Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1883)
- Date
- 1883-12-11
- Page
- Seite 813 (sequence 11)
- Language
- German
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813 die Frage angeregt, ob sich die Stellung eines Hofpredigers mit der eines Bolkstribunen vertrage. Die Amtsgenossen des Herrn Stöcker verneinen meistens die Frage, und schon vor längerer Zeit hatte die Vorgesetzte Behörde Herrn j Stöcker den Wink gegeben, er möge entweder seine Stellung j als Hofprediger niederlegen oder dem Bolksrednerthum entj sagen. Herr Stöcker antwortete, daß, wenn es ihm nicht erlaubt sein sollte, als Hofprediger ans einem anderen Gebiete als auf dem lediglich kirchlichen thätig zu sein, er vorziehen würde, jene Stellung aufzugeben. „Denn er fühle in sich den Drang nnd den Beruf, auch auf socialem Gebiete für das Gemeinwohl zu wirken. Die Angelegenheit kam indessen damals nicht zur Entscheidung. Herr Stöcker ist ein wohlhabender Mann und ist insofern den kirchlichen Behörden gegenüber unabhängig. Nun ist abermals die Frage angeregt, ob die Stellung eines Hofpredigers eine Wirksamkeit wie die Stöcker'sche gestatte. Er hat sich in den Augen seiner Vorgesetzten Behörde namentlich dadurch in London geschadet, daß er wieder einen Beweis seiner llnzuverläsfigkeit, um nicht zu sagen, seines Mangels an Aufrichtigkeit gegeben, indem er dort die Beschuldigung, er stehe an der Spitze der antisemitischen Bewegung, ableugnete. Die Freunde des Herrn Stöcker führen zu seinen Gunsten an, daß durch seinen Einfluß die Regierungspartei, wie sich bei den Stadtverordnetenwahlen gezeigt habe, sehr verstärkt sei. Allerdings hat die deutsche Bürgerpartei bei den Wahlen nicht gesiegt, aber doch stärkere Minderheiten als früher aufzuweisen gehabt. Es soll nun untersucht werden, ob an diesem Erfolge Herrn Stöcker oder der Regierung durch ihre socialistische Gesetzgebung der Hauptantheil zuzuschreiben sei." — So weit die Corr. Der Schlußsatz derselben giebt zu denken. Man erwägt, ob die Stöcker'sche Agitation in der Bockbrauerei und an ähnlichen Plätzen mit der Würde eines Hofpredigers vereinbar sei und sollte den Erfolg, den er in den Persammlungen erzielt, zum Maßstabe nehmen wollen?! — Stöcker bemüht sich in seinen Parteiversammlungen, sich vor seinen Anhängern dadurch zu rehabilitiren, daß er all' sein Mißgeschick in London auf die Juden wälzt, während doch ossenbar die deutschen Handwerker und Arbeiter in London seine eigentlichen und heftigsten Gegner waren. Was hätte die Handvoll Juden in den Versammlungen im Memorial-Hall wohl vermocht? Hätten sie sich wirklich gerührt, würde man sie schnell vor die Thüre gesetzt haben. Aber dies ist eben der wundeste Fleck für ihn. Denn auf seinen „christlichen Socialismus" läuft doch zuletzt seine Existenzbedingung in der Oeffentlichkeit hinaus. Auf seinen Judenhaß allein hin konnte er die ersten Schritte in der Oeffentlichkeit machen. Blieb er dabei stehen, so war es bald mit ihm vorbei, da die großen Jntereffen der Zeit doch nur einen kleinen Winkel für Feindseligkeit gegen die Juden laffen. Nun mag immerhin Stöckers Judenhetze ihm das Mansion House verschlossen haben; aber was wollte das zuletzt im großen London sagen? Daß ihm aber die deutsche Arbeiterwelt so entschieden entgegentrat, zeigte ihm, selbst wider seinen Willen mußte er dies erkennen, daß er mit seinen socialistischen Phrasen in der Sphäre, auf welche er wirken wollte, vollständig Fiasco mache, vollständig verleugnet, ja gehaßt werde. Und wiederum könnte er nach oben hin seine Geltung doch nur durch eine nachweisliche Wirksamkeit auf die Arbeiterpartei bewahren. Hier will er nun seinen Londoner Sturz durch die kleinlichsten Mittel verschleiern. Am vorigen Freitag sprach er in einer Parieiversammlung in der Tonhalle über die „Elende Judenpreffe, beleuchtet an den Vorgängen in Neustettin und London." Als solche „Judenpresse" stehen ihm die Bossische, Kölnische, Weser-Zeitung an erster Stelle. Das bekannte Schreiben des Lord Shaftesbury, das seine Berufung vom Luthercomitö dementirt, bezeichnet er als „angeblich", während es doch mit der Unterschrift des Lords in englischen und deutschen Blättern veröffentlicht und nirgends dementirt oder nur angezweifelt worden. Daß er hiermit nicht einmal seine eigentlichen Werkzeuge, sondern nur eine unwissende Schaar erhitzter Anhänger blenden könne, muß er wohl selbst wissen. Aber es gilt ja nur, eine Art Schein zu bewahren, um seinen Niedergang nicht selbst eingestehen zu müssen. Charlotteuburg, 30. Novbr. In einer großen öffentlichen Arbeiterversammlung am Sonntag Vormittag gelangte nachstehende Resolution einstimmig zur Annahme: „Die heutige Arbeiterversammlung spricht ihren tiefsten Abscheu aus gegenüber dem Bestreben des hiesigen Bürgervereins und seines Protektors, des Hofprediger Stöcker, nach Art der barbarischen, mittelalterlichen Zustände die verschiedenen Racen und Konfessionen zu verhetzen und zu diesem Zwecke die niedrigsten Leidenschaften des Volkes aufzustacheln, und protestirt gegen den künstlichen Gegensatz, der in die politischen und kommunalen Kämpfe geworfen wird. Sie erklärt, daß der Mensch nicht nach Stand, Race und Religion, sondern nur nach seinem sittlichen und moralischen Werthe zu beurtheilen ist." Oesterreich-Ungarn. Wien, 27. November. (Privatmitth.) Einige obscure jüdische Gemeinden in Galizien haben sich veranlaßt gesehen, oder richtiger, wurden veranlaßt, denn in ihrer Mitte .dürfte es wohl wenige geben, die deutsch lesen können, viel weniger, die ein deutsches Schriftstück zu verfassen im Stande! wären, eine Vertrauensadresse an den Minister-Präsidenten Herrn Grafen Taaffe zu richten. Nun fällt es mir nicht im entferntesten ein, das Verdienst des Grafen Taaffe, welches er sich auf dem Gebiete der antisemitischen Bewegung, die er vom ersten Momente an mit allen gesetzlichen Mitteln be- 50*