Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1883)
- Date
- 1883-12-18
- Page
- Seite 820 (sequence 2)
- Language
- German
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820 ganzen Epoche seinen Platz mehrfach wechselte, bis es von David nach Jerusalem verpflanzt wurde. Während dieser ganzen Zeit, wie ja auch noch später in der Königszeit, hatte die Gotteslehre einen schweren Kampf mit dem immer wieder eindringenden Heidenthuine zu bestehen. Sobald jedoch die erstere wieder zu ihrer Obherrschast gelangte, wird auch der Gedanke sestgehalten, daß es in Israel nur ein Heiligthum geben dürfe. Ein besonderes Zeugniß hierfür giebt die Er- 1, 10 ff.). „Sie ging in das Heiligthum bekümmerter Seele und betete vor dem Ewigen und weinte sehr, sie redete in ihrem Herzen, nur ihre Lippen bewegten sich, aber ihre Stimme wurde nicht gehört", und auf die barsche Frage Eli's sprach sie: „Ein Weib belasteten Gemüthes bin ich, ich habe ausgeschüttet meine Seele vor dem Ewigen, von meinem großen Kummer und meinem Verdruß habe ich geredet bisher." Ja, die Frommen, die zum Heiligthume kamen. zählung von dem Altar, welchen die drittehalb Stämme am um ihr jährliches Opfer zu bringen, wie Elkana, „standen linken Ufer des Jordan errichteten, als sie in das ihnen von früh auf am anderen Morgen und beteten an vor dem Moses zugewiesene Land gezogen, und bei dem ausdrückliche gesagt wird „Zur Schau" (Jos. 22, 10.), d. h. nicht um Opfer darauf zu bringen, sondern als Zeuge der Zusammengehörigkeit mit Israel (vergl. V. 10.). Aber auch nachdem David das mosaische Heiligthum nach Zion gebracht, wo es bis zum Bau des Tempels für den Opsercultus diente, wurden von David und Salomo selbst gelegentlich noch Altäre an anderen Orten errichtet und Opfer darauf gebracht (2. Sam. 24, 25. 1. Kön. 3, 5.). Beinahe fünf Jahrhunderte nach dem Auszuge ans Aegypten wurde der Ewigen und kehrten zurück und kamen in ihr Haus" (V. 10.). Aber auch der Hymnen, der Sieges - und Danklieder mit hohem poetischem Schwünge und in künstlerischer Form haben wir weitere Beispiele in dem Siegesgesange der Deborah (Nicht. 5.), in dem Dankgebete der Hanna (1. Sam. 2.) und im Dankespsalm David's (2. Sam. 22.). Bald aber zeigt sich uns auch das Gebet in prosaischer Form, ohne dichterischen Schmuck, aber in wärmster Innigkeit, in größerer Ausdehnung. Abgesehen von Samuel's Gebet (1. Sam. 12,18.) haben wir das erste längere prosaische Gebet von David Tempel von Salomo auf der Höhe des Morijah errichtet. > (2. Sam. 7, 18.), das Sündenbekenntniß David's nach der Aus der Beschreibung desselben (1. Kön. 6 u. 7.), der Einrichtungen, Geräthschaften und Zierrathen erkennen wir, daß diese zwar nach dem Borbilde des mosaischen Heiligthums hergestellt waren, aber in sehr vielen Theilen die mosaische Symbolik verletzten, und durchbrachen, in Maßen, Formen, Zahlen, Farben u. s. w. die symbolische Einheit zerstörten und des Fremdartigen Vieles hereinbrachten. Es geht daraus hervor, daß das unmittelbare Verftändniß der symbolischen Bedeutung des Heiligthums wie des Opsercultus sich zu verlieren begonnen hatte, wie denn die ganze Anschauung Sa-- lomo's ffch als eine rationelle, raisonirende, ja philosophirende darstellt. Diese Entwickelung des Verstandes war der Gegensatz zum unmitelbaren Symbolismus. Um so mehr mußte der Opsercultus sich zum bloßen Formalismus Hinneigen und Gelegenheit geben, zum Deckmantel der Heuchelei und der Glaubensirrthümer zu dienen, weshalb ihm einige Jahrhunderte später die Propheten und Sänger fast feindlich entgegen traten. Aber der Strom der echten Religiosität, der aufrichtigen Erhebung zu Gott, des Dankes und Lobpreises , kurz der Herzensfrömmigkeit, bleibt ungehemmt in der Menschenseele und schafft sich eine neue Bahn, die ihm mehr entspricht, selbst wenn er das alte, hergebrachte Bett nicht ganz verläßt. So sehen wir denn auch die Entwickelung des Gebetes neben dem Opsercultus einen reichen Fortgang nehmen. In allen Bedrängniffen und Nöthen nehmen die Männer der Schrift ihre Zuflucht zum Gebet; so Josua (7, 7.), Manoa (Nicht. 13, 8.), Simson (15, 18. und besonders vor seinem Tode 16, 28.). Einen tieferen Blick bietet uns die Erzählung von dem Gebete Hanna's (1. Sam. Zählung des Volkes (2. Sam. 24, 10.) und Salomo's Gebet zu Gibeon (1. Kön. 3, 6 ff.). Den Höhepunkt nach dieser Richtung hin erreichte das Gebet Salomo's bei der Weihe des Tempels (1. Kön. 8.). Mögen immerhin einige Kritiker die Abfaffung dieses Gebetes einer späteren Zeit als der Salomo's zuschreiben: er bezeichnet uns den Wendepunkt, an welchem das Gebet über das Opfer hinauswuchs und als das wesentlichste Moment der Gottesverehrung auch im Tempel angesehen wird. Bezeichnend genug ist es, daß die schriftliche Traditton dieses Gebet gerade dem König in den Mund legt, der den Tempel für den Opsercultus erbaut hat. Jene Wendung aber charakterisirt dieses Gebet einerseits durch die Feierlichkeit bei und mit welcher es auftritt. Die Opfer waren gebracht, Salomo trat an den Altar, breitete seine Hände aus gen Himmel, segnete die ganze Versammlung Israels, die stehend ihm zuhörte, und sprach das Weihegebet, das den Akt der Einweihung krönte. Andererseits durch den Inhalt des Gebets selbst. So lang und ausführlich cs ist, so wird doch nirgends in ihm der Opfer gedacht, sondern alle, die den Tempel betreten, kommen dahin, um zum Ewigen zu beten. Alle die Mißgeschicke, die das Volk und den Einzelnen treffen können, Niederlage vor dem Feinde, Mißwachs. Pestilenz, Gefangenschaft, Versündigung u. s. w., wenn sie kommen, Einheimischer wie Fremdling in den Tempel, um zum Ewigen zu beten, seine Hülfe anzurufen , das Bekenntniß der Sünde abzulegen und Gottes Vergebung zu erflehen: Gott erhöre sie „in seiner Wohnung, int Himmel". Selbst zur Ablegung eines Schwures kommt man in den Tempel, und Gott vernehme den Schwur und