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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-12-11 · Heft 50 (11.12.1883) · p. Seite 812

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 50 (11.12.1883)
Date
1883-12-11
Page
Seite 812 (sequence 10)
Language
German
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812 Wagner zu entgegnen, theilen wir eine Corresp. des „Pest. Lloyd" mit: „Nachträglich erfährt man auch einiges Nähere über das Comitö, welches Herrn Stöcker eigentlich nach London eingeladen. Es ist zu constatiren, daß die wirklich angesehenen Deutschen in der englischen Hauptstadt, welche auf allen Gebieten des Schaffens und Wiffens ihrem alten Baterlande zur Ehre gereichen, mit der Einladung Stöcker's absolut nichts zu thun hatten, ja von derselben ebenso wenig etwas wußten, wie die Engländer. Die ganze Affaire wurde von einem halben Dutzend absolut unbekannter Persönlichkeiten eingefädelt. Die Seele der Agitation war der Pächter einer Herberge für deutsche Gesellen. Die anderen Mitglieder des „Comites" waren drei kleine Kaufleute in der City und ein deutscher Sortiments-Buchhändler. Der Letztere hielt es jedoch nicht für angezeigt, sich öffentlich auf der Plattform mit Stöcker zu zeigen. Wie wirklich anständige deutsche Kreise Londons und Englands über Stöcker denken, bewies der Brief Karl Blind's auf das deutlichste. Die Deutschen Londons selbst gaben ihre Meinung über die Agitation und die Tendenzen des Herrn Hofpredigers dadurch zu erkennen, daß sie ausnahmslos von dessen Vorlesungen fern blieben. Wie die Engländer und die englische Presse über Stöcker urtheilten, ist bekannt. Von der hocharistokratischen torystifchen „Morning Post" angefangen bis zu dem radicalen „Echo", von „Daily News", „Times" und „Pall-Mall Gazette" bis zu den unbedeutendsten Provinzblättern verurtheilten alle ausnahmslos die Tendenzen und Agitation des Herrn Hofpredigers. Mit Stolz kann die englische Presse darauf Hinweisen, daß auch nicht ein einziges englisches Journal die Hetzpolitik der christlich-sozialen Partei in Deutschland billigte. Die Juden Englands, welchen es gewiß an Sympathien für ihre Glaubensgenossen in Deutschland nicht mangelt, benahmen sich dem Hetzpriester gegenüber geradezu musterhaft. Sie behandelten ihn einfach mit Verachtung; sie kümmerten sich nicht um seine Vorlesungen, weder besuchten sie dieselben, noch suchten sie dieselben zu verhindern. Die Sozialisten dagegen hatten ihr eigenes Wort mit dem angeblichen Sozialdemokraten zu reden und verhinderten ihn zu sprechen. Die Juden hätten Herrn Stöcker so lange reden lassen, als es ihm nur gefiel." Die „Köln. Z." bringt in einer Corresp. aus London vom 27. Nov. Folgendes: „Das Nachspiel zu Stöcker's Bortrag über die Judenhetze im St. Stephen's Club hat sich folgendermaßen gestaltet. Zunächst ist das Parlamentsmitglied Baron de Worms, welcher, in Meran weilend, von dem Bortrage hörte, aus dem Club ausgetreten, aber nicht ohne diesem vorher seine Entweihung durch den Stöckerskandal vorzuwerfen. Dann häuften sich im Beschwerdebuch des Clubs die Einsprüche gegen die Mißbrauchung der Clubräume zu religiösen Hetzzwecken derartig, daß unter dem Vorsitz Lord Folkestones eine Ausschußversammlung zusammenberufen werden mußte, welche drei Beschlüsse faßte: erstens, zu erklären, daß der Stöcker-Vortrag ohne Wissen und Zustimmung des Ausschusses abgehalten sei; zweitens, zu erklären, daß vr. Badenoch, ein protestantischer Geistlicher, welcher den Bortrag veranlaßte, seine Entlassung eingereicht; und drittens, daß künftighin ohne Mitwissen des Ausschusses keine Zusammenkunft im Club mehr gehalten werden dürfe. Wenn Stöcker jetzt noch sein Fiasco einem Mißverständnis zuschreiben will, so ist er wirklich unverftoren." Und nun noch eine Stimme aus England, und eine sehr gewichtige! Die „B. Z." schreibt: „Mit den Behauptungen des Herrn Hofpredigers Stöcker ist es recht häufig ein ganz eigenes Ding! Nach dem Referate der „Kreuzz." hat Hr. Stöcker in der von uns erwähnten letzten Antisemiten- Versammlung in der Bockbrauerei gesagt: „Es war in Wittenberg, als ein deutscher Herr aus London an mich herantrat, um mich zum Lutherfest daselbst einzuladen. Das dortige Luthercomite, an dessen Spitze der Lord Shaftesbury steht (die gegentheilige Behauptung einzelner Blätter ist unwahr) schrieb dann an mich. Ich antwortete, daß ich zu einer so weiten Reise keine Zeit habe u. s. w." Dieser Auslassung gegenüber sieht sich die „Franks. Z." in den Stand gesetzt, folgenden Brief des Lord Shaftesbury, welchen derselbe an einen in Frankfurt a. M. wohnenden Herrn gerichtet hat, zu veröffentlichen: „S. Giles' House, Cranborne, Salisbury, 22. November 1883. Sir! Ich war nicht in der Memorial Hall, um den Hofprediger Stöcker zu hören, noch auch war ich irgendwo anders, um mit ihm zusammenzutreffen. Ich mißbilligte vollständig, daß er in die Luthergedenkfeier hinein - gezogen wurde (I entirely disapproved of his being mixed up with the proceedings of the Lnther-Commemoration). Ich bin, Sir, Ihr ergebener Diener Shaftesbury." (S. übrigens noch die Ztgncht. aus Berlin.) Deutschland. Berlin, 27. Nov. Wir entnehmen der „Köln. Z." folgende Correspondenz. „Als der Hofprediger Stöcker aus London zurückkehrte, wo er keine Lorbeeren geerndet hatte, sagte er zu seinen Anhängern, die ihn aus dem Bahnhof empfingen: „Ja, es war schlimm; aber es war doch gut!" Die Vorgänge in London haben indeß wieder hohen Ortes

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