Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1883)
- Date
- 1883-12-18
- Page
- Seite 825 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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825 nicht, der Referent des Petitions-Ausschusses, Al. Szekely, eröffnet die Debatte mit folgenden Worten: Geehrtes Haus! Die Petition des Borsoder Komitats in Sachen der Sperrung der Winkel-Rabbinerfchulen äußert sich mit großer Anerkennung über die Operwilligkeit, welche einzelne israelitische Gemeinden auf dem Gebiete der Bolkserziehung bekunden, doch weist sie auch darauf hin, daß diese Opfer großentheils unfruchtbar sind, weil viele der Seelsorger und Lehrer nicht die nöthige Bildung besitzen, da sie von hinter ihrer Zeit zurückgebliebenen Rabbinern vorbereitet werden. Die petitionirenden Municipien finden daher in diesen Seelsorgern und Lehrern nicht jene Bedingungen, welche vom Gesichtspunkte der patriotischen Erziehung der Jugend und behufs richtiger Matrikelführung nothwendig sind; sie bitten daher, daß solche Rabbinerschulen gesperrt und daß nur solche Individuen angestellt werden sollen, welche ihre Qualifikation an der Budapester Landes-Rabbinerschule erlangt haben. Der Petitions- Ausschuß beantragt die Hinausgabe dieser bemerkenswerthen Petitionen an den Unterrichtsminister behufs Studiums derselben. In einer mehr langweiligen als langen Rede wirft sodann Ivan Simonyi der Regierung u. A. vor, daß sie im Jntereffe der Juden die Preß- und Redefreiheit und die ganze Berfaffung zu consisciren bereit sei. Darauf ergreift das Wort Minister-Präsident Koloman Tißa (Hört! Hört!): Ich bitte das geehrte Haus ganz einfach, den Antrag des Petitions-Ausschuffes anzunehmen. Bon Alledem, worüber der Herr Abgeordnete sprach, will ich jetzt nicht reden; ob diejenigen Dinge, welche — ich weiß nicht in welchem Zusammenhänge mit diesem Gegenstände — vorgebracht wurden und eine Replik auf eine hinter uns liegende Debatte sein sollen, am Platze waren — das mag vor Allem das geehrte Haus beurtheilen. Ich denke, ich würde inkorrekt Vorgehen, wenn ich mich darauf einlassen würde. Einige Worte muß ich aber doch sagen. (Hört!) Das Eine ist, daß ich aufrechterhalte, was ich jüngst gesagt habe; doch habe ich nicht von der Sistirung der Preßfreiheit gesprochen, sondern davon, dafür sorgen zu wollen, daß die Aufreizung zum Haffe gegen Racen und Confessionen verhindert werde, und zwar war dies nicht nur gegen die Antisemiten gerichtet, da ich auch von den Hetzen gesprochen habe, die in rumänischen und slavischen Blättern verübt werden. (So ist's! rechts.) Geza Onody: Und wie hetzen erst die Judenblätter! Minister-Präsident Tißa: Daß doch der Herr Abgeordnete nicht schweigen kann! Ich habe rnhig zugehört als er gesprochen hat, was immer er auch sagte. — Das war das Eine, was ich bemerken wollte. Das Andere ist, daß ich mich mit Niemandem verbündet habe, und daß auch die Regierung dies nicht gcthan hat. Doch ist es unsere Pflicht Jedermann gegenüber, die Ruhe des Landes und den Frieden zwischen Racen und Confessionen aufrecht zu erholten. Das Dritte aber ist — der Herr Abgeordnete wolle mir verzeihen, wenn ich diese Sünde unbewußt begangen habe und es war gewiß nicht schön von mir —, daß ich über ihn und seine Genoffen das Statarium verhängen ließ. Doch konnte ich nicht wiffen, daß das gegen Räuber und Raubmörder verkündete Statarium gegen Sie verkündet sei. (Lebhafte Heiterkeit rechts; Unruhe links.) Ivan Simonyi: Wir übernehmen den auf uns entfallenden Theil der Verantwortung; übernehmen Sie auch den Ihrigen. (Großer Lärm.) Minister-Präsident Koloman Tißa: Uebernehmen Sie die Verantwortung nicht hier, wo man Alles reden kann, ohne hierfür zur Verantwortung gezogen zu werden. sondern vor dem Gericht, dann werde ich sagen, daß Sie den Muth Ihrer That besitzen. (Lebhafter Beifall.) Ivan Simonyi: Ich bin noch nie retirirt. (Großer Lärm.) Die Petition wird im Sinne des Ausschußantrages erledigt. Literarischer Wochenbericht. Wien, 26. November. Leopold Kompert's gesammelte Schriften. 8 Bände. Berlin, Louis Gerschel. Wie man weiß, wurde in den letzten Jahrzehnten maffenhaftes neues Quellenmaterial für die Geschichte der Juden herbeigeschafft und der nimmer rastende Fleiß der Forscher bringt noch immer neues Material herbei. Der Inhalt desselben dient zur Aufklärung der, wenn wir so sagen dürfen, politischen Geschichte der Juden und ihrer Literatur. Am stiefmütterlichsten ist die Kultur- und Sittengeschichte bedacht. Diese muß zumeist aus Sittenbüchern, aus versprengten Notizen und Rechtsgutachtcn rc. geschöpft werden. Und doch ist der Werth einer Kulturgeschichte, insbesondere für uns Juden, deren politische Geschichte Jahrhunderte hindurch nur eine Leidensgeschichte war, noch höher anzuschlagen als dies sonst der Fall sein mag. Nun ist wohl jede Zeit eine Uebergangszeit, da eben die Dinge und Berhältniffe stets in Fluß sind, aber gewiß ist es, daß unsere Zeit und beziehungsweise die letzten Jahrzehnte mehr als sonst als wirkliche Uebergangsperioden bezeichnet werden kann, und ist es Thatsache, daß Mittheilungen aus dem Vormärz 1848 oder auch aus den Fünfziger Jahren der heutigen Generation so fremd Vorkommen, als würde man ihr von Verhältnissen erzählen, die sich vor Jahrhunderten zugetragen haben. In weit größerem Maße noch gilt dies von den jüdischen Verhältniffen und Zuständen der vormärzlichen Zeit, da sich so Vieles verändert hat und vollständige neue Schöpfungen