Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1883)
- Date
- 1883-12-18
- Page
- Seite 826 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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entstanden und andrerseits Institutionen und Gemeinwesen, die Jahrhunderte bestanden, nun zu sein aufgehört haben. Ehemals große Gemeinden find heute zusammengeschrumpst. Hingegen erstanden in Orten, wo früher keine Juden wohnten, große und ansehnliche Gemeinden, die jedoch eben keine Tradition haben, und das Leben in der „Gasse" mit den Erscheinungen, wie fie ehemals an den Tag traten, hat vollständig aufgehört. Wir beklagen es nicht, daß die „Specialitäten" der Gaffe, die windschiefen Gestalten mit ihrer absonderlichen Logik rc. nicht mehr vorhanden sind, aber es ist ein großer, sehr großer Schatz von Gemeindeleben, von aufopfernder hingebender Liebe mit zu Grunde gegangen, der nicht der Bergeffenheit anheimfallen sollte. Das Bild dieser Zeit, wie es sich unter den Juden entwickelt hat, sollte festgehalten und zur Darstellung gebracht werden, welch ein tiefes Seelenleben in der „Gaffe" herrschte, welche Leidenschaften in ihr wogten und in welcher Beziehung die „Gaffe" zur Welt, zu den Menschen im Allgemeinen stand. Nun fehlte es nicht an Männern, die die Juden zu schildern verstanden und die Lösung dieser Aufgabe unternahmen und als der berufensten Einer ist Leopold Kompert zu betrachten, deffen gesammelte Werke nun vorliegen. Als echter Künstler hat er Bilder ins Leben gerufen, welche der Natur sprechend ähnlich find, so daß fie einem förmlich bekannt Vorkommen und glaubt man fie bereits gesehen zu haben, und doch sind fie poetisch verklärt. Kompert's Verdienst ist ein doppeltes. Er ist Dichter und hat als solcher Gestalten geschaffen, die den Geist erheben und das Herz erfreuen; er ist aber auch Kulturhistoriker, welcher das vorhandene Material mit einsichtsvollem Blick lichtvoll geordnet darstellt. Wirst man einen flüchtigen Blick in die stattlichen acht Bände (und hat man einen Blick hineingeworfen, so wird man fie auch lesen), so wird man finden, daß Kompert zuerst seine Stoffe ausschließlich in der „Gaffe" suchte und fand. Einzelnweise spinnen fich die Fäden nach der Außenwelt und zwar einersetts indem er das neue Leben der Juden nach dem Jahre 1848 als Handwerker („Trenderl") oder „am Pfluge" schildert, oder indem er interconfesfionelle Konflikte wie in der „Verlornen", „Christian und Lea" schildert. In seinem letzten Werke aber, welches fich aus allgemeinem Boden bewegt: „Franzi und Heini" ist es wieder Perl Blütenstern oder „hochdeutsch Pauline Blütenstern genannt", welche eine köstliche Perle des Buches ist. Wir sprachen hier von Konflikten. Man würde fich jedoch täuschen, wenn man bei Kompert ttefaufgewühlte Leidenschaften, blutige Konflikte suchen möchte. Kompert, eine zarte und weiche Natur im Leben, liebt es auch nicht als Dichter mit Gift, Dolch und Pistolen umzugehen; aber er versteht es die leisesten Herzenstöne zu belauschen und fie mit künstlerischer Präcifion zu schildern. Kompert schöpft aus der Tiefe seines Herzens, nur selten findet man den scharf zugespitzten Witz, die beißende Satire, und darum redet er auch zum Herzen. Kompert hat fich sowohl als Dichter wie als Kulturhistoriker einen Ehrenplatz in der Literatur erworben und da er in voller Manneskrast steht, so ist zu gewärtigen, daß wir noch Manches und hoffentlich Vieles von ihm erhallen werden. Es scheint uns jedoch angemessen noch eines Momentes zu gedenken. Kompert schrieb seine Werke zu einer Zeit, da es noch keinen Antisemitismus gab, ja als man einen solchen geradezu für unmöglich hielt. Da und dort gab es wohl Judenfeinde, aus Neid, aus Schelsucht rc., aber nicht aus Princip oder in Folge eines Systems. Wohl waren vielfach Borurtheile gegen Juden vorhanden, aber fie nahmen immer mehr ab und man durfte fich der Hoffnung hiugeben, daß fie bei weiterschreitender Civilisation und zunehmender Bildung bald verschwunden sein werden. Diese Werke find daher nach dieser Seite hin gewiß ftei von jeder Tendenz. Zur Zeit aber als die Gesammtausgabe erschien, stand und leider stehet der Anttsemitismus in voller Blüthe. Falls nun die Antisemiten einer Belehrung zugänglich wären, müßten fie, wenn fie diese Bücher lesen, fich beschämt von ihrer Agitatton zurückziehen. Wahrlich ein Bolksstamm, der trotz Jahrhunderte langer Bedrückung, trotz all der Schwächen, die ihm wie jedem Staubgebornen anhaften, im besten und edelsten Sinne des Wortes menschlich denkt, fühlt und handelt, verdient Anerkennung und Würdigung und nicht Haß und Verfolgung. Die Juden aber mögen aus denselben lernen ihre Tugenden zu würdigen und ihre Schwächen aufzugeben und den Trost schöpfen, daß wie das Ghetto mit der alten Judengesetzgebung verschwunden find, auch die boshaften Hirngespinnste der Antisemiten verschwinden und ihre sophistischen Anklagen verstummen werden. G. W. Deutsckland j Tü a*i*> z< ” o der Stimmberechtigten an der Wahl theil- ' genommen haben. Berlin, 7. December. Bei den Repräsentantenwahlen — Gegen die Wahl des Di. Straßmann zum Stadtder jüdischen Gemeinde wurden 2287 Stimmzettel abgegeben,j verordnten in dem Bezirke, für welchen er angenommen