Rede in folgender Weise: „Ich habe mich erst entschlossen, das Wort für meine Partei zu übernehmen, als von der conservativen Seite Aeußerungen unseres Kronprinzen in Bezug auf die antisemitische Agitation in Zweifel gezogen wurden. Ich bin zufällig durch den damaligen Vorsitzenden der jüdischen Corporation, Herrn Magnus, als Ohrcnzeugen dieser Aeußerungen, von dem Inhalt in Kenntniß gesetzt worden. Unserer Vorliebe entspricht es nicht, Aeußerungen von Mitgliedern des Herrschergeschlechts in die öffentliche Discussion hineinzuziehen; iudeß hat diese Reserve eine Grenze. Wenn fortwährend die Person des Monarchen oder eines Prinzen in die parlamentarische Discussion gezogen wird, so muß man unter Umständen diese Reserve verlassen. So sagte heute Herr v. Puttkamer, jeder Beamte habe auch in seinem außeramtlichen öffentlichen Leben die Fahne des Königs zu tragen und zu vertreten (Sehr richtig! rechts), die Sache hat aber ihre zwei Seiten. Es kann aus dieser Behauptung gefolgert werden, daß man das, was ein Beamter und insbesondere ein dem Hofe nahe stehender Beamter außeramtlich im öffentlichen Leben vertritt, auch für die Fahne des Königs hält, und solchen Folgerungen entgegenzutreten ist Jeder verpflichtet, der in glaubhafter Weise von Aeußerungen Kenntniß erhalten hat, die das Gegentheil bekunden. Als die Berliner Wahlmänncrvcrsammlung im Januar 1881 stattfand, welche 51*

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