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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-12-11 · Heft 50 (11.12.1883) · p. Seite 810

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 50 (11.12.1883)
Date
1883-12-11
Page
Seite 810 (sequence 8)
Language
German
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810 nicht mißzuverstehender Weise gegen die antisemitische Agitation Stellung nehmen und demonstriren wollte. Im Sinne des Abgeordnetenhauses ist also nunmehr die Emanzipation der Juden in Ungarn vollständig, und der Antisemitismus verurtheilt. Uebrigens folgt nun erst die Specialdebatte, und da wird es des Redens noch viel geben. Die Ltöckena-e in London. Herr Hofprediger Stöcker hatte wohl erwartet, daß, wie sein Wort in Rußland und Ungarn gezündet, er seine Judenhetze auch nach England übertragen könne. Er hatte erwartet, daß er in London schnell einen Anhang finden, welligsten» von einem Theile der Engländer und ihrer Presse willkommen geheißen, nach Liverpool, Manchester, Birmingham, vielleicht sogar nach Glasgow und Edinburgh berufen würde. Bon allem dem ist nichts in Erfüllung gegangen. Bon England wird er bereits zu deu Todten gezählt, und außer in einigen Witzblättern ist er dort bereits vergessen. Sein Einzug war von dem vernichtenden Briefe des Lordmayors und sein Auszug von dem Schreiben des Vorstandes des St. Stephens-Club begleitet. In jenem wurden ihm die Pforten des Nansion Uouss verschlossen, und im letzteren sprach fich der Vorstand entrüstet darüber aus, daß dem Stöcker hinter dem Rücken des Vorstandes erlaubt worden, in einem Sälchen vor ungefähr vierzig Personen zu sprechen, von denen ein Theil mitten in Stöcker's Rede den Saal verließ. Aber auch in allen Schichten der deutschen Bevölkerung Londons protestirte man von Anfang an gegen Stöcker's Erscheinen und Agitiren. Wir bedauern, daß die Socialdemokraten in so tumultuarischer Weise gegen ihn vorgegangen. Aber Stöcker war selbst die Ursache hiervon, weil er allein das Wort haben und seine Vorträge ohne daran sich knüpfende Diskussion halten wollte. Da er nun seine socialisttschen Phrasen auszukramen gedachte und den Socialisten die Antwort abgeschnitten sein sollte, so gaben sie ihren Unwillen und ihren Dissens in ihrer Weise zu erkennen. Es versteht sich von selbst, daß Stöcker all' die Unbille, all' das Fiasko, nach Deutschland zurückgekehrt, den Juden in die Schuhe schiebt, und nach seinem gewöhnlichen Kunstgriff, die 80,000 Deutschen in London von den Juden beherrscht ausgiebt. Doch das wird ihm wenig helfen; die Schande, die er dem deutschen Namen in London bereitet hat, wird ihm auch bei allen Unbefangenen in Deutschland unvergessen bleiben. Aber es war natürlich, daß diese Vorgänge einige Nachspiele auch in Deutschland haben, und dies veranlaßt uns, noch einmal darauf zurückzukommen und darüber zu berichten. Die „Boss. Ztg." vom 25. November enthält einen längeren Arttkel: „Die Deutschen Londons und Herr Stöcker." Er beginnt mit folgenden Sätzen: „Als Herr Hofprediger Stöcker nach London kam, um den Engländern das Evangelium des Semitenhaffes zu predigen, fand er bei den dorttgen Deutschen eine so antipathische Aufnahme, daß in öffentlichen Versammlungen sogar die auch einem polittschen Gegner gegenüber zu beobachtenden Gesetze des parlamentarischen Anstandes außer Acht gelassen wurden. Wir find weit davon entfernt, dies zu billigen; um aber die Sttmmung unserer deutschen Landsleute in England gegen Herrn Stöcker zu begreifen, muß man die Lage nnd die Stellung berückfichttgen, in der jene sich daselbst befinden." „Ließe fich ein Mann von der Sinnesart des Herrn Stöcker überhaupt belehren, so könnten diese Erfahrungen sehr heilsame Folgen haben. Er würde, dem diretten Hinweise der „Times" und anderer englischer Blätter folgend, durch Nachforschungen nach dem Grunde des auffälligen Betragens seiner Landsleute in London herausgefunden haben, daß seit Jahren von dem weniger urtheilsfähigen Theile des englischen, besonders des Londoner Publikums die nämlichen Borwürfe gegen die deutschen Geschäftstreibenden in England erhoben werden, mit denen er und seine Gesinnungsgenossen die Rechtlosmachung oder, um einen neueren anglo-irischen terminns technicus zu gebrauchen, die Boycottirung der Juden in Deutschland zu rechtfertigen suchen." „Noch im vergangenen Sommer spielte sich in der englischen Presse eine Discusfion ab, die recht schlagendes Beweismaterial lieferte." „Der „Daily Telegraph" enthielt eine Reihe von Correspondenzen über die Frage: „Was soll aus unseren Söhnen werden?" „Durch diese Herzensergüsse zog fich, an die wohlbekannten Tiraden unserer Stöckerlinge erinnernd, wie ein rother Faden die Klage: Kaufleute oder Commis können wir unsere Jungen nicht werden lassen, denn die Deutschen verdrängen sie durch ihre niedrige Concurrenz aus den Londoner Geschäften. Das dürste aber doch nicht mehr geduldet werden. England für die Engländer! Deutsche 'raus!" „Bei dem Borurtheil gegen alle „foreigners“ (Ausländer) reservirt der englische Philister „seine ausgesprochenste mit Furcht gemischte Abneigung für die Deutschen und macht hierbei gar keinen Unterschied zwischen dem christlichen und jüdischen Theile der Ankömmlinge von jenseits der Nordsee. Beides sind Menschen, die das Englische mit einem ohrbeleidigenden deutschen Accent sprechen, den Sonntag nicht auf die in England heimische Manier feiern, also im Geruch greulichen Heidenthums stehen, und ihm durch eine umfassendere Bildung und vor Allem durch bessere Sprachkenntnisse in der Bewerbung um vaeante Commisposten überlegen, an Geschästsgewandtheit mindestens gleich find. Der Brodneid hat bei jenen Leuten an der Erzeugung des Deutschenhasses, wie gesagt, den Hauptantheil, geringer schon ist die nationale

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