Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1883)
- Date
- 1883-12-18
- Page
- Seite 828 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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(Zuruf aus dem Centrum: Nicht als solche!), wie es Herr vr. Adolf Wagner über die Juden gethan hat. Ja, m. H., zum Theil auch vielleicht als solche. Wenn man überhaupt eine Antipathie gegen eine Religion hat, ist es ungeheuer leicht, den Betreffenden immer gerade diejenigen Eigenschaften in die Schuhe zu schieben, die einem im Augenblick unbequem find, statt sich an die eigene Nase zu faffen. Was in aller Welt hat der Domänenetat mit dem Antisemitismus zu thun?" Der Redner weist hierauf nach, daß jene Gutachten aus der Provinz Posen völlig falsch sind, da der Minister für landwirthschaftliche Angelegenheiten aus den ihm zugekommenen Berichten nachgewiesen, daß in genannter Provinz die bäuerliche Verschuldung immer mehr abnehme. — vr. Seelig schildert die höchst günstige Lage des Bauernstandes in seiner Heimath Schleswig-Holstein. Er bemerkt zum Schluffe: „So werden hier einzelne drastische Schilderungen, bei denen die Phantasie eine recht große Rolle spielt, mit Emphase vorgetragen, und nun soll der jüdische Wucher schuld sein. Was ist denn das für ein eigenthümlicher Gang der ganzen Untersuchung? Auf der einen Seite sagt man, dem Landwirth muß geholfen werden, dadurch, daß man ihm nach Möglichkeit Credit verschafft; sowie das geschieht, heißt es: der Landwirth ist überschuldet, er wird von jüdischen Wucherern ausgesogen. Ja, m. H., im Jahre 1881 wurden nach den amtlichen Notizen in Preußen wegen Wuchers verurtheilt 21 Christen und 5 Juden'. (Beifall links.) Aus dieser unbestrittenen statistischen Angabe geht doch aufs Deutlichste hervor, daß die antisemitische Behauptung, der Wucher werde vorzugsweise von Juden betrieben, völlig falsch ist, daß vielmehr die Mehrzahl christliche Wucherer find, unter 26 also 21 gegen 5 Juden. Herr Wagner aber weiß sich zu helfen. Er rechnet, daß nach der Bevölkerung die Juden nur über 1 Procent sein dürften. Nun find es aber 5 unter 26, also etwa 20 Procent. Das ist echt profefforlich; denn bei einer so kleinen Zahl von Fällen kann der Procentsatz nicht zum Maßstab gemacht werden, was ihm auch späterhin nachgewieseu wird. Wagner sagt ferner: Herr Dirichlet und wenn auch in milderer Weise Herr Seelig find dann wieder mit dem besonderen Borwurf gekommen, daß ich auf das Judenthum hinwiese. Ich habe vorhin gesagt, überall gilt es für erlaubt, gewiffe Fehler einer Nationalität, eines Standes hervorzuheben. Wer leugnet, daß wir Deutschen ebenfalls schwere nationale Fehler haben? So müffen auch Franzosen, Rüsten, Engländer, Italiener sich diesen Borwurf gefallen lasten. Sobald aber jemand wagt, von Juden, die ich hier durchaus nicht als Confesfion, auch nicht als Religionspartei, sondern als eine durch ihre ganze geschichtliche Entwickelung eigenthümlich hingestellte, im wesentlichen der europäischen Bevölkerung fremde Nationalität betrachte (Unruhe und Widerspruch links), sobald man von bestimmten jüdischen Eigenschaften spricht, so reden die Herren von Hetzerei und Antisemitismus. Das spielt hier gar nicht mit, hier handelt es sich um objective Untersuchungen. (Ruf links: Objectiv?) Und es ist sicher, daß der Wucher ganz vorzugsweise durch Angehörige des Judenthums ausgeübt wird; das gilt es, hervorzuheben, da gilt es, den Finger in die Wunde zu legen, das ist nicht nur das Recht, sondern meines Erachtens die Pflicht eines Volksvertreters, und durch alles, was Sie mir in dieser Beziehung an Liebenswürdigkeiten haben zutheil werden lasten, was Ihre Preffe vermuthlich noch verzehnfacht, werde ich mich nicht irre machen lassen. Ich fühle mich als Vertreter des preußischen Volkes, des größten Theils des deutschen Volkes, und um meines lieben deutschen Volkes willen werde ich diesen Standpunkt auch dem jüdischen Wucher gegenüber niemals preisgeben. (Beifall rechts.) — Büchtemann: „3R. H., greifen Sie mich sachlich an!" sagt der Herr Wagner zu meinem Freunde Dirichlet. Ja, m. H., hat er denn sachlich gesprochen, als er von jüdischem Wucher im allgemeinen sprach? (Rechts: Ja, ja!) Nein, m. H. (Wiederholte Rufe rechts: Ja, ja!) Das ist völlig unrichtig; es giebt jüdische und christliche Wucherer (große Unruhe, Rufe rechts: Ja, ja!), und die christlichen Wucherer sind erheblich zahlreicher. (Lebhafter Widerspruch rechts; Rufe: Absolut und relativ!) M. H., die Sprache, welche Herr Wagner hier geführt hat, eignet sich doch wohl mehr für Bezirksvereine als für dieses hohe Haus. (Sehr richtig! links; Widerspruch rechts.) Was würde wohl Herr Wagner, der sich auf einzelne Beispiele beruft, sagen, wenn jemand nach den Lehren, die Herr Wagner auf seinem Lehrstuhl vertheidigt, sagen würde: «Der überwiegende Theil unserer Profefforen an den deutschen Hochschulen trägt socialdemokratische Lehren vor?" (Unruhe rechts.) Gerade so gut, wie dies die anderen Profefforen entschieden zurückweisen würden, muß auch die Aeußerung des Herrn Wagner zurückgewiesen werden. Es bleibt doch immer wahr und läßt sich nicht bester charakterisiren als durch dasjenige, was der deutsche Kronprinz gesagt hat, als er den Antisemitismus eine Schmach für Deutschland nannte. (Lebhafte Zustimmung links.) Diese Charakteristik ist richtig und einfach! (Rufe rechts: Ist nicht gesagt worden!) Jawohl, es ist gesagt worden! (Ruf rechts: Kann nicht gesagt worden sein!) Unter den Conservativen treten wenige Herren mit der lauten Art des Antisemitismus hervor, sie überlasten das Odium dieser ganzen Bewegung einem Hofprediger und einem Professor. (Sehr gut! links; Unruhe rechts.) Sie nehmen diese Aufgaben, welche ihnen die conservative Partei stellt, an, ob sie damit den Anforderungen ihres Standes gerecht werden, das überlassen wir ihrer eigenen Beurtheilung. Wenn Sie sagten, daß Herr Dirichlet kein Recht hat, ein Urtheil persönlicher Art über Sie abzugeben, so dürfen Sie vor allen Dingen sich selbst