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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-12-11 · Heft 50 (11.12.1883) · p. Seite 809

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 50 (11.12.1883)
Date
1883-12-11
Page
Seite 809 (sequence 7)
Language
German
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bringe und daß die Gesetze der Religion mit den Gesetzen des Staates nicht im Widerspruche stehen. Man verlangt einen jüdischen Katechismus. Als wenn es solche nicht schon gäbe. Redner hat in den Schulen aus einem ungarischen Lehrbuche jüdische Religions- und Morallehre gelernt. Solche Handbücher sind überall zu haben. Die jüdische Religion hat keine Dogmen; sie hat rituelle Sanitäts- und Speisegesetze, politische Verfügungen, die nicht von den jüdischen Gesetzgebern herstammen, sondern in späteren Jahrhunderten entstanden (??) und die heute, im Zeitalter der Aufklärung, kein Ansehen mehr genießen, so daß es jüdische Seelsorger genug giebt, welche diese Verfügungen für überflüssig halten. Wozu also eine Synode? Als der Großvater unseres Abgeordneten-Kollegen Franz Chorin zu Beginn dieses Jahrhunderts Reformen proponirte, herrschte noch ein solcher Fanatismus unter den Juden, daß man ihn in den Bann that. Heute würde man alle seine Reformen für überholt betrachten. Für die wesentlichste Frage in Bezug auf das Judenthum in Ungarn hält Redner die, ob die ungarischen Juden in ihrer Kultur und in ihren Gefühlen sich der ungarischen Nation assimiliren, ob sie das Bewußtsein der ungarischen Staatlichkeit in sich aufnehmen? Als Jude und als Ungar erklärt Redner, daß die Magyarisirung der Juden überraschende Fortschritte gemacht hat. Man sieht das selbst in der Hauptstadt, welche doch schon vermöge ihrer Beschaffenheit einen internationalen Charakter hat. Nach der jüngsten Bolkszählung folgen die Juden in Bezug auf Magyarenthum unmittelbar auf die Reformirten, indem 76 Proc. der hiesigen Juden ungarischer Nationalität find, während sie noch vor einer Generation die dem Magyarenthum fremdeste Confession bildeten. Und die Magyarisirung macht unaufhaltsam immer weitere Fortschritte. Jeder Jude, der sich Bildung aneignet, entsagt zugleich seinem Raffencharakter und wird ein Ungar. Und wie rasch vollzieht sich dieser Fortschritt! In 50 Jahren wird man die Geschichte des letzten Marmaroser Kaftanjuden schreiben können. Ivan Simonyi: Bis dahin verjuden wir alle. Ernst Mezei (fortfahrend) schildert nun eingehend die verderblichen Folgen der antisemitischen Agitation welche die Früchte der Emancipation auf lange Zeit hinaus vernichtet hat. Es sei ein gottloses Unternehmen', in diesem Lande, welches für seine Existenzintereffen kämpft, wo sich ohnehin so viele Nationalitäten gegenüber stehen, noch eine besondere sociale und Nationalitätenfrage zu schaffen gegenüber dem jüdischen Stamm, dem einzigen, welcher eine Assimilation zeigt. Redner schließt seine Ausführungen wie folgt: Ich erwarte von der Vorlage eine ganz besondere Wirkung. Das ungarische Nationalbewußtsein ist nicht im Niedergange. Niemals haben sich so viele Menschen mit solchem Stolz Ungarn genannt wie heute. Die ungarische Intelligenz gedeiht, entwickelt sich; wir sehen: die ungarische Wissenschaft, Kunst und Literatur stehen in ihrer höchsten Blüthe und es .braucht nur noch dasjenige sich zu realifiren, was die Partei, der ich angehöre, auf ihre Fahne geschrieben hat: nämlich, daß unsere Staatsmänner mit unverbrüchlichem Pflichtbewußtsein die Idee der Unabhängigkeit und Selbstständigkeit Hochhalten mögen. Ich acceptire die Vorlage auf Grund des Jranyischen Beschlußantrages. (Lebhafte Zustimmung.)" Den weiteren Verlauf der Verhandlungen brauchen wir nicht näher zu skizziren. Sie drehten sich immer wieder um das Für und Gegen der obligatorischen Civilehe, um Angriffe auf Tißa und dessen Bertheidigung. Bei der Abstimmung erhob sich das ganze Haus, einzelne Abgeordnete auf der Rechten und an zwanzig auf der äußersten Linken ausgenommen, für die Vorlage. Der Györh'sche Antrag, auf Annahme des ursprünglichen zweiten Theiles des Jranyi'schen Antrages (»Einbringung einer Vorlage über die obligatorische Civilehe in dieser Saison") wird von der überwiegenden Majorität abgelehnt. Hierauf wird über den zweiten modificirten Theil des Jranyi'schen Antrages (»baldigstmögliche Einführung der allgemeinen obligatorischen Civilehe") abgestimmt und wird derselbe von der Majorität angenommen. (Eljen!) Hierüber giebt folgende Corresp. Näheres: Die heute erfolgte Abstimmung über den Gesetzentwurf, betreffend die Eheschließung zwischen Juden und Christen, brachte eine ganze Reihe von Überraschungen. Zunächst wurde die Vorlage wider alle Erwartung mit einer geradezu überwältigend großen Majorität, die sich aus allen Parteien rekrutirte, als Basis der Spezialdebatte angenommen. An der Herbeiführung dieses Resultates wirkten mannichfache Umstände mit. Außer den an Zahl sehr geringen Antisemiten vermied jede Partei, den Antrag auf namentliche Abstimmung zu stellen, da bei solcher sehr viele Abgeordnete aus allen Lagern sich absentirt hätten. Die Antisemiten aber vermochten für ihren Antrag auf namentliche Abstimmung die von der Geschäftsordnung geforderten zwanzig Unterschriften nicht auszubringen. Als der Präsident gegen 3/42 Uhr zur Fragestellung schritt, bemächtigte sich des Hauses, in welchem ungefähr dreihundert Abgeordnete anwesend sein mochten, eine große Auftegung, da Niemand über das Resultat der Abstimmung im Klaren war. Der Präsident richtete sodann die Frage an das Haus, ob es den Gesetzentwurf zur Grundlage der Specialdebatte annehme oder nicht. Mit vereinzelten, in der Maffe völlig verschwindenden Ausnahmen erhoben sich die Abgeordneten aller Parteien für die Annahme des Gesetzes, und angesichts dieser äußerst seltenen Einmüthigkeit der Abstimmung wurde sofort klar, daß das Abgeordnetenhaus durch dieselbe in

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